Wie verspielt man eine hohe Führung gegen Real, Christian Hochstätter?

»Ich bin zu jung zum Sterben«

Drei Tore Vorsprung gegen Real Madrid, der BVB ist schon so gut wie im Finale? Christian Hochstätter war dabei, als Borussia Mönchengladbach 1985 ein 5:1 im Hinspiel durch eine legendäre 0:4-Niederlage im Bernabeu noch verspielte. Erinnerungen.

Christian Hochstätter, machen Sie sich Sorgen um Borussia Dortmund?

Nein, überhaupt nicht.

Wieso sind Sie sich so sicher, dass Dortmund nach dem 4:1 gegen Real Madrid das Endspiel der Champions League erreicht? Sie haben 1985 mit Borussia Mönchengladbach im Achtelfinale des Uefa-Cups sogar ein 5:1 aus dem Hinspiel verspielt.
Das waren andere Zeiten. Wann hatten wir denn mal vor 100.000 Zuschauern gespielt? Ich saß damals auf der Bank. Nach 35 Minuten hat Jupp Heynckes mich zum Warmlaufen geschickt. Anschließend sah ich aus, als wäre ich in eine Lama-Herde geraten. Und als ich mich in der Pause warmgemacht habe, stand ich ganz allein auf dem Platz. Da bin ich von 100 000 Menschen niedergepfiffen worden. So was hatte ich nie zuvor erlebt. Die Dortmunder kennen das Stadion, sie wissen, was sie erwartet. Außerdem sind sie offensiv so gut, dass sie immer für ein Tor gut sind.

Das war Gladbach 1985 auch. Drei Tage nach dem 5:1 gegen Real hatten Sie 4:2 gegen Bayern gewonnen, in der Bundesliga war Borussia Tabellenzweiter.
Wir hatten auch eine gute Truppe, mit Wilfried Hannes, Ewald Lienen, Frank Mill, Uwe Rahn. Aber an diesem Abend hatten wir keine Chance. Das Spiel haben wir schon vor dem Anpfiff verloren.

Inwiefern?
Das fing schon auf dem Weg ins Stadion an. Unser Bus ist beworfen worden, mit Tomaten, Eiern, was weiß ich. Außerdem galt Real als extrem heimstark. In der Saison zuvor hatte die Mannschaft 0:3 in Anderlecht verloren – und das Rückspiel 6:1 gewonnen. Das wussten wir natürlich.

Wie ging es weiter?
Als wir zum Warmmachen auf den Platz gekommen sind, war das Stadion schon vollbesetzt. Anderthalb Stunden vor dem Spiel. Das war schon furchteinflößend. In der Kabine habe ich mich gewundert, warum sich Kurt Pinkall Schienbeinschoner hinter seine Stutzen steckte. »Kurt, was machst du da?«, habe ich ihn gefragt. »Du trägst doch nie Schienbeinschoner.« – »Junge«, hat er geantwortet, »ich bin noch zu jung zum Sterben.«

Borussias damaliger Torwart Uli Sude erinnert sich noch, dass ihm Jorge Valdano bei der ersten Ecke den Ellbogen ins Gesicht gerammt hat.
Den Willen, mit aller Macht zu gewinnen, den hat Real an diesem Abend ausgestrahlt. Wir nicht. Bevor wir aufs Feld gegangen sind, stand Valdano ganz oben auf der Treppe und hat irgendetwas auf Spanisch gebrüllt. Ich spreche kein Spanisch, aber es gibt Dinge, die versteht man auch so. Im Kabinengang gab es damals einen Zaun in der Mitte. Wir standen schon auf unserer Seite, plötzlich fliegt die Türe zur Real-Kabine auf, und die Spieler stürzen heran. Die haben sich an den Zaun gehängt, uns angebrüllt und bespuckt. Vielleicht hätten wir zurückspucken sollen. Das haben wir leider nicht gemacht.

Bei Valdano, dem Fußballintellektuellen, kann man sich das gar nicht vorstellen.
Aber darum geht es doch im Profisport: ums Gewinnen, wenn’s sein muss, auch mit Spucken, Kratzen, Beißen. Als ich Sportdirektor bei Borussia war, bin ich einmal bei Real und Valdano zu Besuch gewesen. »Du hast doch auch mal bei Borussia gespielt?«, hat er gesagt. „Ja, ich habe hier sogar mal ein legendäres Spiel miterlebt.“ Da hat er mich um die Ecke geführt. An der Wand hing ein riesiges Schwarz-Weiß-Foto, gefühlt vier mal zwei Meter groß: ein Knäuel jubelnder Real-Spieler. »Ja, und?«, habe ich gefragt. »Das ist nach dem 4:0.«



Der taktische Plan von Borussias Trainer Jupp Heynckes sah damals vor, möglichst lange das 0:0 zu halten. Das hat dann auch sieben Minuten funktioniert …
Ich kann mich nicht mehr erinnern, welche Taktik Heynckes uns mitgegeben hat. Aber er wollte mit Sicherheit nicht, dass wir auf 0:0 spielen. Wir sollten unsere Chancen nach vorne suchen, und wenn wir ein Tor geschossen hätten, wären wir wahrscheinlich weitergekommen. Frank Mill hatte eine Riesenchance. Er lief allein aufs Tor zu und hat den Ball – ich meine – links oben am Tor vorbeigeschossen.

Das entscheidende Tor, das 4:0 für Real, fiel erst 70 Sekunden vor Schluss. Das hört sich fast nach kalter Berechnung an.
Das weiß ich nicht. Wir hatten jedenfalls nicht mehr die Gelegenheit, noch einmal zu reagieren. Wobei: Ich glaube nicht, dass wir dazu in der Lage gewesen wären. Und wenn Real fünf Tore gegen uns gebraucht hätte, hätten die eben fünf Tore geschossen. Zur Pause stand es 2:0. Da haben wir gedacht: Wenn die in der ersten Halbzeit zwei Tore gegen uns schießen können, können die das in der zweiten auch. Und wenn wir hier ausscheiden, dann sind wir die Deppen der Nation. Das hat uns nicht gerade beflügelt.

Uli Sude hat einmal erzählt, Borussias Rechtsverteidiger Thomas Krisp seien vor Aufregung die Beine weggeknickt: »Der ist auf Knien gelaufen.«
Da war er sicher nicht der Einzige. Bis auf Uli Sude, Wilfried Hannes und Michael Frontzeck, der richtig stark gespielt hat, hat bei uns niemand annähernd seine Leistung gebracht. Und wenn bei dir in einem solchen Spiel sechs oder sieben Leute Totalausfälle sind, hast du keine Chance.

Sie sind zur zweiten Halbzeit für Krisp eingewechselt worden. Ihre Freude hat sich vermutlich in Grenzen gehalten, oder?
Eigentlich war ich offensiver Mittelfeldspieler, aber Heynckes hat mich für Krisp als rechten Verteidiger aufgeboten, damit ich für Entlastung sorge. Auf dieser Position hatte ich noch nie zuvor gespielt. Aber in so einer Situation ist es nicht angebracht, mit dem Trainer zu diskutieren, ob die Idee wirklich so gut ist. Meinen Gegenspieler Juanito habe ich in 45 Minuten genau zweimal von vorne gesehen – wenn wir nach den Toren Anstoß hatten.

Wie ist es nach dem Spiel weitergegangen?
Der Verein hatte damals wichtige Fans und Sponsoren – heute würde man Vips sagen – nach Madrid eingeladen. Mit denen sind wir zusammen nach Hause geflogen. Sie können sich vorstellen, wie peinlich das für uns war. Vor allem Jupp Heynckes hat das alles extrem mitgenommen. In der nächsten Mannschaftsbesprechung hat er uns richtig niedergemacht. Als wir am Wochenende in Schalke gespielt haben, hat Heynckes elf Namen an die Tafel geschrieben, danach ist er aus der Kabine gegangen, ohne ein Wort zu sagen. Ich glaube, das Aus gegen Real war entscheidend dafür, dass er anderthalb Jahre später zu Bayern München gewechselt ist.

Wieso?
Wenn wir gegen Real weitergekommen wären, hätte uns das einen Schub geben können. Mit diesem Erfolg im Rücken und mit den Spielern, die wir damals hatten, hätten wir um die Meisterschaft mitspielen, vielleicht sogar den Uefa-Cup gewinnen können. Aber so wie wir ausgeschieden sind, war das für Heynckes vermutlich der letzte Beweis: Mit dieser Mannschaft ist es unmöglich, Titel zu holen.

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