Wie wird man Weltmeister, Rudi Völler?

»Gegen Argentinien konnten wir nicht verlieren«

Rudi Völler hat die WM-Geschichte der Nationalmannschaft nachhaltig geprägt: 1986 wurde Vizeweltmeister, vier Jahre später gewann er unter Franz Beckenbauer den Titel. Als Chefcoach erreichte er bei der WM 2002 in Asien ein weiteres Mal das Finale. Ein Gespräch über den größten Titel im Fußball.

Rudi Völler, Sie wirkten in drei WM-Finals mit. Klären Sie uns auf: Wie wird ein Team Weltmeister?
Grundvoraussetzung ist die Qualität der Spieler. Die muss herausragend sein. Natürlich gibt es immer mal Sonderfälle wie 2004 die Griechen, die mit einer sensationellen taktischen Grundausrichtung Europameister wurden. Da wusste jeder, dass es bessere Mannschaften gibt. Aber 1990 waren wir einfach sehr gut.

Und wurden verdient Weltmeister.
Wir waren ein guter Jahrgang. Brehme, Buchwald, Littbarski, Matthäus und ich – wir sind alle 1960 oder 1961 geboren, über Jahre gemeinsam gereift und gewachsen.

Berti Vogts hat gesagt, die 74er-WM-Elf hätte während des Turniers nie einen Zweifel gehabt, dass sie am Ende den Titel holen. Wie war das bei den Weltmeistern von 1990?
Naja, ob das wirklich so war? Ein bisschen Legendenbildung gehört in der Rückschau eben dazu. Aber auch wir waren selbstbewusst. Schließlich gelang uns schon zum Auftakt gegen Jugoslawien unser bestes Spiel. Franz Beckenbauer hatte uns akribisch mit Videoanalysen vorbereitet. Jugoslawien war eine Supermannschaft, vor der wir Respekt hatten. Der 4:1-Sieg setzte dann eine Euphorie frei, die uns durch die gesamte WM trug.

Daran änderte auch das Aufeinandertreffen mit Angstgegner Holland im Achtelfinale nichts?
Zugegeben, damit hatten wir nicht gerechnet. Ich will nicht sagen, dass wir Angst hatten, aber es war zweifelsfrei ein 50:50-Spiel. Uns war klar, dass es uns erwischen kann. Dennoch waren wir optimistisch, denn die Holländer hatten eine schlechte Vorrunde gespielt und waren nur als bester Gruppendritter weitergekommen.

Das Spiel gegen Holland wurde bestimmt durch die aufgeheizte Atmosphäre.
Die Rivalität zwischen unseren beiden Teams war auf dem Siedepunkt. Bei der EM 1988 gab es einige unschöne Szenen …

… Libero Ronald Koeman wischte sich mit dem Deutschlandtrikot den Hintern ab …
... und auch Torwart Hans van Breukelen verhielt sich oft etwas grenzwertig, aber sowas kommt bei Torhütern ja öfter vor.

Die Auseinandersetzung gipfelte in der Spuck-Attacke von Frank Rijkaard auf Sie.
Ich kannte Rijkaard sehr gut. Wir hatten oft gegeneinander gespielt, und ich empfand es als Kompliment, dass er bei Länderspielen immer gegen mich als Innenverteidiger aufgestellt wurde, obwohl er beim AC Mailand im Mittelfeld spielte. Holland fehlte hinten wohl die Alternative. Eigentlich hatten wir ein gutes Verhältnis, es gab vorher im Spiel auch keinen Disput, deshalb habe ich überhaupt nicht verstanden, was plötzlich mit ihm los war. Vielleicht lag es daran, dass er kurz zuvor eine Gelbe Karte bekommen hatte und im Viertelfinale gesperrt war. Wie auch immer, dann hat er mich angespuckt.

Keine schöne Geste.
Sicher nicht, aber zu verkraften. Was für mich in dieser Situation viel, viel schlimmer wog, war die Tatsache, dass ich vom Platz gestellt wurde. Dramatisch. Es bleibt wohl auf immer das Geheimnis des argentinischen Schiedsrichters, warum er mir Rot zeigte. Diese Entscheidung hat er mit ins Grab genommen. Ich habe nämlich gelesen, dass er vor kurzem gestorben ist. Wahrscheinlich hat er sich bloß gedacht, dass es ruhiger wird, wenn er uns beide runter stellt. War ja auch so.

Der Konflikt soll im Spielertunnel eskaliert sein.
Es gab eine Rangelei, die aber schnell vorbei war, weil ein Betreuer von uns und einer von Holland uns mit Hilfe einiger FIFA-Bediensteter trennten.

War Frank Rijkaard Ihr unangenehmster Gegenspieler bei einer WM?
Ach was, das war wohl eher Karl-Heinz Förster. Bei dem musste man selbst im Training zusehen, dass er nicht im gegnerischen Team spielte.

Mussten Sie an Ihren Platzverweis denken, als Michael Ballack im Halbfinale 2002 gegen Südkorea für ein taktisches Foul die Gelbe Karte bekam und daraufhin fürs Endspiel gesperrt wurde?
Das lässt sich nicht vergleichen. Für mich war es schlimm, aber nach dem Sieg gegen Holland konnte ich nach vorne schauen. Sicher, die Sperre von einem Spiel hat mich im Turnier etwas aus dem Rhythmus gebracht, aber ich wusste auch, dass es für mich bei der WM noch eine Zukunft gibt. Was Michael passierte, war viel tragischer, denn er opferte für die Mannschaft die Teilnahme an einem WM-Endspiel. Und es zeichnet ihn als Menschen aus, dass er so etwas ganz bewusst getan hat. Er spielte weiter in dem Wissen, nicht mehr im Finale aufzulaufen – und schoss vier Minuten später noch das 1:0 für uns. Das müssen Sie sich mal vorstellen.

In welcher Verfassung trafen Sie Ballack nach dem Spiel an?
Er war sehr niedergeschlagen. Na klar. Auch für mich war es eine unangenehme Situation: Alle waren euphorisiert, weil wir es ins Finale geschafft hatten. Und ausgerechnet derjenige, der einen wesentlichen Teil dazu beigetragen hatte, war am Boden zerstört. Natürlich sind da Tränen geflossen. Aber so ist der Sport.

Wie groß ist der Druck auf die handelnden Personen bei einer WM? Viele haben Jürgen Klinsmann 2006 geraten, nicht im Eröffnungsspiel anzutreten, weil die ganze Welt auf dieses Match schaut.
Der Druck in einer WM-Vorrunde ist noch vergleichsweise moderat. Da kann man schlimmstenfalls auch mal ein Spiel verlieren. Wissen Sie, wann ich den extremsten Druck in meiner gesamten Karriere als Spieler und Trainer empfunden habe? In den beiden Relegationsspielen gegen die Ukraine im November 2001, als ich Teamchef der Nationalmannschaft war. Nach dieser Erfahrung kann mich im Fußball nichts mehr schocken.

Können Sie das beschreiben?
Stellen Sie sich vor, Sie spielen als Fußballmacht Deutschland um die WM-Teilnahme – ein Land, das in der gesamten WM-Geschichte, wenn es in der Qualifikation dabei war, immer mindestens ins Viertelfinale gekommen ist. Zwei Spiele, in denen es darum geht, ob Sie dahin fahren dürfen oder nicht. Dieser Druck ist nicht zu toppen. Schauen Sie sich nur an, wie Diego Maradona nach der geschafften Qualifikation gefeiert hat. So würde der sich nicht freuen, wenn Argentinien jetzt den Titel holt. Das Schlimmste ist nicht, bei einer WM auszuscheiden, sondern als große Nation überhaupt nicht dabei zu sein.

Was haben Sie der Mannschaft vor den Relegationsspielen gesagt?
In solchen Momenten geht es nicht mehr darum, die Spieler zu motivieren, sondern eher darum, Druck aus der Sache heraus zu nehmen. Sonst treffen die keinen Ball mehr. Durch Gespräche versucht man, den Spielern die Angst zu nehmen. Indem man trotz des Drucks, der auf einem selbst lastet, sagt: »Jungs, es ist nur ein Fußballspiel.«

So einfach?
Natürlich habe ich mehr gesagt, aber es würde zu weit führen, Ihnen das jetzt auszuführen. Nur so viel: Es waren vier tolle Jahre als Verantwortlicher der Nationalmannschaft. Selbst die EM mit dem etwas unglücklichen Ausscheiden war schön. Aber die zehn Tage mit der Mannschaft um die beiden Spiele gegen die Ukraine herum –
das war unmenschlich.

Was ist eigentlich das Geheimnis der Turniermannschaft Deutschland?
Sie können sich gar nicht vorstellen, wie kompliziert es ist, sieben Wochen in einer Gruppe zusammen zu sein. Da gibt es immer Reibereien. Am Anfang an einem guten Tag auch mal gegen einen Favoriten zu gewinnen, ist eine Sache. Aber über ein gesamtes Turnier den Zusammenhalt und das gute Gefühl aufrecht zu erhalten, ist sehr schwierig. Und das ist seltsamerweise eine Stärke deutscher Mannschaften.

Dabei kommen doch bei jeder WM wieder andere Charaktere zusammen.
Wichtig ist auch, dass keiner aus dem Kader auf den Gedanken kommt, das Turnier möge möglichst bald vorbei sein. So wie bei der Bundeswehr, wo man nur daran denkt, wann man endlich nach Hause kann. Deutsche Spieler haben diese Geduld und sind in der Lage, es im Interesse der Sache gemeinsam auszuhalten.

Liegt das daran, dass sich deutsche Spieler durch ihre Erziehung eher als Teamplayer verstehen?
Mag sein, aber dafür gibt es viele Erklärungen. Fakt ist: Wir können langanhaltend auf ein Ziel hinarbeiten. Es gibt afrikanische Teams, die sind in bestimmten Momenten zu herausragenden Leistungen fähig, und von einem Tag auf den anderen läuft bei denen gar nichts mehr.

Dabei war auch Ihre Spielergeneration geprägt von extrovertierten Charakteren. Typen wie Lothar Matthäus, die sogar am Münzfernsprecher den Boss gespielt haben sollen.
Das war in der Sportschule Hennef irgendwann Mitte der Achtziger. Dort gab es damals noch kein Telefon auf dem Zimmer, nur einen Fernsprecher in der Lobby. Lothar war nun mal unser Top-Telefonierer, und so war es sehr schwer, von dort mal einen kurzen Anruf zu tätigen. Die Etablierten ließ er zwischendurch schon mal an den Hörer, aber Nachwuchsspielern blieb nichts anderes übrig, als Rauchzeichen an die Freundinnen zu senden.

Bei der Nationalmannschaft schien Matthäus zumindest in der Beckenbauer-Ära der unumschränkte Chef zu sein.
Der Zusammenhalt unter uns Weltmeistern ist bis heute sehr gut. Aber ich muss zugeben, dass es bei der WM 1986 im Team durchaus noch eine ausgeprägte Gruppenbildung gab: Die Bayern blieben unter sich, die Kölner auch. Deshalb war die Vizeweltmeisterschaft der absolute Wahnsinn. 1990 war das anders, da gab es keine Gruppen, und es lief wirklich absolut harmonisch ab.

Sie gehörten 1986 zu der Außenseiter-Gruppe, die nach dem gewonnenen Halbfinale gegen Frankreich in Mexikaner-Kostümen eine legendäre Party gefeiert hat.
Richtig, ich als Bremer war mit dem Frankfurter Thomas Berthold auf einem Zimmer. Es gab eine Durchgangstür zum Nachbarzimmer, in dem der Hamburger Felix Magath mit dem Uerdinger Matthias Herget wohnte. So waren wir Vier ohnehin relativ oft zusammen. An diesem Abend kam dann auch noch der Gladbacher Uwe Rahn dazu.

Hat es auch 1990 eine Party vor dem Finale gegeben?
Nicht in dieser Form, aber ich erinnere mich, dass wir uns am Tag vor unserem Halbfinale gegen England in Mailand in der Hotelbar mit der Mannschaft trafen. Italien war gerade gegen Argentinien ausgeschieden, und wir tranken ein, zwei Bier auf dieses Ereignis.

Warum?
Weil uns in diesem Moment klar war: Wenn wir gegen England gewinnen, werden wir Weltmeister.

Wie gelangten Sie zu dieser Erkenntnis?
Gegen Argentinien konnten wir nicht verlieren. Das meine ich nicht überheblich, aber die waren in jedem Spiel des Turniers 1990 die schwächere Mannschaft. Mal ehrlich: Das Finale kann man sich heute doch gar nicht mehr ansehen. Argentinien hatte in 90 Minuten nicht eine einzige Torchance. Ich bin mir fast sicher, dass Bodo Illgner nach dem Finale nicht geduscht hat. Der hat sich nicht einmal hinwerfen müssen.

Und Sie gewinnen dennoch nur durch einen zweifelhaften Elfmeter für ein Foul an Ihnen.
Naja, die Entscheidung für den Strafstoß war die Konsequenz aus einer Summe von nicht gegebenen Elfmetern. Irgendwann hatte der Schiri die Schnauze voll und hat auf den Punkt gezeigt. Auch wenn ich zugeben muss, dass es von den vielen Situationen diejenige war, die am wenigsten elfmeterreif war.

Rudi Völler, gibt es etwas ganz Konkretes, das sich in Ihrem Leben verändert hat, seit Sie Weltmeister sind?
Der Titel. Seitdem wird im Zusammenhang mit meinem Namen immer dieser Zusatz verwendet: »Weltmeister« bleibt man eben immer.

Ein großes Glück.
Auf jeden Fall, denn es ist für das Erreichen dieses Titels auch wichtig, dass man der richtigen Generation angehört und den richtigen Reisepass hat. Es gibt viele Spieler, die zur Weltklasse zählen, aber nie Weltmeister werden, weil ihr Nationalteam insgesamt zu schwach ist. Zlatan Ibrahimovic wird wohl nie Weltmeister werden, auch wenn er zu den besten Stürmern seiner Zeit gehört.

Wann setzte nach dem gewonnenen Finale bei Ihnen das Gefühl ein, dass Sie nun Weltmeister sind? So wie es bei Franz Beckenbauer 1990 noch auf dem Rasen des Stadions ins Rom der Fall war.
Ich kann heute verstehen, wie Franz damals zumute war, weil ich es 2002 auch erlebt habe. Der Druck für den Trainer ist viel höher als für einen Spieler. Da fiel alles von ihm ab. Als Aktiver muss man sich um nichts kümmern, beim Turnier in Italien kam ich aus dem Feiern gar nicht mehr raus. Als Teamchef aber ist man für das große Ganze verantwortlich –
das ist viel belastender.

Andreas Brehme soll nach dem Finale 1990 gesagt haben: »Jetzt fahre ich erstmal nach Hamburg und gehe mit meinen Freunden in der Osterstraße in Eimsbüttel zum Griechen.« Welches Ritual wählten Sie?
Nichts Erwähnenswertes. Ich hatte schon wieder die nächste Saison im Kopf, die sechs Wochen später anfing. Es ist schließlich nicht so, dass der Gegenspieler im ersten Ligaspiel nicht mehr angreift, nur weil man plötzlich Weltmeister ist.

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