Wieso fahren 1300 Jena-Fans nach Wales?

»Die Party dauerte die ganze Nacht«

33 Jahre nach dem Europapokal-Auswärtsspiel beim AFC Newport County begleiteten 1300 Jena-Fans den FC Carl Zeiss zum Vorbereitungsspiel nach Wales. Jens Schollmeyer war dabei und spricht über die Sehnsucht nach altem Glanz und einen Klub zwischen Genie und Wahnsinn.

Jens Schollmeyer

Jens Schollmeyer, 1980/81 spielte der FC Carl-Zeiss unter Trainer Hans Meyer eine begeisternde Saison im Europapokal der Pokalsieger. Jena schaltete damals den AS Rom, den FC Valencia, den AFC Newport County und Benfica Lissabon aus. Erst im Finale unterlag die Mannschaft Dinamo Tiflis im Düsseldorfer Rheinstadion. Wie haben Sie das damals als Fan erlebt?
Ich war 1981 acht Jahre alt, also zu klein, um live dabei zu sein. Aber als Fan von Jena sehnt man sich nach höherklassigem Fußball, wir spielen ja derzeit in der Regionalliga. Und deshalb ist auch die Erinnerung an die großen Zeiten des Vereins unter den Anhängern immer präsent. Im letzten Jahr war Newport mit 600 Fans bei uns zu Gast – jetzt stand der Gegenbesuch an.

Also haben Sie sich 33 Jahre nach dem Sieg in Wales mit 1300 Jena-Fans auf den Weg nach Newport gemacht. Wie sah die Reisegruppe aus?
Die jüngste Mitfahrerin war sechs, der älteste über 60, mein Sohn acht. Keine neuen Gesichter, keine Eventtouristen, wirklich die echten Fans. Wir kamen mit dem Flugzeug, mit dem Auto, einige sogar mit dem Fahrrad und ich mit meinem achtjährigen Sohn im Bus, der die Fahrt mit Rätselstoff und zeitgenössischer Elektronik überstanden hat. Eine 24-Stunden-Tour.

Hat es sich gelohnt?
Es war sensationell. Der Großteil der Fans hat trotz der langen Reise am Freitagabend alle Pubs in Newport in Beschlag genommen, die ganze Stadt war voll. Die Atmosphäre war wirklich super, überall freundliche Gesichter – vom Polizisten auf der Kreuzung bis zum Toilettenmann. Die Party dauerte die ganze Nacht. Am Samstag ging es dann um 12 Uhr zum Stadion.

Allerdings gab es da ein paar Probleme?
Der Rasen im Rodney Parade Stadion von Newport war noch nicht richtig angewachsen, deshalb wurde das Spiel in den Spytty Park verlegt. Das war so richtig oldschool mit zwei überdachten Tribünen. Die Verlegung hat Erinnerungen an dasvergangene Jahr wachgerufen: Damals mussten wir nach Weimar ausweichen.

Man hört ja oft, dass die Stimmung auf der Insel nicht mehr so toll sein soll.
In Newport war sie super! Insgesamt standen knapp 4000 Zuschauer im Stadion. Es gab schöne Wechselgesänge, es war richtig laut und komplett problemlos. Da war einfach Europokalstimmung im kleinen Rahmen. Viele Spieler der ehemaligen Truppe von Newport waren vor Ort und wir hatten ja auch Vereinspräsident Lutz Lindemann und Trainer Lothar Kurbjuweit dabei. Beide waren 1981 bei Jena, Kurbjuweit schoss damals sogar das entscheidende Tor zum 1:0-Auswärtssieg in Wales und sicherte das Weiterkommen. Also: Das war totales Gänsehautfeeling.

Konnte Lothar Kurbjuweit das Spiel überhupt genießen?
Natürlich. Ich habe ihn kurz gesprochen. Er wurde vom Stadionsprecher begrüßt und gefeiert. Als Trainer hat es ihm in die Vorbereitung nicht reingepasst, aber emotional ist das jedem richtig an die Nieren gegangen. Eine Stimmung, als hätte man einen Schalter umgelegt. Er und alle Spieler waren begeistert. Es waren ja fast mehr Zuschauer in Newport als bei uns in Jena zuhause.

Im Gegensatz zur Europapokalsaison 1980/81 haben Sie diesmal mit 0:1 in Newport verloren.
Es war eine bessere Trainingseinheit. Das Ergebnis hat der Stimmung keinen Abbruch getan.

Entscheidend war dann also in diesem Fall neben dem Platz?
Nach dem Abpfiff ging es zu einem Familienfest, das Newport organisiert hatte. Ab 16 Uhr hieß es also weiterfeiern, inklusive Hüpfburgen, Fußballplätzen, Essen und Trinken bis zum Umfallen, ein tolles Zusammentreffen aller Fans. Die Gänsehaut ist uns den ganzen Tag hoch und runter gelaufen. Abends ging es dann in den Pubs weiter bis Sonntagmorgen. Dann hieß es wieder ab in den Bus und nach Jena fahren. Ich bin dann am Montagmorgen quasi direkt zur Arbeit gegangen.

Wie groß ist die Sehnsucht in Newport? Der Mannschaft erging es nicht besser, sie konnte nie wieder an die die Europapokalsaison anknüpfen. In einem Tribünenklassiker heißt es schön: »And on and on and on we sang, 'till Carl Zeiss Jena broke our hearts«.
Jeder Klub, der einmal in Europa war und nun in der Versenkung verschwunden ist, teilt dieses Schicksal. Und in Deutschland ist das bei den Ostklubs nicht anders, weder in Magdeburg, noch in Dresden. Alle Fans wollen natürlich wieder Europapokal-Fußball sehen. Aber da muss man die Augen aufmachen. Wir spielen vierte Liga und müssen schauen, was die Saison bringt.

Wieso sind Sie eigentlich nach Wales gefahren und nicht beispielsweise nach Valencia oder Rom?
Diese Vereine haben es im Moment leider nicht nötig gegen Carl Zeiss zu spielen. Natürlich würden wir gerne nach Rom, aber seit der Wende gab es vor allem ständigen Kontakt nach Newport. Außerdem sind wir mit Tiflis gut verbunden, gegen den Finalgegner gibt es regelmäßig Spiele der Traditionsmannschaften. Das läuft, auch aus alter Verbundenheit. Vielleicht schlagen wir ja mal bei den Großen auf, das ist aber ein langfristiges Ziel.

Am Wochenende wartete dann der Viertliga-Alltag. Wie schwer fällt die Regionalliga Nordost nach so einem Highlight wie in Newport?
Wir sind ja keine Tagträumer. Wir haben das genossen, sehr sogar, das war eine tolle Aktion, 1300 Leute haben die Strapazen auf sich genommen. Aber zwei Tage später ging es weiter. Wir können es nicht ändern.

Sie sind Gründungsmitglied des Supporters Trust Jena und betreiben die Fanseite FCC-1903. Sind Sie ein ein romantischer Traditionalist oder beschäftigen Sie sich mit der Vergangenheit nur, weil Jena derzeit in der Regionalliga, Entschuldigung, rumgurkt?
(Lacht.) Nein, also ich bin ein normaler Fan und absolut keiner, der nur in der Vergangenheit lebt. Aber ich will natürlich die Spieler, die der Verein hervorgebracht hat, wieder in Erinnerung bringen. Spieler wie Lothar Kurbjuweit, Peter Ducke oder Ronald Ducke sind eben große Namen des DDR-Fußballs.

Wie sehr hofft man in Jena auf die Rückkehr der erfolgreichen Zeiten?
Unsere Ziele sind nicht übertrieben. Der Aufstieg in die dritte Liga wäre toll, in den letzten Jahren war aber immer jemand besser als wir.

In Jena steht gerade ein Stadionumbau an. Vielleicht kommt es zu einem Kracher bei der Eröffnung?
Wenn Benfica Lissabon anreisen würde, wäre das ein Traum.

Was denken Sie eigentlich, wenn Sie in der Regionalliga die Saison mit einem Spiel gegen den BFC Dynamo Berlin eröffnen und gleichzeitig RB Leipzig mittlerweile in der Zweitklassigkeit angekommen ist?
(Lacht.) Fußballerisch ist das verdient. Leipzig wartet auf hochklassigen Fußball, das Stadion wird voll sein. Mehr muss ich dazu nicht sagen. Was für mich zählt ist, dass der FC Carl Zeiss Jena die Nummer 1 in Thüringen ist, zumindest in den Köpfen.

Klingt, als wäre in Jena der Realismus eingezogen.
Der FC Carl Zeiss ist ein Klub zwischen Genie und Wahnsinn, wir pendeln eben zwischen den Erinnerungen an den Europapokal, da sind wir in Wales eben halb durchgedreht, und dem tristen Regionalliga-Alltag, den man sich nicht antun muss. Wir machen das aber dennoch mit Freude, wir sind leidensfähig. Liebe kennt schließlich keine Grenzen. Jetzt warten wir auf den Geniestreich. Irgendwann wird man belohnt. Aber: Es erwartet natürlich keiner einen Durchmarsch. Hauptsache ist, dass Verein auf gesunden Füßen steht, beziehungsweise erstmal auf die Beine kommt.

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