13.07.2014

Wie wird man Weltmeister, Rudi Völler?

»Gegen Argentinien konnten wir nicht verlieren«

Rudi Völler hat die WM-Geschichte der Nationalmannschaft nachhaltig geprägt: 1986 wurde Vizeweltmeister, vier Jahre später gewann er unter Franz Beckenbauer den Titel. Als Chefcoach erreichte er bei der WM 2002 in Asien ein weiteres Mal das Finale. Ein Gespräch über den größten Titel im Fußball.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Rudi Völler, Sie wirkten in drei WM-Finals mit. Klären Sie uns auf: Wie wird ein Team Weltmeister?
Grundvoraussetzung ist die Qualität der Spieler. Die muss herausragend sein. Natürlich gibt es immer mal Sonderfälle wie 2004 die Griechen, die mit einer sensationellen taktischen Grundausrichtung Europameister wurden. Da wusste jeder, dass es bessere Mannschaften gibt. Aber 1990 waren wir einfach sehr gut.

Und wurden verdient Weltmeister.
Wir waren ein guter Jahrgang. Brehme, Buchwald, Littbarski, Matthäus und ich – wir sind alle 1960 oder 1961 geboren, über Jahre gemeinsam gereift und gewachsen.

Berti Vogts hat gesagt, die 74er-WM-Elf hätte während des Turniers nie einen Zweifel gehabt, dass sie am Ende den Titel holen. Wie war das bei den Weltmeistern von 1990?
Naja, ob das wirklich so war? Ein bisschen Legendenbildung gehört in der Rückschau eben dazu. Aber auch wir waren selbstbewusst. Schließlich gelang uns schon zum Auftakt gegen Jugoslawien unser bestes Spiel. Franz Beckenbauer hatte uns akribisch mit Videoanalysen vorbereitet. Jugoslawien war eine Supermannschaft, vor der wir Respekt hatten. Der 4:1-Sieg setzte dann eine Euphorie frei, die uns durch die gesamte WM trug.

Daran änderte auch das Aufeinandertreffen mit Angstgegner Holland im Achtelfinale nichts?
Zugegeben, damit hatten wir nicht gerechnet. Ich will nicht sagen, dass wir Angst hatten, aber es war zweifelsfrei ein 50:50-Spiel. Uns war klar, dass es uns erwischen kann. Dennoch waren wir optimistisch, denn die Holländer hatten eine schlechte Vorrunde gespielt und waren nur als bester Gruppendritter weitergekommen.

Das Spiel gegen Holland wurde bestimmt durch die aufgeheizte Atmosphäre.
Die Rivalität zwischen unseren beiden Teams war auf dem Siedepunkt. Bei der EM 1988 gab es einige unschöne Szenen …

… Libero Ronald Koeman wischte sich mit dem Deutschlandtrikot den Hintern ab …
... und auch Torwart Hans van Breukelen verhielt sich oft etwas grenzwertig, aber sowas kommt bei Torhütern ja öfter vor.

Die Auseinandersetzung gipfelte in der Spuck-Attacke von Frank Rijkaard auf Sie.
Ich kannte Rijkaard sehr gut. Wir hatten oft gegeneinander gespielt, und ich empfand es als Kompliment, dass er bei Länderspielen immer gegen mich als Innenverteidiger aufgestellt wurde, obwohl er beim AC Mailand im Mittelfeld spielte. Holland fehlte hinten wohl die Alternative. Eigentlich hatten wir ein gutes Verhältnis, es gab vorher im Spiel auch keinen Disput, deshalb habe ich überhaupt nicht verstanden, was plötzlich mit ihm los war. Vielleicht lag es daran, dass er kurz zuvor eine Gelbe Karte bekommen hatte und im Viertelfinale gesperrt war. Wie auch immer, dann hat er mich angespuckt.

Keine schöne Geste.
Sicher nicht, aber zu verkraften. Was für mich in dieser Situation viel, viel schlimmer wog, war die Tatsache, dass ich vom Platz gestellt wurde. Dramatisch. Es bleibt wohl auf immer das Geheimnis des argentinischen Schiedsrichters, warum er mir Rot zeigte. Diese Entscheidung hat er mit ins Grab genommen. Ich habe nämlich gelesen, dass er vor kurzem gestorben ist. Wahrscheinlich hat er sich bloß gedacht, dass es ruhiger wird, wenn er uns beide runter stellt. War ja auch so.

Der Konflikt soll im Spielertunnel eskaliert sein.
Es gab eine Rangelei, die aber schnell vorbei war, weil ein Betreuer von uns und einer von Holland uns mit Hilfe einiger FIFA-Bediensteter trennten.

War Frank Rijkaard Ihr unangenehmster Gegenspieler bei einer WM?
Ach was, das war wohl eher Karl-Heinz Förster. Bei dem musste man selbst im Training zusehen, dass er nicht im gegnerischen Team spielte.

Mussten Sie an Ihren Platzverweis denken, als Michael Ballack im Halbfinale 2002 gegen Südkorea für ein taktisches Foul die Gelbe Karte bekam und daraufhin fürs Endspiel gesperrt wurde?
Das lässt sich nicht vergleichen. Für mich war es schlimm, aber nach dem Sieg gegen Holland konnte ich nach vorne schauen. Sicher, die Sperre von einem Spiel hat mich im Turnier etwas aus dem Rhythmus gebracht, aber ich wusste auch, dass es für mich bei der WM noch eine Zukunft gibt. Was Michael passierte, war viel tragischer, denn er opferte für die Mannschaft die Teilnahme an einem WM-Endspiel. Und es zeichnet ihn als Menschen aus, dass er so etwas ganz bewusst getan hat. Er spielte weiter in dem Wissen, nicht mehr im Finale aufzulaufen – und schoss vier Minuten später noch das 1:0 für uns. Das müssen Sie sich mal vorstellen.

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