Wieso ein Österreicher einen Cordoba-Blog betreibt

»Ein letztes Flackern«

Niemand kommt an Cordoba vorbei. Zumindest nicht, wenn man in Österreich über Fußball reden will. Andreas Greiner betreibt den Blog c78.at und weiß, warum die Freude über den Sieg gegen Deutschland bei der WM 1978 ungetrübt ist. Wieso ein Österreicher einen Cordoba-Blog betreibtImago

Andreas Greiner, kennen Sie die Geschichte des ersten Pflichtspiels zwischen Deutschland und Österreich?

Andreas Greiner: Nein, ich weiß nur, dass Österreich Anfang des 20. Jahrhunderts der deutschen Elf oftmals haushoch überlegen war.

Als Deutschland bei Olympia 1912 gegen Österreich spielte, erlitt der deutsche Torwart Weber eine Gehirnerschütterung. Damals galt die Regel, dass ein verletzter Torwart mit Einwilligung des Gegners getauscht werden kann. Die Österreicher waren dagegen. Wie soll so eine Freundschaft entstehen?

Andreas Greiner: (lacht) Na gut. Aber es gibt auch andere Geschichten. Etwa verbot der DFB in den 20ern sämtliche Länderspiele gegen Österreich, weil in Österreich bereits unter professionellen Bedingungen Fußball gespielt wurde.

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Woher rührt eigentlich dieser Wunsch, unbedingt gegen Deutschland gewinnen zu müssen?

Andreas Greiner: Ich halte das mit dem Kabarettisten Josef Hader: »Österreich muss man sich vorstellen wie eine übriggebliebene DDR.« Österreich leidet unter Minderwertigkeitskomplexen gegenüber dem großen Bruder.

Sie betreiben einen Weblog, der sich mit dem Spiel Österreich gegen Deutschland bei der WM 1978 in Córdoba beschäftigt.

Andreas Greiner: Ich will auf humorvolle Art das Spiel Revue passieren lassen. Es ist doch absurd, dass Córdoba immer noch so stark im kollektiven Gedächtnis verankert ist, obwohl es 30 Jahre her ist und die Jüngeren oft gar nicht wissen, was da überhaupt passiert ist.

Damals siegte Österreich in der ersten Runde gegen Spanien und Schweden und qualifizierte sich vor Brasilien für die zweite Finalrunde. Worin lag die Stärke des Teams von 1978 begründet?

Andreas Greiner: Sicher in den individuellen Fähigkeiten der Spieler Krankl, Pezzey und Prohaska. Das waren die besten Spieler Österreichs der letzten 40 Jahre.

Hans Krankl rief nach dem Spiel den Reportern der »Bild« zu: »Ihr habts a mords Glück g’habt, dass i net in Form war!«

Andreas Greiner: Die »Bild«-Zeitung revanchierte sich, indem sie die private Telefonnummer von Krankl abdruckte. Sein Telefon stand in den kommenden Wochen nicht mehr still. Angeblich gab es sogar Morddrohungen.

Eine typisch deutsche Reaktion?

Andreas Greiner: Nein, so hinterlistig schätze ich den Deutschen nicht ein. Krankls Tor zum 2:1 wurde in der Sportschau sogar zum »Tor des Monats« gekürt.

Wie oft haben Sie das Córdoba-Spiel mittlerweile gesehen?

Andreas Greiner: Bisher nur zweimal.

Den Laufweg von Hans Krankl vor seinem 3 : 2 können Sie vermutlich dennoch mit geschlossenen Augen nachzeichnen.

Andreas Greiner: Wahrscheinlich. Es gab in Österreich Mitte der 90er Jahre – ich war vielleicht 16 oder 17 Jahre alt – eine Radiosendung, bei der die Zuschauer anriefen, um sich ihre Lieblingslieder zu wünschen. Bestimmt zweimal die Woche war jemand in der Leitung, der sich den Kommentar von Edi Finger zum Tor von Hans Krankl wünschte. In einer Musiksendung!

Ist Córdoba für den gemeinen Österreicher das, was 1954 für Deutschland war?

Andreas Greiner: Es hat auf jeden Fall ein identitätsstiftendes Moment. Wenn heute von Österreich gesprochen wird, dann von der Mozartkugel, vom Wiener Stephansdom und eben auch von Córdoba. Rein sportlich waren natürlich andere Erfolge viel wichtiger.

Der dritte Platz 1954?

Andreas Greiner: Zum Beispiel. Aber auch die Jahrzehnte davor, die großen Jahre des »Wunderteams«. Man kann fast sagen, dass 1978 ein letztes, wenngleich großes Aufflackern des österreichischen Fußballs erkennbar wurde.

Ist dieser Mythos von Córdoba eine Last?

Andreas Greiner: Viele Leute sagen, Córdoba hätte den österreichischen Fußball kaputt gemacht. Oft wird darüber diskutiert, dass die Generation, die für den Erfolg verantwortlich war, endlich abdanken sollte, doch die meisten sind immer noch im Trainergeschäft oder als Funktionäre tätig. Ihr Wort steht nach wie vor über allem.

Der Hype um diese Spieler und um Córdoba ist ungebrochen. Es gibt Schlüsselanhänger zu kaufen, die auf Knopfdruck Edi Fingers »I wer’ narrisch!« abspielen.

Andreas Greiner: Nicht nur das bei der EM 2008 bot der hiesige McDonald’s einen McCordoba an.

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