Wilhelmshavens Sportdirektor Reinhold Fanz über seine Nase für Talente

»Keiner bringt mehr Spieler hoch als ich«

Reinhold Fanz ist erst seit wenigen Wochen Sportdirektor bei Regionalligist SV Wilhelmshaven – und hat schon große Pläne. Keine Frage, der Mann hat sein Selbstvertrauen nicht verloren. Vor dem Pokalspiel gegen Borussia Dortmund sprachen wir mit ihm.

Reinhold Fanz, noch vor wenigen Wochen hatten Sie nur vier Spieler unter Vertrag – wie groß ist die Hektik in Wilhelmshaven?
Wäre ich hektisch, würde ich Fehler begehen. Und die dürfen wir uns in der jetzigen Situation auf keinen Fall erlauben. Jeder Schachzug muss sitzen, sonst wird es brenzlig. Ich betrachte all das als eine große Herausforderung. Eine Herausforderung, auf die ich mich freue, weil ich weiß, dass ich hier meine Ideen umsetzen kann. Hätten wir zu Beginn der Transferperiode 30 Spieler unter Vertrag gehabt, müsste ich nun viele Kompromisse eingehen. Gestaltungsfreiheit ist mir aber seit jeher wichtig.

Was reizt Sie eigentlich an der Aufgabe in Wilhelmshaven?
Ich liebe es, die Ärmel hochzukrempeln und aus einer Underdog-Perspektive etwas aufzubauen. Das war damals in Hannover ähnlich, ebenso in Bonn und Kuba. Ich kann hier viel bewegen. Mein Ziel ist es, junge Spieler hochzuziehen, ihnen den Weg Richtung Bundesliga zu ebnen. Das ist mir in der Vergangenheit häufig gelungen, dafür stehe ich. Wir wollen in der kommenden Saison die Klasse halten, der nächste Schritt wäre dann ein Mittelfeldplatz.

Am Samstag kommt Vizemeister Borussia Dortmund zum Erstrundenspiel im DFB-Pokal nach Wilhelmshaven – hatten Sie eigentlich schon den einen oder anderen Pokal-Albtraum?
Nein. Angst ist verboten. Die gesamte Stadt fiebert dem Ereignis entgegen. Für die meisten Spieler ist es das Karrierehighlight. In den kommenden Tagen geht es darum, das Selbstvertrauen weiter zu vergrößern. Wir haben eine minimale Chance - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Nervosität ist okay, Anspannung sogar gut, aber Angst und Zweifel? Nein.

Was antworten Sie den Leuten, die fest mit einem zweistelligen Ergebnis rechnen?
Diese Leute sollen ihre Wahrscheinlichkeitsrechnung in den Papierkorb werfen und gefälligst ins Stadion kommen. Dem einen oder anderen schlauen Experten würde es mal gut tun, sich auf gewisse Dinge einzulassen, offen zu sein für Überraschungen und eben nicht immer nur die üblichen Prognosen in die Welt zu posaunen.

Wie müsste das Spiel laufen, dass Sie anschließend von einem Erfolg sprechen?
Wenn wir uns 90 Minuten mit aller Kraft wehren, uns zerreißen, dann wäre das ein Erfolg. Die Jungs sollen konditionell alles geben und selbstbewusst auftreten. Wir wollen die Zuschauer begeistern. Ich erwarte eine überragende Stimmung, auch wenn bei uns nur 7500 Leute reinpassen.

Ist Jürgen Klopp der derzeit beste deutsche Trainer?
Ich kenne Jürgen noch von früher, er war mal in einer meiner Auswahlmannschaften in Hessen. Damals hat er noch Mittelstürmer gespielt, er war, glaube ich, 20. Ich habe seinen Weg als Spieler und Trainer stets mit großem Interesse verfolgt. Mich freut es enorm, dass er derart erfolgreich ist. Jürgen leistet in Dortmund exzellente Arbeit. Eine seiner großen Stärken ist es, junge Spieler zu formen. Er ist ein großer Taktiker und ein überragender Motivator.

Sie haben in den Neunzigern mit Spielern wie Fabian Ernst, Otto Addo, Gerald Asamoah und Sebastian Kehl für Furore gesorgt. War das Kapitel Hannover 96 das schönste Ihrer Trainerkarriere?
Nein. Ich habe zuvor neun Jahre erfolgreich beim Hessischen Fußballverband gearbeitet, bin zigmal Deutscher Meister geworden mit verschiedenen C-, B- und A-Jugendmannschaften. Das war ebenfalls eine fantastische Zeit.

Dennoch übernahmen Sie den damaligen Regionalligisten Hannover 96. Ihr Fazit?
Der Klub war mausetot, völlig überschuldet und ohne eine klare Linie. Ich habe in sechs oder sieben Wochen eine Mannschaft zusammengestellt, ein Team, das marschierte. Aus dieser Mannschaft sind zahlreiche Bundesliga- und auch Nationalspieler hervorgegangen. Einige Namen haben Sie ja genannt. Fabian Ernst und  Raphael Schäfer habe ich sogar aus der B-Jugend hochgezogen. Die waren damals erst 17. Und das sind nur zwei Beispiele von vielen.



Sie wirken stolz, wenn Sie über Ihre ehemaligen Spieler sprechen.
Natürlich! Ich habe lange und hart mit den Jungs gearbeitet, wir haben gemeinsam eine Menge erlebt. Wer, bitteschön, hat es in Deutschland in derart kurzer Zeit geschafft, so viele Spieler nach oben zu führen? Mir fällt keiner ein. Auch beim VfB Stuttgart habe ich mindestens zehn Spieler rausgebracht, angefangen von Mario Gomez über Alex Hleb bis hin zu Tobias Weis. Adam Szalai, den diesjährigen Toptransfer des FC Schalke, habe ich in Ungarn entdeckt, er war damals gerade 16. Zuerst wollte den in Stuttgart keiner haben, er ging daraufhin nach Spanien und spielte für die zweite Mannschaft von Real Madrid, in Mainz ist er schließlich groß rausgekommen. Ein weiteres Beispiel ist Ex-Nationalspieler Tobias Rau. Den habe ich aus der A-Jugend hochgezogen, damals in Braunschweig.

Im Umfeld des SV Wilhelmshaven hört man häufig den Satz, Ihr Name sei ein Türöffner bei Transfers und Sponsoren.
Na logisch! Die Experten wissen doch genau, wie viele meiner Jugendspieler später Karriere gemacht haben. Uns, dem SV Wilhelmshaven, werden ständig talentierte Spieler angeboten, die sich eigentlich auch größeren Klubs anschließen könnten. Das ist doch kein Zufall!

Wie jeder Trainer haben auch Sie in Ihrer Karriere Rückschläge hinnehmen müssen. Direkt gefragt: War der Wechsel zu Eintracht Frankfurt im Jahr 1998 Ihr größter Fehler?
Ich würde das jetzt natürlich anders machen, klar. Ein Wechsel in der Winterpause käme für mich nicht mehr infrage. Da die Planungen zu diesem Zeitpunkt meist abgeschlossen sind, hat es ein neuer Trainer stets schwer. Man kann lediglich Schadensbegrenzung betreiben und fast ausschließlich auf der Motivationsschiene fahren. Nach der Entlassung meinen Vorgängers Horst Ehrmantraut war die Atmosphäre unheimlich angespannt und aufgeheizt. Es war dort kaum möglich, ordentlich zu arbeiten.

Die Stimmung im Team soll vergiftet gewesen sein.
Die war nicht nur vergiftet, sondern richtig mies.Zudem fiel Ralf Weber, einer der wichtigsten Führungsspieler, wegen einer hartnäckigen Verletzung lange Zeit aus - deutlich länger als wir angenommen hatten. 

Es kam für Sie noch schlimmer, und zwar beim Karlsruher SC. Nachdem der damalige Sponsor vehement Ihre Entlassung gefordert hatte, reagierte der Klub und setzte Sie – nach nur sieben Tagen – wieder vor die Tür. Wie sehr hat Ihnen dieser kuriose Rauswurf geschadet?
Jeder, der die Vorgeschichte kennt, ist in der Lage, die Sache einzuordnen, jeder, der weiß, was für ein Mensch der Claassen ist (Utz Claassen, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der EnBW, 1997 Präsident von Hannover 96, d. Red.). Ich glaube, es ist besser, wenn ich dazu nichts mehr sage, den Kram kann schließlich jeder nachlesen.

Hat Sie die Kündigung verletzt?
Nein. Ich wusste, woher der Wind weht und wer dahinter steckt. Aber egal! All das hatte auch etwas Positives zur Folge. Ich konnte ein tolles Angebot annehmen.

Sie wurden Nationaltrainer von Kuba.
So ist es. Die Aufgabe hat mir riesengroßen Spaß bereitet. Leider verpassten wir die WM-Qualifikation, unsere Gruppe war einfach zu stark (USA, Guatemala, Trinidad und Tobago, d. Red.) Ich habe in Kuba derart viele unglaubliche Geschichten erlebt, ich könnte ein Buch darüber schreiben! (lacht)

Ein Beispiel?
In Kuba gab es eigentlich nur einen ordentlichen Rasenplatz - 10,15 Zentimeter hohes Gras. Der Platzwart hat eine ganze Woche gebraucht, um den Rasen zu mähen. Kein Scherz! Sobald er auf der einen Seite fertig war, konnte er auf der anderen gleich wieder anfangen. Ich sage nur: Handrasenmäher. (lacht)

Und die Spieler?
Die waren unheimlich fokussiert, lernwillig und fleißig. Ich habe gern mit den Jungs gearbeitet. Das war eine schöne Zeit, in der ich viel gelernt habe. Es war ein Abenteuer.

Herr Fanz, welche Ziele haben Sie beim SV Wilhelmshaven?
Ich will den Klub in die Spitze der Regionalliga führen. Der Aufstieg in die Dritte Liga klingt ambitioniert, ist aber mittelfristig realistisch. Und selbstverständlich möchte ich wieder ein paar Talente fördern.

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