Wie wird man mit 25 Jahren Bundesliga-Trainer, Julian Nagelsmann?

»Guardiola ist mein Vorbild!«

Hoffenheims Co-Trainer Julian Nagelsmann ist mit 25 Jahren der bisher jüngste Trainer der Bundesligageschichte. Wir sprachen mit dem Trainertalent über Autorität, Konsolenfußball mit den Spielern und Hoffenheims Rezept für den Klassenerhalt.

TSG 1899 Hoffenheim

Julian Nagelsmann, herzlichen Glückwunsch, mit 25 Jahren sind Sie der jüngste Trainer der Bundesliga.
Vielen Dank.

War es eine große Überraschung, als Sie im Dezember 2012 gefragt wurden, ob Sie als Co-Trainer der ersten Mannschaft arbeiten wollen?
Es war eine Riesenüberraschung! Als Jugendtrainer hatte ich zwar schon ganz gute Arbeit geleistet, aber als Frank Kramer (Trainer von Hoffenheims zweiter Mannschaft, d Red.) während seines Trainer-Interims fragte, ob ich Co-Trainer bei den Profis werden wollte, konnte ich es erst kaum glauben. Die zweite Überraschung war, dass es unter Marco Kurz weitergehen sollte. Ich habe mich enorm gefreut.

Wie wird man mit 25 Jahren Co-Trainer bei einem Bundesligaverein?
Ich musste meine Spielerkarriere schon mit 20 Jahren beenden, weil ich seit der U17 bei 1860 München immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen hatte. Auf der anderen Seite war ich schon immer sehr interessiert am Trainerberuf. Auf dem Platz war ich stets Führungsspieler, Verletzungspausen habe ich dazu genutzt, mich in die Trainerrolle hinein zu denken.

Wann war endgültig klar, dass Sie Ihre Karriere beenden mussten?
Das Karriereende war letztlich meine Entscheidung. Als ich in Augsburgs zweiter Mannschaft spielte, sagte der Arzt nach meiner zweiten Meniskus-OP zu mir, dass mein Knorpel in Mitleidenschaft gezogen sei. Er stellte es mir frei, weiter zu spielen, warnte mich aber vor Arthrose und einem steifen Knie. Mir war das Risiko zu groß und ich entschloss mich für meine Gesundheit. Der Weg in den bezahlten Fußball schien unerreichbar.

Rückblickend war es eine weitsichtige Entscheidung. Aber hatten Sie nach Ihrem verletzungsbedingten Karriere-Aus nicht erst einmal die Nase voll von Fußball?
Tatsächlich wollte ich mit dem Fußball erst einmal nichts mehr zu tun haben. Es war sehr traurig für mich, dass ich meine Karriere so jung beenden musste. Schließlich habe ich dem Fußball meine ganze Jugend geopfert und über Nacht war alles vorbei. Dass ich heute Co-Trainer bin, liegt letztlich an Thomas Tuchel. Er war damals mein Trainer bei Augsburgs zweiter Mannschaft, ich hatte einen sehr guten Draht zu ihm.

Was hat Tuchel unternommen, dass Sie Trainer wurden?
Nach meiner Verletzung hat er mich bei der Gegner-Analyse eingespannt. Es war eine Win-Win-Situation: Mein Vertrag bei Augsburg lief noch und ich konnte Tuchel unterstützen. In dem Jahr unter ihm habe ich enorm viel gelernt. Tuchel hat viel zu meiner Berufswahl beigetragen.

Wie ging es danach weiter?
Mein ehemaliger Trainer von 1860 München, Alexander Schmidt, sorgte dafür, dass ich Co-Trainer der U17 in München werden konnte. Ich kam sofort in den Leistungsbereich, was großes Glück war.

Warum bekamen Sie jedes Mal einen derart großen Vertrauensvorschuss?
Unabhängig von der Liga und der Zuschauerzahl war ich immer mit Leib und Seele dabei. Der Trainerjob erfüllt mich total. Dass ich so schnell in der Bundesliga gelandet bin, ist natürlich ein Traum. Letztlich hat die Konstellation in Hoffenheim das erst ermöglicht – für das Vertrauen bin ich sehr dankbar. Trotzdem: Ich möchte nicht in Dankbarkeit sterben, sondern Erfolge erzielen. Unser Ziel ist es, die Klasse zu halten und den Profis etwas mit auf den Weg geben.

Was können Sie den Profis mit Ihren 25 Jahren überhaupt beibringen?
Meine Stärken liegen im taktischen und technischen Bereich. Zudem kann ich aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen den Spielern dabei helfen, mit Rückschlägen umzugehen. Davon hat es in der Hinrunde für die Mannschaft bekanntlich viele gegeben. Man muss lernen, trotzdem wieder aufzustehen, positiv in die Zukunft zu blicken und sein Leben anzupacken.



Wie ist der Umgang mit Spielern, die älter als Sie selber sind? Respektieren diese vorbehaltslos Ihre Autorität?
Anfangs gab es ein gegenseitiges Abtasten. Die älteren Spieler hatten in Ihrer Laufbahn schon den ein- oder anderen Trainer und wollten austesten, ob ich überhaupt Ahnung von Fußball habe. Ich denke, ich konnte Sie durch meine individuellen Ratschläge und fachlichen Sachverstand überzeugen.

Wie treten Sie den Spielern gegenüber auf?
Respektvoll, aber bestimmend. Wichtig ist, dass ich mir nichts darauf einbilde, so jung Bundesliga-Trainer zu sein und meine Aufgabe ohne Arroganz erfülle. Ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen, aber ein bisschen Fußballkompetenz habe ich schon. Das akzeptieren auch die älteren Spieler.

Es scheint, dass junge Trainer ohne große Fußballkarriere derzeit schwer im Trend liegen. Um nur einige zu nennen: Jürgen Klopp, Christian Streich und Thomas Tuchel. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Es gibt verschiedene Gründe, die für junge Trainer sprechen: Die Jugend von heute spricht eine andere Sprache und wächst mit sozialen Netzwerken auf – die Gesellschaft insgesamt hat sich sehr verändert. Vielleicht fällt es jüngeren Trainern leichter, mit jungen Spielern umzugehen.

Inwiefern stehen Sie den Spielern näher als ein älterer Kollege. Spielen Sie vielleicht sogar mal eine Runde Fußball auf der Konsole mit den Jungs?
(lacht) Unabhängig vom Alter gehört es zu den Aufgaben eines Co-Trainers, nah an der Mannschaft zu sein, aber abends mit den Spielern Konsole zu zocken, würde zu weit gehen. Ich muss aufpassen, dass es nicht zu eng wird. Die Beziehung muss professionell bleiben.

Die Hoffenheimer Mannschaft scheinen Sie jedenfalls zu erreichen. Die Auftritte nach der Winterpause wirkten wesentlich engagierter als die in der Hinrunde. Wie gelang es dem Trainerteam, das Ruder bei der TSG in so kurzer Zeit herum zu reißen?
Das ist das Verdienst von Marco Kurz. Wie er mit der Mannschaft umgeht, ist für die Spieler sehr förderlich. Es ist ein richtiger Teamgeist entstanden. Der Zusammenhalt spiegelt sich als innere Ordnung auf dem Feld wider.

Ist das auch Ihr Rezept für den Klassenerhalt?
Wir müssen uns auch spielerisch weiter steigern. Aber Geschlossenheit spielt eine sehr große Rolle dabei, unsere fußballerische Qualität zu verbessern.

In der Hinrunde hatte man manchmal den Eindruck, dass einige Profis eher unmotiviert über den Platz schlichen. Hingen die Probleme vielleicht auch mit dem Standort Sinsheim zusammen? Passiert den Spielern dort zu wenig?
Ich sehe keinen Nachteil an Sinsheim, denn eigentlich kann man hier alles haben: Wer lieber in der Stadt wohnt, zieht nach Heidelberg. Wer, wie ich, lieber auf dem Land wohnt, bleibt in der Gegend. Auf jeden Fall kann man hier in Ruhe arbeiten, auch dank hervorragender infrastruktureller Voraussetzungen. Ich habe noch von keinem Spieler gehört, dass er sich in Sinsheim nicht wohlfühlt. Es ist eine sehr schöne, ländliche Gegend.

Haben Sie ein persönliches Trainervorbild?
Pep Guardiola ist aufgrund seiner Persönlichkeit und der Spielweise des FC Barcelona in jeder Hinsicht ein Vorbild. Aber auch die Trainingsarbeit von Thomas Tuchel war für mich sehr prägend. Dennoch sind es natürlich noch Welten, die mich von meinen Vorbildern und anderen Bundesligatrainern, wie auch Marco Kurz, trennen.

Dafür haben Sie ja auch noch ein bisschen Zeit.
(lacht) Das hoffe ich.

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