Wie wird man als Norweger zum Fan eines schottischen Drittligisten?

»Wie die Motten zum Licht«

Für unsere aktuelle Ausgabe 11FREUNDE #152 gingen wir mit den »Norwegian Supporters« auf Reisen. Von Oslo zum schottischen Drittligisten Stenhousemuir FC. Georg Mathisen ist seit mittlerweile 15 Jahren Mitglied des ungewöhnlichen Fanklubs. Hier versucht er den Mythos »Stenny« zu erklären.

Brendan MacNeill
Heft: #
152

Georg Mathisen, wie wird man als Norweger Fan eines schottischen Drittligisten ohne jede sportliche Relevanz?
Ich arbeite hauptberuflich als Journalist. Vor knapp 15 Jahren hörte ich das erste Mal von den »Norwegian Supporters« und wollte ihre Geschichte in unserer Heimat bekannter machen. Also ging ich aus beruflichen Gründen mit auf die Reise nach Schottland– und kam als Fan des Stenhousemuir FC zurück. Trotz aller Objektivität war ich sofort infiziert.

Was fesselte Sie so an diesem Klub?
Mehr als der Klub hat mich erst einmal die Idee hinter dem Supporters Club fasziniert. Die Rangers oder Celtic kann jeder gut finden, aber wer sich einen sportlich drittklassigen Klub verschrieben hat, hebt sich von der grauen Masse der Fans ab. Wir sind mittlerweile knapp 80 Mitglieder, allesamt besondere Charaktere. Mindestens zwei Mal im Jahr kommen mindestens 20 Leute zusammen, um sich irgendwo im Nirgendwo scheußlichen Fußball anzusehen. (lacht) Dass man in seiner Freizeit sinnvollere Dinge anstellen kann, wissen wir alle. Und doch gehen wir immer wieder auf die Reise.

Doch warum gerade der Klub Stenhousemuir FC?
Damals ließen sich die beiden Gründer, die Gebrüder Wolf, an einem Neujahrsmorgen vor dem Fernseher allein vom Namen des Klubs fesseln. Das ist mittlerweile 20 Jahre her und doch ist aus dieser Schnapsidee so viel mehr entstanden. Stenhousemuir ist nicht nur ein Fußballklub, für uns ist er ein Lebensgefühl.

Welchen Einfluss haben die Billigfluglinien auf die Reisefreude der »Norwegian Supporters«?
Sie haben die Reisen vereinfacht. Innerhalb von drei Stunden können wir von Oslo nach Stenny kommen. Aber auch in den Zeiten vor Ryanair und Co. gingen wir auf Reisen, das war mitunter abenteuerlich. Wir fuhren mit der Fähre, mit dem Auto, waren auch mal über 20 Stunden unterwegs. Das ist heute natürlich deutlich unkomplizierter.

Der Klub hat den Präsidenten der »Norwegian Supporters«, Terke Eriksen, vor Jahren zum Ehrenpräsidenten ernannt, zudem wurde die einzige Sitzplatztribüne des Stadions in »Norwegian Stand« umbenannt.
Eine tolle Geste, oder? Im Gegenzug engagieren wir uns für den Klub – ideell und finanziell. Auf unserer sommerlichen Fjordfahrt gibt es eine Tombola und viele kleine Aktionen, mit denen wir Geld für den Verein sammeln. Damit unterstützen wir die Jugendarbeit des Vereins und setzen uns für den Erhalt des Stadions ein. Wenn man so will, ist im Laufe der Jahre eine wahre Symbiose zwischen Fans und dem Klub entstanden.

Und der Klub kann sein Glück kaum fassen.
Vor einigen Jahren wurde Stenny zum Community-Club umgewandelt. Er gehört also den einfach Leuten. Dem Bauarbeiter, den Eltern, dem erfolgreichen Geschäftsmann. Jeder hat das Recht Dinge im Klub zu verändern und gegen bestimmte Entscheidungen seine Stimme zu erheben. Dieser Gemeinschaftsgedanke hat etwas Romantisches, dass der Fußball heute immer mehr verliert. Auch ein Grund, Stenny zu lieben. 
 
Wie oft im Jahr reisen Sie nach Stenhousemuir?
Mindestens fünf Mal. Meine Tochter studiert mittlerweile in der Nähe der Stadt, so kann ich meine beiden großen Lieben miteinander verbinden: Meine Familie und Stenny.

Wie eng ist der Kontakt zu den Verantwortlichen des Klubs?
Wir stehen regelmäßig in Kontakt. Bei jedem Besuch lädt uns der Vorstand zum Essen ein, wir tauschen uns über das Jahr immer wieder über Ideen für die Zukunft aus. Über die Jahre sind hier zahlreiche enge Bindungen entstanden, die über den Support eines Fußballklubs hinausgehen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Einmal kamen wir am Flughafen in Edinburgh an, als unser Präsident Terje von einem jungen Mann am Zoll angehalten wurde. Terje wollte sich gerade so richtig aufregen, als der Kerl im lächelnd erzählte, dass er einst in der Jugend von Stenhousemuir gespielt hat. Terje hatte seine Mannschaft vor Jahren nach Oslo eingeladen, wo sein Team dann bei einem Erstligaspiel an den Händen der Profis in Stadion einlaufen durfte. Das  war vor über zehn Jahren, aber für den Kerl ein unvergessliches Erlebnis. Er hat sich einfach nur bedankt.

Wie oft müssen Sie den Leuten eigentlich erklären, dass Sie nicht vollkommen verrückt sind?
Das kommt vor. Aber ich schlage diesen Leuten dann vor, doch einfach mit uns nach Schottland zu kommen. Das zeigt Wirkung: Jeder der einmal zu Stenny kommt, schwört bald wieder zurückzukehren. Oder ich erzähle ihnen die Geschichte von Denny.

Denny?
Ein Junge, der sicher kein einfaches Leben gehabt hat. Er ist körperlich beeinträchtigt und lebt mittlerweile in Gloucester, das liegt sechs Stunden von Stenhousemuir entfernt. Und trotzdem kommt er zu jedem Heimspiel des Klubs. Wenn wir da sind, reist er manchmal einen Tag früher an, damit wir Zeit für ein ruhiges Gespräch im Pub haben. Wo gibt es so etwas denn sonst noch?

Mittlerweile hat der Klub sogar Fans in den Niederlanden und Australien. Wissen Sie, wie das entstanden ist?
Stenny ist ein Mythos, der nicht zu erklären ist. Als wir nach dem letzten Heimspiel der Saison in die »Wee Bar« im Inneren des Stadions kamen, waren diesmal Jungs aus Dublin und Portsmouth da. Sie alle kommen wie die Motten zum Licht.  Warum? Das kann keiner so genau erklären. Wahrscheinlich geht das auch gar nicht.

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Von Oslo nach Stenhousemuir – Unterwegs mit den »Norwegian Supporters«. Die ganze Reportage findet sich in der aktuellen 11FREUNDE #152

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