Willi Schulz im Interview

»Ein Träumer war ich nie«

Als Vorstopper gehörte Willi Schulz in den 60er Jahren zu den besten deutschen Abwehrspielern. Das heutige Aufsichtsratmitglied des HSV über das Wembley-Tor, das Jahrhundertspiel in Mexiko und Kinos in Gelsenkirchen. Willi Schulz im InterviewImago

Willi Schulz, wenn Sie an Ihre Karriere denken, welche Szenen fallen Ihnen ein?

Viele Spiele vergisst man oder verwechselt schon einmal das eine oder andere, aber etliche Ereignisse behält man doch im Kopf. Gerade die Spiele bei den Weltmeisterschaften, an denen ich teilnehmen durfte und die längst zur Legende geworden sind: das Finale in Wembley 1966, der Sieg gegen England 1970 und anschließend die Halbfinalniederlage gegen Italien im Azteken-Stadion von Mexiko City. In diesen jeweils 120 Minuten ist ja deutsche Fußballgeschichte geschrieben worden.

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Wie schwer wiegt das Wembley-Tor heute noch?

Eine Gegenfrage: Wer wäre nicht gerne Weltmeister geworden? Das »dritte Tor« entschied das Spiel. Geoff Hurst schoss, ich kam zu spät, der Ball prallte gegen die Latte, Weber klärte und der Linienrichter winkte. Der Rest ist Geschichte. Aber wenn man vor 100.000 Menschen im Wembley-Stadion im Finale steht, dann kann man auch auf eine Vizeweltmeisterschaft stolz sein, zumal die Umstände bekanntlich ein klein wenig umstrittenen waren. Wir zeigten Charakter und akzeptierten die Fehlentscheidung, die uns nicht irgendwie zu einer Rudelbildung getrieben hat. Helmut Schön sagte hinterher in der Kabine: »Jungens, seid stolz! Ein guter Zweiter ist besser als ein schlechter Erster.«

Spukt manchmal die 111. Minute im Spiel gegen Italien 1970 in Ihrem Kopf herum, als Sie den Zweikampf gegen Boninsegna verloren und dieser das 4:3 für Italien einleitete?


Wenn Sie mich nicht gerade daran erinnern, dann nicht! (lacht) Aber ernsthaft: Als Profi gewinnt man Spiele und man verliert Spiele. Das war ein Spiel in 2.000 Meter Höhe in Mexiko City. Wir hatten drei Tage zuvor England in einer kräftezehrenden Partie mit 3:2 nach Verlängerung geschlagen und mussten anschließend noch unser Quartier wechseln. Im Halbfinale gegen Italien gab es wieder Verlängerung und irgendwann waren wir mit unseren Kräften und der Konzentration am Ende. Beim Schlusspfiff waren wir Spieler, Deutsche und Italiener, nur froh, dass es endlich vorbei war. Dass wir ein »Jahrhundertspiel« miterlebt hatten, diese Erkenntnis kam erst viel später. Am Ende des Spiels gab es einfach nur die Leere, die mehr aus der Erschöpfung denn aus der Niederlage heraus resultierte. Wenige Tage später mussten auch die Italiener diesem Drama ihren Tribut zollen und gingen im Finale gegen Brasilien chancenlos unter.

Es war Ihr letzter Auftritt in der Nationalelf.

Zum Spiel um Platz Drei brachte ich meine Fußballschuh gar nicht mehr mit ins Stadion. Das war allerdings mit Helmut Schön abgesprochen, denn ich schlug mich während des Turniers ständig mit einer Verletzung herum. Und ob ich nun ein Länderspiel mehr auf dem Konto gehabt hätte oder nicht, wo ist da der Unterschied? Als ich zurück nach Hamburg kam, musste ich mich erst einmal am Meniskus operieren lassen. Danach ging es noch drei Jahre, bis ich mich 1973 auch aus der Bundesliga verabschiedet habe.

Fiel der Abschied schwer?

Überhaupt nicht. Ich stand vor meinem 35zigsten Geburtstag und wenn ich morgens nach einem Spiel aufstand, knackten die Knochen so laut, dass ich dachte, da läuft einer neben mir her. Ein untrügliches Zeichen für den Abschied.

Haben Sie als Junge in Günnigfeld von so einer Karriere geträumt?

Das kann man nicht. Sicherlich hatte ich als kleiner Knirps Träume, wenn ich von Wattenscheid aus bis nach Schalke zur Glückauf-Kampfbahn gepilgert bin. Man träumte davon, eines Tages dort unten auf dem Rasen zu stehen. Aber wer weiß schon, ob es so kommt. Zudem bin ich nie ein großer Träumer gewesen, sondern eher sachlich und nüchtern veranlagt.

Ihnen eilte der Ruf voraus, ein eisenharter Verteidiger und ein »Meister der Grätsche« zu sein.

(schmunzelt) Man muss auch einstecken und geben können und in meinen vierzehn Profijahren habe ich nicht eine Rote Karte bekommen. Diese Statistik und die Schiedsrichter können sich doch nicht so irren, oder? Jedenfalls ist bei jeder Karriere eine ganze Menge Glück dabei. Das habe ich gehabt. Bei Union Günnigfeld hat alles angefangen: Westfalenauswahl, Jugendnationalmannschaft und später sogar die ersten Einsätze in der A-Nationalmannschaft als drittklassiger Verbandsligaspieler. Das sorgte für Furore und die großen Vereine standen Schlange vor unserer Haustür.

Beziehungsweise am Tresen Ihres Vaters!

Ja, das stimmt. Mein Vater hatte in Wattenscheid zwei Kneipen und da begannen die Verhandlungen vor allem mit dem BVB und Schalke 04. Damals war die große Zeit des Westens. Gerade am Schalker Markt dachte niemand darüber nach, dass mal 50 Jahre ohne eine Meisterschaft vergehen könnten. Waldi Gerhardt, Hannes Becher und ein paar andere Kumpels sind immer mit mir ins Kino gegangen, um mich nach Gelsenkirchen zu lotsen. Aber aus Wattenscheid war der Weg nach Schalke letztlich einfach kürzer als nach Dortmund. (lacht)

Sie galten als zäher Verhandlungspartner - auch 1965 bei Ihrem Wechsel zum Hamburger SV.

Es muss einfach sein, dass man seinen Arbeitsplatz frei wählen darf. Nur das habe ich gemacht. Ich war eben dem europäischen Gericht und allen anderen weit voraus. (lacht) Damals war es eben durch den Fußball leichter, sich überhaupt frei zu schwimmen und aufzusteigen. Man hat nicht nur darum gekämpft, sportlich nach vorne zu kommen, sondern man wollte selbstverständlich wirtschaftlich besser dastehen. Heute sind Verhandlungen mit allen Schikanen gang und gäbe. Vor einem Jahr haben wir hier in Hamburg den Fall Rafael van der Vaart und seine Ambitionen zum FC Valencia gehabt. Ich war nicht mit allem einverstanden, was er so in der Öffentlichkeit getrieben hat, aber grundsätzlich habe ich für die Jungs Verständnis. Jeder muss seinen Weg gehen, und Vereinswechsel gehören zum Geschäft.

Dafür brauchten Sie aber keinen Manager…

Nein, so etwas habe ich selbst gemacht.

Was sprach für den HSV?

Schalke war am Ende der Saison 1964/65 offiziell abgestiegen und erst später wurden sie gerettet, weil man die Bundesliga auf 18 Vereine aufstockte. Als Nationalspieler wollte ich in der Bundesliga bleiben. Von der Nationalelf kannte ich Uwe Seeler und Charly Dörfel und dann erschien meiner Frau und mir Hamburg gar nicht mehr so fremd. Wir haben uns die Stadt angeschaut und sie hat uns sofort gefallen. Wir sind gerne Hamburger, ohne unsere Heimat vergessen zu haben. Meine Frau Ingrid stammt aus Bochum Hordel, ich aus Wattenscheid, und seit 44 Jahren gehen wir gemeinsam durchs Leben. Das ist doch auch eine Art Vereinstreue, oder?

Sie haben das »Unternehmen Bundesliga« von Anfang an miterlebt und als stellvertretender Aufsichtsratvorsitzender des HSV sind Sie immer noch im Geschäft…

Ich habe dem Fußball alles zu verdanken, denn der Fußball hat mir alles offeriert. Deswegen bin ich im Aufsichtsrat des HSV tätig. Die Bundesliga ist eine unglaubliche Erfolgsstory und diejenigen, wie Franz Kremer, der einstige Präsident des 1. FC Köln, oder Sepp Herberger, die diese Liga gegen alle Widerstände gewollt haben, waren wirkliche Visionäre. Der Einstieg in die Bundesliga fiel mir nicht schwer, weil die alte Oberliga West die beste Liga in Deutschland war. Als junger Mensch und besessen vom Fußball habe ich nur von Spieltag zu Spieltag gedacht. Heute hat sich die Bundesliga zu einer europäischen Spitzenliga entwickelt. Über das fußballerische Niveau kann man sich manchmal streiten, aber in Sachen Bezahlung haben wir bis auf die englische Premier League alle anderen erreicht.

In der Saison hatten mal die Schalker und mal der HSV die Tabellenspitze inne. Ein gutes Omen?

Jedenfalls kein schlechtes. Beide Vereine haben ein blaues Wappen. Von daher hänge ich an beiden und einer meiner Clubs ist immer vorne. (lacht)

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