30.05.2007

Willi Landgraf im Interview

„Man gewöhnt sich an alles“

Heute erscheint das neue 11FREUNDE-Heft. Darin hält Manni Breuckmann eine vorauseilende Grabrede auf den guten alten Fußball. Doch droht er wirklich den Löffel abzugeben? Wenn es einer wissen muss, dann Kampfschwein Willi Landgraf.

Interview: oliver zeyen Bild: Imago
Herr Landgraf, was schmerzt Sie denn persönlich mehr? Die verpasste Meisterschaft von Schalke oder der Abstieg von Alemannia Aachen?

Beides tut natürlich weh. Schalke schmerzt, weil ich selbst dort spiele, im Verein viele Freunde gefunden habe und hier alle so sehnsüchtig auf den Titel warten. Als ehemaliger Aachener ist es aber mindestens genauso bitter, den Verein nach einem Jahr wieder absteigen zu sehen.



Die Abstiege von Aachen und Mainz lassen den Schluss zu, dass man ohne großen Geldgeber in der Bundesliga gar nicht mehr überleben kann.

Stimmt. Der Erfolg eines Vereins definiert sich hauptsächlich über seine Einnahmen. Viele Leute gehen heute ins Stadion, um den Tag im VIP-Bereich zu genießen, um sich bedienen zu lassen. Wenn ich einen Sponsor in eine Loge einlade, und es ihm dort gefällt, dann springt am Ende auch etwas für mich dabei raus. Ohne Sponsoren und VIP-Logen geht es heute nicht mehr.

Als Fan wird man während eines Spiels mit einer Reihe lautstarker Werbe-Einblendungen torpediert. Wie viel davon kommt bei den Profis auf dem Rasen an?

In den deutschen Stadien nimmst du das als Spieler gar nicht wahr. In Spanien sind die da viel brutaler. Ich kann mich noch gut an das UEFA-Cup-Spiel von Aachen in Sevilla erinnern. Da dachten wir Spieler zwischendurch, wir stehen in einer Diskothek. Man gewöhnt sich aber an alles, auch an das ständige »bling« von der Anzeigetafel.

Würden Sie lieber vor einem ruhigeren Sitzplatz-Publikum spielen, wenn dafür der Erfolg stimmt?

Gute Frage. Wahrscheinlich eher nicht. Auf die wahren Fans kannst du nicht verzichten, genauso wenig wie auf die Zuschauer mit dem dicken Portemonnaie. Das ist heute einfach so, damit müssen wir leben.

Die Erwartungshaltung seitens der Medien ist gerade bei großen Vereinen immens hoch. Wie gut kommen die jüngeren Spieler damit zurecht?

Wenn ich Manuel Neuer ansehe, der meiner Meinung nach Deutschlands neuer Nationaltorhüter wird, kann ich nur staunen, wie souverän er in seinen jungen Jahren damit umgeht. Viel hängt vom Spieler selbst ab.

Wird das Bundesligageschäft immer mehr zur Charakterfrage?

Der Charakter ist entscheidend. Als Profi stehst unter ständiger Beobachtung. Ich kann mich noch daran erinnern, wie es früher war, als die Spiele noch nicht live übertragen wurden. Da konntest du den gegnerischen Trainer an der Seite beschimpfen, und kein Mensch hat es interessiert. Wenn ich mal mit Werner Lorant von 1860 München einen Disput hatte, hat das vielleicht eine Kamera mitbekommen – wenn überhaupt! Heute wirst du jede Sekunde beobachtet, damit müssen die jungen Spieler erst mal umgehen können.

Hängt der Markwert eines Spielers immer mehr davon ab, wie er sich vor den Medien inszeniert?

Es ist sehr wichtig, wie man sich bei einem Interview präsentiert. Wenn ich mich gut verkaufe, bekomme ich schneller einen Sponsorenvertrag. Wenn ich dann noch neun, zehn gute Spiele in Serie mache, bin ich ein gefragter Typ.

Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft der Bundesliga?

Ich fände es gut, wenn der Abstand zwischen den Vereinen wieder etwas kleiner wird. Es wäre schön, wenn wieder mehr kleinere Teams den Sprung nach oben schaffen würden.

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