Wie wird man ein guter Fußballer, Marcus Schlecht?

»Stolzieren ist die Lösung!«

Was macht Lionel Messi zum besten Fußballer der Welt? »Seine Körperintelligenz«, sagt der Fitnessexperte Marcus Schlecht. Wir sprachen mit ihm über kluge Beine aus Argentinien und die Bequemlichkeit von Michael Ballack und Per Mertesacker. Wie wird man ein guter Fußballer, Marcus Schlecht?

Marcus Schlecht gilt als einer der führenden deutschen Laufstil-Experten. Der Fitness- und Mentaltrainer arbeitete u.a. mit Winnie Schäfer und Werner Lorant zusammen, für Spitzensportler wie den Olympiasieger Nils Schumann war der frühere Leichtathlet Schlecht jahrelang als »Pacemaker« auf den Tartanbahnen dieser Welt unterwegs.

Marcus Schlecht, müssen wir uns Sorgen um die Fitness unserer Bundesligafußballer machen?

Marcus Schlecht: Fit genug sind die alle. Aber was den Laufstil angeht, ganz besonders die Laufökonomie, da kann der deutsche Fußball noch einiges lernen.

Von wem denn?

Marcus Schlecht: Manchester United soll allein über 22 Fitnesstrainer verfügen – das heißt: ein Fitnesscoach pro Spieler. Bayern München beschäftigt zwei Angestellte in diesem Bereich.

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Was können die deutschen Fußballer denn noch konkret lernen?

Marcus Schlecht: Dafür muss ich kurz ein paar Jahre zurückgehen. Jürgen Klinsmann war ja ein wunderbarer Fußballer, aber dieser Laufstil! Fürchterlich!

Was? Jürgen Klinsmann, der blonde Schwabenpfeil – was haben Sie denn an dem auszusetzen?

Marcus Schlecht: Klinsmann ist das Paradebeispiel für falsches Laufen: Er stand immer auf dem ganzen Fuß, selten auf dem Vorderfuß. Der Vorderfuß aber ist das entscheidende Element für richtiges Laufen. Außerdem war Klinsmanns Körper stets etwas zu gerade, er hätte sich weiter nach vorne beugen müssen, wie ein Panther auf der Jagd. Er hätte sich die Schwerkraft und somit die damit verbundene Vortriebskraft des Körpers zu nutze machen müssen. Aber vor allem: Klinsmann hat viel zu große Schritte gemacht.

Aber Klinsmann war Welt- und Europameister, einer der besten Stürmer aller Zeiten!

Marcus Schlecht: Weil er zwar wie ein Raubtier gekämpft, nicht aber gesprintet ist. Klinsmann ist unzählige Kilometer pro Spiel gelaufen. Und viele davon hätte er durch richtiges Laufen einsparen können.

Kehren wir in die Gegenwart zurück: Wer gefällt Ihnen denn im Weltfußball am Allerbesten?

Marcus Schlecht: Lionel Messi ist auch in diesem Bereich absolute Weltspitze. Nicht nur, dass er wahnsinnig gut mit dem Ball umgehen kann, seine Körper-Intelligenz ist sensationell!

Körperintelligenz?

Marcus Schlecht: Vereinfacht ausgedrückt ist das die Fähigkeit, ganz viele Prozesse gleichzeitig ablaufen zu lassen. Jede Zelle in unserem Körper besitzt Intelligenz. Und wenn der Körper einen Ball bewegen muss, fangen die Zellen an zu arbeiten. Muss ein Lionel Messi nicht nur den Ball bewegen, sondern in vollem Tempo drei Gegenspieler umkurven, dann benötigt er überaus intelligente Zellen, die seinem Körper bei diesen komplexen Bewegungen helfen. Das hat man im Blut und das lernt man sich mit jeder Trainingsarbeit an. Messis unglaubliche Bewegungsfreiheit ist ein Produkt von Talent, jahrelanger und richtiger Trainingsarbeit – und mentaler Stärke.

Auch das müssen Sie erklären.

Marcus Schlecht: Schauen Sie sich an, wie sich die Fußballer eines Abstiegskandidaten bewegen: Jeder Sprint, jeder Zweikampf ist ein Spiegelbild des angekratzten Selbstvertrauens. Ein Lionel Messi ist sich aber schon vor einem Dribbling sicher: Ich schieße jetzt ein Tor! Nur durch diese Verbindung von Kopf und Körper sind Spitzenleistungen erst möglich.

Wenn wir von Spitzenleistungen sprechen: Welcher Sportler kommt mit seinem Laufstil der Perfektion am nächsten?

Marcus Schlecht: Carl Lewis! Wenn ich an seinen Laufstil denke, dann bekomme ich eine Gänsehaut!

Gibt es denn derzeit einen Bundesligaspieler, der sich mit Carl Lewis messen könnte?

Marcus Schlecht: Nein, eher nicht. Stattdessen fallen mir eher Negativbeispiele ein.

Zum Beispiel?

Marcus Schlecht: Michael Ballack ist so ein Kandidat. Der geht viel zu aufrecht über den Platz, was ja auch sein Markenzeichen ist. Aber durch diese Körperhaltung fehlen ihm halt beim Antritt die entscheidenden Zehntelsekunden. Außerdem steht er platt auf seinen Beinen.

Warum tut er das?

Marcus Schlecht: Das ist häufig ein Zeichen von Bequemlichkeit, auch wenn ich Michael Ballack damit nicht zu nahe treten möchte. Aber die ständige Gewichtsverlagerung auf den Vorderfüßen kostet Energie und vor allem die Bereitschaft allzeit bereit zu sein. Erfahrene Spieler verzichten häufig darauf. Meiner Meinung nach ein Fehler. Immerhin: Ballacks Körpersprache ist vorbildlich. Wie er da im Mittelfeld steht und die Arme in die Hüfte stemmt, das symbolisiert Einsatzbereitschaft und Wille. Da macht ihm keiner was vor.

Wer – außer Ballack – macht Ihnen da noch Sorgen?

Marcus Schlecht: Per Mertesacker! Der galt doch noch vor ein paar Jahren trotz seiner Körperlänge als extrem beweglich und antrittsstark. Heute wirkt er dagegen hölzern und langsam. Warum? Weil er nicht mehr auf den Vorderfüßen steht, so wie er das vor ein paar Jahren noch gemacht hat. Achten sie mal darauf.

Lassen Sie uns zum Abschluss mit ein paar Mythen abrechnen. Franz Beckenbauer galt als äußerst eleganter Läufer, fast wie ein Tänzer...

Marcus Schlecht: Das schon, aber es geht ja nicht darum, die Mädels auf der Haupttribüne zu beeindrucken. Auch Beckenbauer hatte diesen sehr aufrechten Gang, der ihn elegant wirken ließ. Aber – ich betone es noch einmal – wenn er mehr mit dem Vorderfuß gearbeitet hätte, wären ihm in seiner Karriere viele unnötige Kilometer Laufleistung erspart geblieben.

Und Lothar Matthäus, dieser dynamisch Vollzeitsprinter?

Marcus Schlecht: Auch Matthäus hatte seine Schwächen, aber weil er immer hellwach war und über ein großartiges Stellungsspiel verfügte, fiel das nicht so ins Gewicht. Selbst zum Ende seiner Karriere war er deshalb immer noch relativ schnell.

Herr Schlecht, wir haben viel darüber gesprochen, wie man nicht laufen sollte. Wie schafft man es denn nun – richtig zu laufen?

Marcus Schlecht: Stolzieren ist die Lösung. Wer stolziert, der steht auf dem Vorderfuß, der lehnt den Oberkörper nach vorne und befindet sich im Zustand allerhöchster Wachsamkeit. Wer stolziert, der läuft richtig.

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