08.08.2012

Wie wird die neue Saison, Hans Meyer?

»Ein Scheißvergleich!«

Hans Meyer ist der Helmut Schmidt der deutschen Fußballszene. Und so macht er sich jeden Monat in 11FREUNDE Gedanken über die wirklich wichtigen Themen unserer Zeit. Hier blickt schon einmal in die Glaskugel und verrät, was er von der neuen Bundesliga-Saison erwartet.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago

Hans Meyer, wie informieren Sie sich über die kommende Saison? Lernen Sie Sonderhefte auswendig, oder bereitet Ihnen eine Hilfskraft ein paar Karteikarten vor?
Ich bin fast 70 Jahre alt und soll noch auswendig lernen? Sie scherzen! Und eine Hilfskraft? Die kostet doch Geld! Nein. Gehen Sie davon aus, dass ich schon alles weiß.

Sie sind seit einem Jahr Vorstandsmitglied bei Borussia Mönchengladbach. Ihre Besuche auf der Geschäftsstelle werden von Augenzeugen mit einer Chefarztvisite verglichen. Dürfen wir Sie jetzt mit »Herr Doktor« anreden?
Ein Scheißvergleich. Wenn ich mich nicht irre, besucht ein Chefarzt Kranke, und ich habe das Gefühl, dass unsere Borussia sich momentan so gesund wie lange nicht präsentiert. Aber »Herr Doktor« können Sie mich trotzdem gerne nennen. Erstens ist die Promotion immer der Wunsch meiner Mutter gewesen. Und zweitens laufen so viel falsche Doktoren rum, dass es auf einen mehr oder weniger auch nicht ankommt.

Haben Sie die EM gemeinsam mit Ihren Gladbacher Kollegen gesehen?
Nein. Und ich habe mich ein bisschen gewundert, dass weder Trainer Lucien Favre (angeblich im Urlaub) noch Sportdirektor Max Eberl (angeblich mit Transfers beschäftigt) Lust hatten, mit mir und meinem altersschwachen Hund Aldo die Spiele zu verfolgen.

Sind Sie auch so erleichtert, dass »Waldis EM-Club« nun vorerst pausiert?
Ich habe diese Sendung zu selten gesehen, als dass ich Ihre verurteilende Frage korrekt beantworten könnte.

Reglos auf der Bank sitzen und elf Weltklassespielern dabei zusehen, wie sie es richten: Würde Sie Vicente del Bosques Job bei der spanischen Nationalmannschaft auch reizen?
Von seiner passiven Art, das Spiel zu verfolgen, sollten Sie sich nicht irritieren lassen, junger Mann. Vicente del Bosque leistet fantastische Arbeit bei der körperlichen, taktischen und psychischen Vorbereitung seines Teams. Haben Sie eine Ahnung, wie viele Trainer auch mit Weltklassespielern im Kader versagen?

Wie haben Sie die Kritik an Bundestrainer Joachim Löw nach dem Halbfinal-Aus empfunden?
Viele Berichterstatter haben völlig überzogene Schlüsse aus dieser einen Niederlage nach vier Siegen gezogen – basierend auf einer Überschätzung der deutschen Mannschaft und einer gleichzeitigen Unterschätzung des Gegners. Die so geschürte Erwartungshaltung hat dazu beigetragen, dass die Enttäuschung eskaliert ist.

Sie sagen es: Viele Fans verstehen offenbar nicht, dass Verlieren zum Spiel gehört.
Es gibt durchaus Fußballfreunde, die die Niederlage gegen einen besseren Gegner, der Italien an diesem Tag war, akzeptieren. Im Boulevard und in den Internetforen jedoch kommen Zeitgenossen zu Wort, die sich anmaßen, Scharfrichter über die Protagonisten unseres schönen Spiels zu sein.

Eine der Thesen lautete, die Deutschen seien zu nett für den Titel gewesen.
Ich habe bei den Spaniern bestimmt genauso viele nette Jungs gesehen wie bei uns, allerdings eine größere Anzahl von Weltklassespielern. Diese Diskussion ist ähnlich unnütz wie die über die angeblich schlampige Interpretation der Nationalhymne durch unsere Mannschaft. Die Spanier haben aus Textmangel überhaupt nicht gesungen, und es ist ihnen so schlecht nicht bekommen.

DFB-Sportdirektor Matthias Sammer wechselte unmittelbar nach der EM zum FC Bayern. Dieser Mann scheut Konflikte ebenso wenig wie Präsident Uli Hoeneß. Kann das gut gehen?
Eine Zusammenarbeit in diesem Metier und auf diesem Niveau kann gar nicht ohne unterschiedliche Auffassungen ablaufen. Unter gestandenen Fachleuten sollte es aber immer möglich sein, sich zusammenzuraufen.

Sehen Sie irgendeinen Grund, warum Dortmund nicht zum dritten Mal hintereinander Deutscher Meister werden sollte?

Einen schon: Die Leistungsdichte der Bundesliga ist so hoch, dass eine Titelverteidigung schon längst kein Selbstläufer mehr ist. Aber natürlich führt auch in diesem Jahr der Weg zur Schale nur über Dortmund.

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