Wie wird man Tabellenführer mit negativer Tordifferenz, Joachim Hopp?

»In Duisburg wackelte die Straßenbahn!«

Hannover 96 steht mit einem negativen Torverhältnis in der Bundesliga auf Platz fünf. Das ist kurios. Doch es geht noch besser. 1994 war der MSV Duisburg nach 22 Spieltagen mit einer Tordifferenz von 29:30 Erster. Ex-Verteidiger Joachim Hopp erinnert sich.

Joachim Hopp, am 18. Februar 1994...
Joachim Hopp: ...ja, Freitagabend, 19.30 Uhr, Flutlichtspiel. Ich kann mich noch daran erinnern, als wäre es gestern gewesen, bin erst vor kurzem wieder zwei Mal in Duisburg darauf angesprochen worden. Wir haben gegen Werder Bremen 1:0 gewonnen und sind an die Tabellenspitze gestürmt.

Was ging nach Spielschluss in der Stadt ab?
Joachim Hopp: Ich fuhr mit Peter Közle mit dem Auto nach Hause. Wir haben damals zusammen in Duisburg-Beeck gewohnt. Als wir an einer roten Kreuzung hielten, stand neben uns eine Straßenbahn voller Fans. Als die uns erkannt haben, hätten die beinahe die Straßenbahn umgeworfen. Es war eine Stimmung in der Stadt - phänomenal!

Der MSV Duisburg auf Platz eins der Bundesliga. Und das mit einem negativen Torverhältnis.
Joachim Hopp: Das war verrückt, das hatte es bis dahin auch noch nicht gegeben. Wir haben darüber auch noch drei, vier Tage nach dem Spiel unsere Sprüche gemacht.

Sie standen einen Punkt vor dem FC Bayern München, der 19 Treffer im Plus lag. Wie erklären Sie sich das?

Joachim Hopp: Unsere Spielweise war damals defensiv ausgerichtet. Wir haben nicht viele Tore geschossen. Es waren immer sehr knappe Spiele, die oft in der Schlussphase entschieden wurden. Auch gegen Bremen hat Peter Közle das 1:0 erst eine Viertelstunde vor Schluss erzielt. Oft ging es gut. Aber es gab eben auch die Spiele, in denen wir richtig auf den Sack bekommen haben, zum Beispiel beim 1:7 gegen den 1. FC Kaiserslautern am 30. Spieltag.

Nach dem Sieg gegen Werder Bremen sagte Torhüter Jürgen Rollmann: »Ich hätte nichts dagegen, wenn wir Meister werden und keiner bekommt es mit.« War der Titel plötzlich das Ziel?
Joachim Hopp: (lacht) Nein, nein. Jürgen hatte einen trockenen Humor. Er hat diese Zeit genauso genossen wie jeder von uns. Wir haben damit überhaupt nicht gerechnet. Das Ziel war wirklich weiterhin der Klassenerhalt.

Eine Woche später gastierten sie bei den Bayern. Schon zur Pause hatte der Endstand Bestand – 0:4 aus MSV-Sicht. Was lief schief?
Joachim Hopp: Das war ein ganz kurioses Spiel. Im Ruhrgebiet war es die Woche über arschkalt gewesen. Und in München herrschte Föhn. Warme Luft, 20 Grad, richtig schwül. Dazu kam, dass Franz Beckenbauer die Bayern kurzfristig übernommen und Erich Ribbeck abgelöst hatte. Die waren motiviert. Wir fuhren dennoch mit richtig breiter Brust nach München, wollten dem Spiel unseren Stempel aufdrücken. Dann sind wir raus aus der Kabine, die warme Luft kam uns entgegen, wir haben Pudding in die Beine bekommen und sind richtig auf die Schnauze gefallen. Unerklärlich. Ich hatte auch nicht den allerbesten Tag. Mein Gegenspieler war Adolfo Valencia, der das 4:0 schoss.

Hört sich so an, als hätten Sie ihre eigentliche Ausrichtung, defensiv zu stehen und auf ein spätes Tor zu warten, für dieses Spiel über den Haufen geworfen.
Joachim Hopp: Wir wollten bestimmt nicht arrogant auftreten in München. Aber unser Ziel war es, sich nicht zu verstecken. Bayern hat uns dann in der ersten Halbzeit eiskalt ausgekontert. Wenn wir etwas defensiver gespielt hätten, wäre es vielleicht anders ausgegangen.

Danach ging es bergab, der MSV fiel in der Tabelle bis zum Saisonende auf Platz neun zurück, das Torverhältnis lautete letztlich 41:52. Mit zwei Zählern Rückstand auf den fünften Platz, der in den Uefa-Cup geführt hätte. Eine vertane Chance?
Joachim Hopp: Wir hatten alle Spaß an der Tabellenspitze, wussten das aber einzuordnen. Ein Platz  unter den ersten Zehn war irgendwann gegen Saisonende unser Ziel. Das haben wir erreicht und auch gefeiert. Und ein paar Jahre später haben wir uns über die Bundesliga ja immerhin auch nochmal für den UI-Cup qualifiziert und gegen den AJ Auxerre gespielt. (Der MSV schied gegen Auxerre nach einem 0:0 zu Hause und einem 0:2 auswärts aus, d. Red.)

Hannover 96 hat das Duisburger Modell kopiert. Die 96er stand in der Vorsaison nach 22 Spieltagen auf Platz vier, derzeit sind sie Fünfter, jeweils mit einem negativen Torverhältnis. Haben Sie noch einen Tipp für die Hannoveraner?
Joachim Hopp: Nein. Ich sehe ja viele Spiele von Hannover in der Europa League. Mirko Slomka ist jetzt zwei Jahre da und seitdem ist dort etwas zusammengewachsen. Das geht natürlich nur, wenn im Verein Ruhe herrscht. Aber ich glaube nicht, dass Hannover in der Defensive so anfällig ist wie wir es damals in einigen Spielen waren.

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