Wie wollen Sie Hoffenheim retten, Huub Stevens?

»Willst du dir das wirklich noch antun?«

Ein Knurrer in Rettungsmission. Nach zwei Notfalleinsätzen in Stuttgart will Huub Stevens nun die TSG Hoffenheim vorm Abstieg bewahren. Doch am Sonntag geht es gegen die Bayern.

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Huub Stevens, in Hoffenheim haben Sie Ihren dritten Retterjob in 19 Monaten angetreten. Mit 62 Jahren mutieren Sie allmählich zum Prototypen des »Feuerwehrmanns«.
So ist dieses Geschäft eben. Ein Projekt endet, man gewinnt ein paar Wochen Abstand, plötzlich ist da wieder dieses Kribbeln, und dann kommt ein neues Angebot.

Das man aber nicht zwingend an­nehmen muss.
Tue ich auch nicht. Im Sommer gab es einiges, was ich aus­geschlagen habe.

Warum?
Weil es sich dabei um längerfristige Projekte handelte. In der Lebensperiode, in der ich mich jetzt befinde, geht es um mich. Ich will ehrlich zu einem Klub sein. Und in meinem Alter kann ich nicht mehr mit Sicher­heit sagen, ob ich über, sagen wir, drei Jahre einen Job machen kann.

Deshalb haben Sie auch beim VfB Stuttgart nicht weitergemacht?
Der Verein wollte etwas Langfristiges aufbauen. Der Präsident fragte mich schon im Winter 2014/15, ob wir den Vertrag verlängern können. Aber im Abstiegskampf laufen in einem Klub so viele unerwartete Dinge ab. Am Ende sagte Robin (Dutt, d. Red.): »Huub, wir wollen etwas Neues probieren.“ Meine Antwort: „Dann musst du einen jüngeren Trainer holen. Ich kann nicht über ein Jahr hinaus planen.«

Mit dem jungen Konzepttrainer Alexander Zorniger ist der VfB baden gegangen.
Das finde ich sehr schade.

Spüren Sie denn den Verschleiß von mehr als 22 Jahren im Trainerjob?
Nein, aber so bitter es ist: Auch ich werde nicht mehr jünger. Es wäre einfach, einen Vertrag für drei Jahre zu unterschreiben, um dann nach einem Jahr festzustellen, dass es nicht mehr geht. Aber dann hat der Verein, der langfristig geplant hat, viel Zeit verloren. Das will ich mir nicht ankreiden lassen.

Noch mal: Sie spüren keine Verschleißerscheinungen?
Natürlich denkt man, wenn man so lange in dem Geschäft ist, ab und zu: »Puh, willst du dir das wirklich noch antun?«

Wann zum Beispiel?
Geht es Ihnen nicht auch so, dass Ihnen manche Probleme, mit denen Sie in Ihrem Job konfrontiert werden, zunehmend auf die Nerven gehen, je länger Sie arbeiten? Ich bin jetzt in der komfortablen Lage, nur noch Aufgaben annehmen zu können, die zeitlich überschaubar sind, so dass ich genau weiß, dass ich in absehbarer Zeit auch wieder regenerieren kann.

Wie sah im Sommer 2015, nach dem erneuten Klassenerhalt mit dem VfB, Ihre Jahresplanung aus? Sie wollten das Ferienhaus auf Mallorca renovieren.
Jaja, da sind wir auch immer noch dabei.

Machen Sie noch private Monats- oder Jahrespläne?
Natürlich stelle ich mir vor, wie ein Jahr laufen könnte, beispielsweise wann unsere Enkel zu uns kommen. Die waren gerade in Eindhoven zu Besuch, als sich Ende Oktober Hoffenheim meldete.

Und?
Da bleibt nicht viel Zeit zum Überlegen. Ich sagte zu, allerdings mit der Einschränkung, dass ich nicht morgen, sondern erst übermorgen komme, weil ich den Kindern versprochen hatte, mit ihnen in einen Freizeitpark zu gehen. Danach aber blieben die beiden bei meiner Frau – und der Opa war weg.

Ein ständiges Hin und Her. Was sagt Ihre Frau dazu?
Die ist ganz froh, wenn ich von Zeit zu Zeit unterwegs bin.

Sind Sie so unerträglich, wenn Sie Fußball nur im Fernsehen schauen können?
Da müssen Sie meine Frau fragen. Spaß beiseite: Das Ganze bereitet ihr schon Probleme, aber sie kennt mich ja.

Können Sie nach einem nervenaufreibenden Kurzzeitjob im Abstiegskampf denn ohne Fremdeln wieder ins Familienleben zurückkehren?
Klar, dann freue ich mich auf die Kinder und einen netten Abend beim Essen.

Mit anderen Worten: Mission erfüllt! Feierabend! Ich bin dann mal weg!
Ein Kapitel im Fußball musst du sofort abschließen, das ist wichtig.

Aber nicht immer ganz einfach.
Da gebe ich Ihnen Recht. Der erste Abstiegskampf mit dem VfB Stuttgart in der Saison 2013/14. Diese Wochen waren hart.

Dabei dauerte das Engagement gerade mal 59 Tage.
Stimmt, aber nach der Entlassung in Saloniki im März 2013 wechselte ich innerhalb von nur einer Woche nach Stuttgart. Ich sprang also von einem fahrenden Zug auf den nächsten. Das ging so schnell, dass ich am Ende der Saison dachte: »Huub, du musst aufpassen, sonst läufst du gegen eine Wand.«

Das heißt konkret?
Dass ich fürchtete, mich zu übernehmen. Deswegen sagte ich zu Fredi (Bobic, d. Red.) am Ende, es sei besser, wenn er sich einen anderen Trainer sucht. Es bestand die Gefahr, dass ich sonst nach drei Monaten wirklich gegen eine Wand laufe. Und das wollte ich nicht.

Hatten Sie so etwas vorher schon mal erlebt?
Nein, aber ich war auch nie in so kurzer Zeit von einem Extrem ins andere geraten. Saloniki war ein Abenteuer, wir spielten Europa League, standen im oberen Tabellendrittel. Und in Stuttgart drohten die Lichter auszugehen. Zwei Situationen, die nicht ansatzweise zu vergleichen waren.

Das erste Engagement beim VfB Stuttgart dauerte 59 Tage, das zweite in der vergangenen Saison 179 Tage. Wie ging es Ihnen am Ende der Spielzeit 2014/15?
Nicht so schlecht wie im Jahr zuvor. Aber ich habe auch gemerkt, dass es an den Nerven zehrt. Die Mannschaft hatte in zwei Jahren nie zwei Spiele nacheinander gewonnen, und dann mussten wir die letzten drei für uns entscheiden. In solchen Phasen denke ich ständig darüber nach, wie das klappen kann.

Woran erkennt ein Trainer einen Profi, der Angst hat?
Jeder Mensch ist anders. Dem einen steht die Angst ins Gesicht geschrieben, bei dem anderen zeigt sie sich erst auf dem Platz. Als Trainer spüre ich schon, wenn ich in die Kabine komme, wie die emotionale Situation ist.

Kennen Sie noch Angstgefühle im Zusammenhang mit Fußball?
Nein, ich habe so viel erlebt, dass ich keine Angst mehr empfinde. Das ist auch wichtig, damit ich in der Lage bin, den Spielern dieses Gefühl zu nehmen.

Wie kriegt man das hin?
Hier in Hoffenheim habe ich den Jungs erklärt, dass es völlig normal ist, wenn bei einem Verein, der von Null auf Hundert auf der Erfolgsskala geschossen ist, nach einiger Zeit auch Misserfolg eintritt. Der Erfolg ist eine Kurve, es geht rauf und runter. Wir müssen jetzt nur zusehen, dass die Kurve wieder nach oben geht.

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