Willi Landgraf über den Niedergang von Alemannia Aachen

»Ich war noch nie im neuen Tivoli«

Alemannia Aachen spielte 2007 in der Bundesliga, jetzt droht der Abstieg in die Dritte Liga. Wir sprachen mit Zweitliga-Rekordspieler Willi Landgraf über den sportlichen Absturz seiner alten Liebe, Erik Meijer und das neue Stadion.

Willi Landgraf, Ihre alte Liebe Alemannia Aachen ist Tabellenletzter der Zweiten Liga. Sind Sie schon mit dem Erste-Hilfe-Koffer zur Rettung unterwegs?
Willi Landgraf: Nein, nein, ich bin gerade in Ostfriesland und hole dort drei meiner Spieler von der Klassenfahrt ab! Mittlerweile bin ich ja Trainer der U15-Mannschaft von Schalke 04. Wir haben am Wochenende ein wichtiges Spiel gegen Bayer Leverkusen. Da habe ich mit der Schule einen Deal ausgehandelt, dass ich sie für dieses Spiel vorher vom Ausflug abziehen kann. Aber zur Alemannia: Eine traurige Sache. Besonders für meinen Kumpel Erik (Meijer, Anm. d. Red.) tut es mir leid.

Meijer ist bei den Aachenern Sportdirektor. Die Alemannia hat zwei Zähler Rückstand auf den Relegationsplatz. Wie sehen Sie seine Rolle?
Willi Landgraf: Ich muss ihn in Schutz nehmen. Wir telefonieren öfters und er schildert mir dann, was in ihm vorgeht. Glauben Sie mir: Er hinterfragt sich ständig selbst, sucht nach eigenen Fehlern, macht sich Gedanken, was er besser machen kann.

Denken Sie, dass Meijer überhaupt der richtige Mann für einen Sportdirektor-Posten ist? Als Spieler machte er früher einen lockeren Eindruck und galt als Spaßvogel.
Willi Landgraf: Erik ist ein emotionaler Typ. Vielleicht muss er sich da noch ein bisschen zügeln. Als Trainer kannst du direkt Einfluss auf die Spieler nehmen, zumal du ja im Tagesgeschäft mit ihnen zu tun hast. Als Manager geht das nicht. Da musst du in jeder Situation die Ruhe bewahren. Auch der Moment, als er während des Spiels gegen Dresden zur Trainerbank gelaufen ist, um eine Spieszene zu diskutieren, kam im Fernsehen natürlich nicht so souverän rüber, auch wenn Erik sich dafür hinterher entschuldigt hat.

Wäre der Managerposten denn etwas für Sie?
Willi Landgraf: Ich will es mal so erklären: Wenn ich vier Jobs hätte und einer davon wäre im Büro, dann wäre das in Ordnung. Aber die anderen drei müssten draußen sein, an der frischen Luft. Ich gehe den Mitarbeitern auf Schalke ja jetzt schon auf den Sack, wenn ich länger in der Geschäftstelle bin (lacht).

Zurück zur Alemannia: 2003/04 stand der Klub im DFB-Pokalfinale, 2004/05 im UEFA-Cup, 2006/07 in der Bundesliga – und jetzt droht der Abstieg aus Liga zwei. Wie ist das zu erklären?
Willi Landgraf: Das ist ganz einfach: Nach dem Abstieg haben irgendwann nicht mehr die richtigen Personen auf den wichtigen Stühlen gesessen. Es wurden nach dem Abstieg für die neuen Spieler vergleichsweise hohe Gehälter gezahlt. Die Relation in der Gehaltsstruktur stimmt nicht mehr. Herr Bornemann (Andreas Bornemann war von Januar bis November 2009 Sportdirektor der Alemannia, Anm. d. Red.) hat da nicht alles richtig gemacht. Vielleicht waren ihm die Strukturen des Klubs nicht richtig vertraut, weswegen er auch nicht alleine für alle Entscheidungen verwantwortlich war. Trotzdem sind diese getroffen worden. Auch deshalb sind Erik gewissermaßen die Hände gebunden.

Hat die Alemannia vielleicht zu lange geglaubt, dass es nach dem Abstieg 2007 automatisch in die Erste Liga zurückgeht?
Willi Landgraf: Eins ist klar: Der Verein Alemannia Aachen hat einen Anspruch an sich selbst, und das zurecht. Doch wenn Misserfolge kommen, will man das oft nicht wahrhaben. Vielleicht wurden zu lange nur die positiven Sachen gesehen. Als Peter Hyballa 2010 Trainer wurde, hat die Alemannia aber eigentlich den richtigen Weg eingeschlagen und auf junge Spieler gebaut. Leider hat es nicht so geklappt wie erhofft.

Auch Friedhelm Funkel wurde zuletzt entlassen und durch Ralf Aussem ersetzt. Kam dieser Schritt zu spät?
Willi Landgraf: Erik hat das letzte ihm zur Verfügung stehende Mittel ausgeschöpft. Ob es was bringt, weiß man im Endeffekt nie.

Was würde ein Abstieg für die Stadt Aachen bedeuten?
Willi Landgraf: Die Stadt Aachen könnte so einen Abstieg verschmerzen. Aber für den Verein wäre das hart. Ich spreche mit Erik nicht über Zahlen, er hat auch sicherlich einen Plan B in der Tasche. Aber wenn du in die Dritte Liga absteigst, kannst du nicht einfach mal nach Herzenslust auf dem Transfermarkt shoppen gehen. Die Mannschaften, die schon länger in dieser Liga spielen, haben einen Vorsprung. Den direkten Wiederaufstieg könnte Aachen wohl vorerst vergessen.

War es im Nachhinein ein Fehler, den neuen Tivoli zu bauen? Die Stimmung hat seitdem offensichtlich gelitten.
Willi Landgraf: Da muss ich etwas eingestehen: Ich war bisher noch nicht einmal im neuen Stadion.

Sie scherzen?
Willi Landgraf: Nein, im Ernst. Es hat mich bisher einfach noch nicht hingezogen. Ich kann gar nicht beschreiben, warum das so ist, aber – es ist nunmal so. Aber wenn Erik mich morgen anruft und mir sagt, dass ich mich als Glücksbringer mit auf die Bank setzen soll, dann mache ich das!

Die Alemannia hat jetzt zwei Heimspiele, am Montag gegen Eintracht Frankfurt, dann gegen den Karlsruher SC. Packt's die Alemannia noch?
Willi Landgraf: Ich bin fest davon überzeugt. Gegen Frankfurt und Karlsruhe haben wir früher auch schon viele Heimspiele gewonnen. Das muss Mut machen!

Willi Landgraf, Sie arbeiten heute auf Schalke, und auch andere Ex-Spieler wie Karl-Heinz Pflipsen oder Stefan Blank sind nicht mehr bei der Alemannia tätig. Wann kehren die alten Helden nach Aachen zurück?
Willi Landgraf: Darüber kann man sich vielleicht irgendwann einmal unterhalten. Aber aktuell zählt das nicht. Jetzt zählt nur noch der Klassenerhalt!

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