Wie wird die neue Saison, Hans Meyer?

»Ein Scheißvergleich!«

Hans Meyer ist der Helmut Schmidt der deutschen Fußballszene. Und so macht er sich jeden Monat in 11FREUNDE Gedanken über die wirklich wichtigen Themen unserer Zeit. Hier blickt schon einmal in die Glaskugel und verrät, was er von der neuen Bundesliga-Saison erwartet.

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Hans Meyer, wie informieren Sie sich über die kommende Saison? Lernen Sie Sonderhefte auswendig, oder bereitet Ihnen eine Hilfskraft ein paar Karteikarten vor?
Ich bin fast 70 Jahre alt und soll noch auswendig lernen? Sie scherzen! Und eine Hilfskraft? Die kostet doch Geld! Nein. Gehen Sie davon aus, dass ich schon alles weiß.

Sie sind seit einem Jahr Vorstandsmitglied bei Borussia Mönchengladbach. Ihre Besuche auf der Geschäftsstelle werden von Augenzeugen mit einer Chefarztvisite verglichen. Dürfen wir Sie jetzt mit »Herr Doktor« anreden?
Ein Scheißvergleich. Wenn ich mich nicht irre, besucht ein Chefarzt Kranke, und ich habe das Gefühl, dass unsere Borussia sich momentan so gesund wie lange nicht präsentiert. Aber »Herr Doktor« können Sie mich trotzdem gerne nennen. Erstens ist die Promotion immer der Wunsch meiner Mutter gewesen. Und zweitens laufen so viel falsche Doktoren rum, dass es auf einen mehr oder weniger auch nicht ankommt.

Haben Sie die EM gemeinsam mit Ihren Gladbacher Kollegen gesehen?
Nein. Und ich habe mich ein bisschen gewundert, dass weder Trainer Lucien Favre (angeblich im Urlaub) noch Sportdirektor Max Eberl (angeblich mit Transfers beschäftigt) Lust hatten, mit mir und meinem altersschwachen Hund Aldo die Spiele zu verfolgen.

Sind Sie auch so erleichtert, dass »Waldis EM-Club« nun vorerst pausiert?
Ich habe diese Sendung zu selten gesehen, als dass ich Ihre verurteilende Frage korrekt beantworten könnte.

Reglos auf der Bank sitzen und elf Weltklassespielern dabei zusehen, wie sie es richten: Würde Sie Vicente del Bosques Job bei der spanischen Nationalmannschaft auch reizen?
Von seiner passiven Art, das Spiel zu verfolgen, sollten Sie sich nicht irritieren lassen, junger Mann. Vicente del Bosque leistet fantastische Arbeit bei der körperlichen, taktischen und psychischen Vorbereitung seines Teams. Haben Sie eine Ahnung, wie viele Trainer auch mit Weltklassespielern im Kader versagen?

Wie haben Sie die Kritik an Bundestrainer Joachim Löw nach dem Halbfinal-Aus empfunden?
Viele Berichterstatter haben völlig überzogene Schlüsse aus dieser einen Niederlage nach vier Siegen gezogen – basierend auf einer Überschätzung der deutschen Mannschaft und einer gleichzeitigen Unterschätzung des Gegners. Die so geschürte Erwartungshaltung hat dazu beigetragen, dass die Enttäuschung eskaliert ist.

Sie sagen es: Viele Fans verstehen offenbar nicht, dass Verlieren zum Spiel gehört.
Es gibt durchaus Fußballfreunde, die die Niederlage gegen einen besseren Gegner, der Italien an diesem Tag war, akzeptieren. Im Boulevard und in den Internetforen jedoch kommen Zeitgenossen zu Wort, die sich anmaßen, Scharfrichter über die Protagonisten unseres schönen Spiels zu sein.

Eine der Thesen lautete, die Deutschen seien zu nett für den Titel gewesen.
Ich habe bei den Spaniern bestimmt genauso viele nette Jungs gesehen wie bei uns, allerdings eine größere Anzahl von Weltklassespielern. Diese Diskussion ist ähnlich unnütz wie die über die angeblich schlampige Interpretation der Nationalhymne durch unsere Mannschaft. Die Spanier haben aus Textmangel überhaupt nicht gesungen, und es ist ihnen so schlecht nicht bekommen.

DFB-Sportdirektor Matthias Sammer wechselte unmittelbar nach der EM zum FC Bayern. Dieser Mann scheut Konflikte ebenso wenig wie Präsident Uli Hoeneß. Kann das gut gehen?
Eine Zusammenarbeit in diesem Metier und auf diesem Niveau kann gar nicht ohne unterschiedliche Auffassungen ablaufen. Unter gestandenen Fachleuten sollte es aber immer möglich sein, sich zusammenzuraufen.

Sehen Sie irgendeinen Grund, warum Dortmund nicht zum dritten Mal hintereinander Deutscher Meister werden sollte?

Einen schon: Die Leistungsdichte der Bundesliga ist so hoch, dass eine Titelverteidigung schon längst kein Selbstläufer mehr ist. Aber natürlich führt auch in diesem Jahr der Weg zur Schale nur über Dortmund.
Wird es je wieder vorkommen, dass ein Verein aufsteigt und gleich Meister wird wie Kaiserslautern 1998?
Nein. Solche Sensationen schließe ich für die Zukunft aus.

Wie lange muss Schalke noch auf den ersten Triumph seit 1958 warten?
Ich stand schon diesem dubiosen Schwanzlurch, der während der EM als Orakel fungierte, äußerst reserviert gegenüber. Und jetzt soll ich selbst orakeln? Nein, danke.

Werden Sie Raul vermissen, der nach Katar gewechselt ist?
Ja, sehr!

Und Michael Ballack, den es wohl in die USA zieht?
Den auch! Er hat für sich und den deutschen Fußball Bewunderungswürdiges geleistet. Wir sollten ihm alle danken.

Glauben Sie, dass Lothar Matthäus endlich einen Job in der Bundesliga bekommt?
Da sich an der grundsätzlichen Tendenz, sein Privatleben höher zu bewerten als seine Fußballkompetenz, nichts geändert hat, werden seine Chancen nicht gestiegen sein. So leid mir das tut.

Kleine Denkaufgabe: Können Sie sich Werder Bremen ohne Thomas Schaaf vorstellen?
Schwer! Und ich hoffe, er kann seine über Jahre erfolgreiche Arbeit fortsetzen.

Und noch eine Denkaufgabe: Was ist Ihre schönste Erinnerung an Hoffenheim?
Ich war noch nie in Hoffenheim.

Wie muss es wohl sein, im Mittelfeld zu stehen, so fern jeden Titels, aber auch weit weg vom Abgrund?
Da kann ich ausnahmsweise mal nicht aus Erfahrung sprechen. Fragen Sie mich wieder, wenn wir mit der Borussia vier bis fünf Jahre weit weg vom Abgrund gespielt haben.

Die niederrheinische Meisterschaft wird in diesem Jahr zwischen den Leverkusenern, den Düsseldorfern und Ihren Gladbachern ausgefochten. Wer ist Favorit?
Ich werde durch Sie das erste Mal darauf hingewiesen, dass es auch eine niederrheinische Meisterschaft gibt. Ich hab noch keinen Gedanken daran verschwendet, aber möglicherweise unterschätze ich da was.

Es wurde ja viel über die tolle Leistung Ihrer Gladbacher in der vergangenen Saison gesprochen. Hier haben Sie die Gelegenheit zu sagen, dass die Leistung der Augsburger noch viel toller war. Schon wieder so ein unzulässiger Vergleich! Beide Mannschaften haben natürlich Großartiges geleistet, sind aber mit ganz anderen Voraussetzungen gestartet.

Frankfurt, Fürth, Düsseldorf: Welcher Aufsteiger hat in der kommenden Saison die besten Chancen, drinzubleiben?
Letztes Jahr war Augsburg in der Tat mein erster Absteiger. Lassen wir uns also auch in diesem Jahr überraschen.

Sie leben in Nürnberg. Wie stark ist dort die Rivalität zum Nachbarn Fürth?
Von meiner Seite aus existiert sie nicht. Ich erinnere mich allerdings an ein verlorenes Spiel bei einem Hallenturnier 2007, im Jahr unseres Pokalsiegs. Danach konnte ich nur mit Mühe meine Entlassung verhindern, die zu dem Zeitpunkt sicher von allen Fans begrüßt worden wäre.

Wie fänden Sie es, wenn das Nürnberger Stadion nach Max Morlock benannt werden würde?
Das ist ein echtes Dilemma für die Verantwortlichen des Clubs. Auf der einen Seite steht die lobenswerte Idee der Fans, einen Weltmeister zu ehren. Auf der anderen der permanent wachsende Druck, eine leistungsstarke Erstligamannschaft finanzieren zu müssen – und der wird nicht zuletzt durch die Fans mit ausgeübt. Mein Vorschlag zur Güte: Große Würdigung im neuen Club-Museum, weitere Pflege der faneigenen Max-Morlock-Statue – und der feste gemeinsame Vorsatz, dass in dem Augenblick, da der Club im Geld schwimmt, das Stadion umbenannt wird.

Nürnberg gegen Fürth im Max-Morlock-Stadion, das klingt nach guter alter Fußballzeit. Haben Sie Ihren Staubmantel und Ihre Schiebermütze schon aus dem Kleiderschrank geholt, Herr Doktor?
Jetzt sagen Sie bitte nicht, es hat sich schon bis zu Ihnen nach Berlin rumgesprochen, dass ich in modischen Dingen eher konservativ und geizig bin!

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