Willi Landgraf im Interview

»Der Tunnel, das Alter, die Fans«

Das neue 11FREUNDE-Heft ist ab heute im Handel. Darin findet Ihr ein Poster des sagenumwobenen Aachener Tivoli. Wir sprachen mit einem der das Bauwerk in- und auswendig kennt: mit Willi Landgraf, dem alten Dinosaurier.
Heft #71 10 / 2007
Heft: #
71

Erstmal: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Herr Landgraf.

Jaja, vielen Dank. 29 bin ich geworden, wissen Sie ja.

Fühlen Sie sich denn wie 39?

Schon. Ich muss ja immer noch bei Schalkes zweiter Mannschaft spielen, das ist ja das Schlimme.

Ist das wirklich so schlimm?

Nein, es macht ja Spaß. Es ist doch super, wenn man mit 39 noch ein bisschen kicken kann.

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Vermissen Sie den Tivoli?

Selbstverständlich. Ich kann nur leider so selten hingehen, weil ich selber freitags abends Training habe und am Sonntag spielen muss.

Wie ist es, wenn Sie heute den Tivoli besuchen?

Ich habe eine Dauerkarte auf Lebenszeit. Auf dem Platz, auf dem ich auch früher immer gesessen habe, mitten im H-Block zwischen den Spielerfrauen. (lacht)

Sie haben in ihrer Karriere einige Stadien gesehen. War eins dabei, in dem die Stimmung ähnlich gewesen ist?

Mit dem Tivoli lässt sich nur noch das Millerntor auf St. Pauli vergleichen. In solchen Hallen wie der Allianz-Arena ist auch gute Stimmung, aber der Tivoli hat ein ganz anderes Flair. Ich mag an alten Stadien, dass man auf dem Spielfeld noch den Bratwurstgeruch in der Nase hat.

Den Bratwurstgeruch haben Sie doch auf Schalke jetzt wieder.

Ja, den habe ich jetzt auch wieder, nur ist es natürlich ein Unterschied, ob man vor 1000 Zuschauern spielt oder vor 20000. Das hat sich auf dem Tivoli aber auch erst mit den Jahren gesteigert. Erst waren es etwa 14000, aber durch die Erfolge war das Stadion dann immer bis unters Dach gefüllt.

Am 25.3.1989 liefen Sie als Spieler von Rot-Weiß Essen erstmals durch den langen und engen Spielertunnel des Tivoli und gingen mit 1:3 baden. Können Sie sich noch daran erinnern?

Damals waren noch nicht so viele Zuschauer am Tivoli wie heute. Der Boden war unheimlich tief, man blieb mit den Fußballschuhen im Morast stecken, weil damals noch keine Drainagen gelegt waren. Und ich kannte ja den Spielertunnel noch nicht, da war man dann schon ein bisschen eingeschüchtert.

Ihr letztes Heimspiel absolvierten Sie gegen Freiburg. Sie verloren mit 0:1, doch die Alemannia war zu diesem Zeitpunkt bereits aufgestiegen. Hat das Ergebnis noch jemanden interessiert?

Nee, eigentlich gar keinen. Es war ja sozusagen Erics (Meijer, die Red.) und mein Abschiedsspiel. Da war die Stimmung nur grandios.

Wie würden Sie den Mythos Tivoli beschreiben?

Kein Problem: Der Tunnel. Das Alter. Und die Fans.

Beim Tivoli wird immer von einer „englischen“ Stadionatmosphäre gesprochen, wegen der steilen Ränge und der fehlenden Laufbahn. Inwieweit beeinflusst das eine Mannschaft?

Man muss sich erst daran gewöhnen, wie die Zuschauer einen nach vorne peitschen. Du bist dazu verdammt, nach vorne zu spielen, denn du bist nah dran und jeder einzelne Zuschauer ist voll dabei. Du hörst jeden Gesang, jeden Ton und jedes einzelne Wort auf dem Platz, weil alles so eng ist. Darum machen sich die Auswärtsmannschaften am Tivoli auch immer in die Hose.

In Ihrer ersten Aachener Saison haben Sie 11 gelbe und 2 gelb-rote Karten gesehen. Könnte das mit der Atmosphäre, die Sie eben beschrieben haben, zusammenhängen?

Ich habe erst mit der Zeit gelernt, damit umzugehen. Du bist am Tivoli immer unter Strom, da ist Kampf angesagt und mich zeichnete nunmal aus, stets hundertprozentigen Einsatz zu geben. Dann habe ich manchmal ein bisschen überzogen. Aber auch das gehört dazu, gerade auf dem Tivoli.

Das heißt, Sie mussten dort erst lernen, sich ein wenig zurückzuhalten.

Ja, und vor allem einen kühlen Kopf zu bewahren. Du darfst nicht übermotiviert sein, aber das ist schwierig in diesem Stadion.

In Aachen sind Sie mit Ihrem Stil nicht nur Publikumsliebling, sondern so etwas wie Volksheld geworden.

Eric und ich haben einfach den passenden Absprung geschafft, wir haben uns mit dem Aufstieg verabschiedet. Wir haben alles erreicht, was man mit diesem Verein erreichen konnte – wir haben mit einer Zweitligamannschaft UEFA-Cup gespielt und sind ins Pokalendspiel gekommen, und das alles mit der Alemannia, die eigentlich schon ganz unten war. Das vergessen die Leute nicht. Die Zuschauer waren ohnehin extrem wichtig, weil sie den Verein auch in schlechten Zeiten bedingungslos unterstützt haben.

Steht das Aachener Publikum mehr als anderswo auf Kämpfertypen wie Sie?

Ich weiß nicht. Vielleicht liegt es daran, dass es immer weniger Kämpfertypen gibt. Es wird sicher auch wieder eine andere Generation geben, aber Spielertypen wie der Eric, der Oliver Kahn oder ich, die über Einsatz und Ehrgeiz gehen, sterben aus. Die neue Generation dagegen setzt mehr auf das spielerische Element. Sicherlich zeigt auch sie großen Einsatz, aber es sind ganz andere Typen als wir es waren. Den Fußball, den wir verkörpert haben, den gibt es heute praktisch nicht mehr.

Wie sind da Ihre Erfahrungen in Schalkes U23?

Mit den jungen Burschen? Sehr gut, aber die Jungs sind noch sehr naiv. Die wollen eben alles spielerisch lösen. Bevor die den Ball mal aus dem Sechzehner hauen, versetzen sie lieber noch einen Gegenspieler, damit es schön aussieht. Sie vergessen dabei oft, dass man erst über den Einsatz zum Spiel findet. Die Jungen wollen oft erst ihr Spiel spielen und dann vielleicht kämpfen – aber dann liegt man meistens schon zurück. Ich versuche ihnen das Kämpferische zu vermitteln, Fußballspielen können sie ohnehin. (Das Telefon klingelt) Warten Sie mal eben? Stefan? Ich ruf dich in zwei Minuten zurück, ich hab grade die 11Freunde am Telefon.

War das Stefan Blank?

Jaja. Von der alten Mannschaft sind wir alle noch sehr gut befreundet, wir treffen uns auch ab und zu noch. Die schlechten Zeiten und dann der Erfolg haben uns alle zusammengeschweißt. Das war eine Super-Teamkameradschaft.

Jetzt gibt es nicht nur eine neue Mannschaft, sondern bald auch ein neues Stadion. Haben Sie damals nicht manchmal gedacht: So ein neues und modernes Stadion wäre auch schön?

Damals habe ich mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Jetzt mit etwas Abstand aber schon. Die Sponsoren haben teure Verträge abgeschlossen, die wollen natürlich was geboten kriegen. Bis du als Sponsor aber in der Halbzeitpause zum Bier im VIP-Raum bist, fängt das Spiel fast schon wieder an. Also trinkst du schon vorher, aber dann musst du ständig pinkeln und das dauert im Stadion immer ein bisschen länger, oder du gehst auch als VIP zum normalen Bierstand. Da gibt’s keine Unterschiede, und das macht den Tivoli so sympathisch. Aber deswegen wird’s ja auch bald einen neuen Tivoli geben, weil man sonst einfach nicht mehr konkurrenzfähig ist.

Macht Sie die Vorstellung nicht ein bisschen traurig?

Natürlich bin ich darüber traurig, aber du musst eben weitermachen. Und wenn du im Jugendbereich und im Profibereich weiterkommen willst, musst du andere Strukturen schaffen. Das Stadion ist auch schon marode, da passieren öfters Pannen wie Rohrbrüche oder sowas. Du kannst das Stadion noch so oft neu anmalen, irgendwann kommen die Risse doch wieder durch. Der Neubau ist auf jeden Fall notwendig.

Gibt es eine Anekdote, eine Geschichte, die so nur im Aachener Stadion passieren konnte?

Da fällt mir spontan das Pokalspiel gegen die Bayern ein. Die Jungs sind gar nicht erst in der Gästekabine duschen gegangen, die fanden den Zustand der Kabinen wohl nicht so gut. Die sind direkt in den Bus und dann im Hotel duschen gegangen.

Sie haben mal gesagt, dass die Bayernspieler in der Gästetoilette in Ohnmacht fallen würden.

Für die erste Liga wurde ja dann alles saniert. Früher war nur eine Toilette in der Gästekabine, wo sich die Spieler gewundert haben, warum da Streichhölzer oder Feuerzeuge oben auf der Lampe lagen. Ich lüfte mal das Geheimnis: Weil alle in die Gästekabine gegangen sind, um heimlich zu rauchen

Abgesehen von Abschiedsspiel und Aufstiegsfeier: Welches war Ihr beeindruckenstes Tivolierlebnis?

Die UEFA-Cup-Spiele. Die waren für mich sehr beeindruckend. Wir haben mit spielerischen Mitteln Mannschaften geschlagen, die aus anderen Ligen kamen und Topfavoriten waren, wie der OSC Lille. Wir haben gegen Sevilla gespielt, eine Situation, in die du als Zweitligaspieler eigentlich nie reinkommst.

Sie haben also aufgehört, als es am Schönsten war.

Eric und ich haben auf jeden Fall den richtigen Zeitpunkt erwischt. Ist auch schön, wenn dann im Stadion die Leute Sachen sagen wie »schade, dass du nicht mehr dabei bist«, oder »mit dir wären wir vielleicht nicht abgestiegen« – das ist natürlich eigentlich Blödsinn, aber es macht dich doch stolz.

Dennoch: Wurmt es Sie denn gar nicht, dass Sie kein Spiel in der Ersten Bundesliga gemacht haben?

Nein, gar nicht. Aus den Fähigkeiten, die ich habe, habe ich eine ganze Menge rausgeholt. Das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber wenn mir einer sagt, ich hätte nie erste Liga gespielt, kann ich dem auch sagen, du hast vielleicht erste Liga gespielt, aber nie im UEFA-Cup.

Sie schreiben in Ihrer Biographie, dass Ihre Eltern sehr hart arbeiteten und das Geld immer knapp war. Hat das Ihre Einstellung auf dem Fußballfeld beeinflusst?

Selbstverständlich. Das gehört dazu, wenn man aus einer Familie kommt, wo der Vater immer dreifache Schicht gemacht hat. Da weiß man dann, wie hart es ist, Geld zu verdienen. So habe ich gelernt, dass ich immer fleißig sein und hundertprozentigen Einsatz zeigen muss. Sonst wäre ich nie soweit gekommen. Deswegen bin ich auch immer ich selbst geblieben. Ich habe nie versucht, etwas darzustellen, und das haben die Zuschauer gemerkt. Sie haben gemerkt, dass ich immer alles gebe, so wie es mir meine Eltern vorgelebt haben.

Was haben Ihre Eltern denn gesagt, als sie den Entschluss trafen, es mit dem Profifußball zu versuchen?

Meine Eltern haben sich zuerst gar nicht für Fußball interessiert. Die waren nie im Stadion, bis sie mich dort sehen konnten. Als ich dann aus der Jugend kam und bei Rot-Weiß-Essen, einem Traditionsverein, Fuß gefasst hatte waren sie sehr stolz. Dazu kam noch, dass Horst Hrubesch mein Trainer war. Aber sie haben immer gesagt: Wichtig ist, dass du deine Lehre machst. Da waren sie immer hintendran. Meine Kfz-Mechanikerlehre habe ich auch abgeschlossen. Nebenbei bin ich Fußballspielen gegangen. Die Eltern waren beruhigt, es weiß ja keiner wie lange man spielt. Wenn mir einer gesagt hätte, du spielst mit 39 noch, da hätte ich gesagt, du spinnst. Aber wenn ich jetzt sehe, dass ich immer noch auf einem vernünftigen Niveau spiele, dann muss ich in meiner Karriere doch ziemlich viel richtig gemacht haben.

Sie sind momentan Stammspieler und mit Ihrer Mannschaft gut in die Saison gestartet. Wie lange wird es den Fußballer Landgraf noch geben?

Ich bin jetzt so langsam wieder im Trott drin und fühle mich topfit. Ob ich jetzt nochmal ein Jahr dranhänge und Stand-by mache oder einen Trainerjob übernehme, will ich erst in der Winterpause entscheiden.


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Das Tivoli-Poster findet Ihr in der neuen 11FREUNDE-Ausgabe (ab heute im Handel).

Außerdem im Heft:

Warum singst Du? Die Geschichte der Fangesänge

FC Empoli – Das bessere Italien

Bruchhagen & Rettig im Interview: „Kein Fußbreit den Millionären“

Aleksandar Ristic: Die Rückkehr aus dem Exil

uvm.



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