Willi Burgsmüller über Dortmund-Köln 1963

»Der erste Turban der Fußballgeschichte«

29. Juni 1963: Im letzten Meisterschaftsfinale vor Einführung der Bundesliga treffen Borussia Dortmund und der 1. FC Köln aufeinander. BVB-Kapitän Willi Burgsmüller erinnert sich an Hitze, seinen Mullverband und die Schale. Willi Burgsmüller über Dortmund-Köln 1963

Willi Burgsmüller, haben Sie die Entwicklung verfolgt, die Ihr BVB in dieser Saison genommen hat?

Willi Burgsmüller: Ja, natürlich. Als Mitglied des Ältestenrates bekomme ich immer eine Eintrittskarte und bin zu jedem Heimspiel im Stadion. Wie Trainer Jürgen Klopp und seine junge Mannschaft die Saison durchgebracht haben, ist großartig. Ich bin sehr stolz.

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Der BVB steht schon seit zwei Wochen als Meister fest und darf gegen Eintracht Frankfurt feiern. Das Ligafinale 1963 gestaltete sich sehr viel härter.

Willi Burgsmüller: Das Finale fand im Neckarstadion statt. Es war Hochsommer, die Sonne schien also ohne Unterlass hinein. Ich führte unsere Mannschaft auf einen Rasen, der an die 40 Grad hatte. Und Auswechslungen waren, daran sei erinnert, damals noch nicht erlaubt. Man hatte also gar keine andere Wahl, als im Stuttgarter Glutofen durchzustehen.

Welche taktischen Anweisungen gab Ihnen Trainer Hermann Eppenhoff für diese Bedingungen mit?

Willi Burgsmüller: Wir sollten tief stehen und bei Gelegenheit schnelle Konter fahren. Köln war ja auch Favorit, die hatten uns schon in der Tabelle der Oberliga West distanziert und noch dazu eine beachtliche Torquote. Die Defensive genoß Priorität. Es wäre ohnehin zu warm gewesen für pausenloses Angriffsspiel.

Die frühe Führung für den BVB spielte Ihnen in die Karten.

Willi Burgsmüller: Das 1:0 war eine große Erleichterung. Es lief erst die neunte Minute, als Dieter »Hoppi« Kurrat den Ball im Mittelfeld übernahm, vorwärts sprintete, nicht angegriffen wurde und Fritz Ewert im Kölner Tor mit einem unhaltbaren Schuss ins lange Eck überraschen konnte. Natürlich wollte der FC sofort zurückschlagen, aber unsere Abwehr stand dicht. Wir engten die Räume diszipliniert ein, waren sehr nah am Mann.

Manchmal zu nah, wie Ihr Beispiel zeigt.

Willi Burgsmüller: So kann man das sagen (lacht). Mitte der ersten Halbzeit stieg ich gegen Heinz Hornig ins Luftduell. Ineinander gewickelt fielen wir auf den trockenen Rasen und beim Aufstehen schlug mir sein Stollen unglücklich gegen den Kopf. Nichts Böses ahnend, tastete ich ins feuchte Haar. Nur Schweiß, war mein erster Gedanke, aber eine Risswunde färbte die Hand blutrot. Ein Pflaster hätte da nichts gebracht! Die Behandlung an der Seitenlinie brauchte nur wenige Minuten, dauerte meinem Empfinden nach aber viel zu lange. Ich wollte wollte zurück auf den Rasen. Unser Mannschaftsarzt wickelte mir dann einen Verband: wahrscheinlich der erste Turban der Fußballgeschichte!

Hat Sie der Turban in Ihrem Spiel eingeschränkt? Sie waren immerhin Verteidiger.

Willi Burgsmüller: Ich ging weiter in jeden Zweikampf, als wäre nichts gewesen. Diese Mentalität von heute, sich bei jedem Wehwehchen behandeln oder gar auswechseln zu lassen, gab es noch nicht.

Nach dem Wiederanpfiff fühlten Sie sich offensichtlich in der Verteidigung unterfordert. Immer wieder gingen öffnende Pässe von Ihnen aus.

Willi Burgsmüller: Ich hatte den Anspruch, mein Verteidigungsspiel flexibel zu gestalten. In der Kabine war uns außerdem bewusst, dass wir an dem Tag was reißen konnten. In der 57. Minute spielte ich in der Zentrale einen flinken Doppelpass mit Alfred »Aki« Schmidt und schickte dann unseren Läufer, Reinhold Wosab, steil. Der hatte keine Probleme, die Kugel aus fünfzehn Metern im Tor unterzubringen.

Wann wurde Ihnen klar, dass der letzte deutsche Fußballmeister vor Einführung der Bundesliga Borussia Dortmund heißen würde?

Willi Burgsmüller: Als »Aki« Schmidt nach dem 2:0 auch noch den dritten Treffer nachlegte, war die Partie gelaufen. Köln beorderte in seiner Verzweiflung zwar noch Karl-Heinz Schnellinger nach vorne, dem wir ein blödes Tor schenkten, dann aber war Schluss. Die Fans stürmten den Rasen, ein unbeschreiblicher Trubel! Und ja, der Abpfiff war ein ganz besonderes Gefühl, weil wir eben wussten, dass wir uns mit diesem Titel in die Geschichtsbücher eingeschrieben hatten.

Die Aufmerksamkeit fokussierte sich nach dem Schlusspfiff vor allem auf Sie und Ihren Mullhelm.

Willi Burgsmüller: Das ist richtig. Ich fand keine Gelegenheit, den Turban abzuwickeln, und bin so auch zur Siegerehrung gegangen. Natürlich kamen da einige Sprüche. »Du hast da was am Kopf«, flachsten die Jungs immer wieder. Ich konnte damit leben: Sie trugen mich auf ihren Schultern vom Platz – die Meisterschale in der Hand.

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