30.04.2013

Wie verspielt man eine hohe Führung gegen Real, Christian Hochstätter?

»Ich bin zu jung zum Sterben«

Drei Tore Vorsprung gegen Real Madrid, der BVB ist schon so gut wie im Finale? Christian Hochstätter war dabei, als Borussia Mönchengladbach 1985 ein 5:1 im Hinspiel durch eine legendäre 0:4-Niederlage im Bernabeu noch verspielte. Erinnerungen.

Interview: Stefan Hermanns Bild: Imago

Christian Hochstätter, machen Sie sich Sorgen um Borussia Dortmund?

Nein, überhaupt nicht.

Wieso sind Sie sich so sicher, dass Dortmund nach dem 4:1 gegen Real Madrid das Endspiel der Champions League erreicht? Sie haben 1985 mit Borussia Mönchengladbach im Achtelfinale des Uefa-Cups sogar ein 5:1 aus dem Hinspiel verspielt.
Das waren andere Zeiten. Wann hatten wir denn mal vor 100.000 Zuschauern gespielt? Ich saß damals auf der Bank. Nach 35 Minuten hat Jupp Heynckes mich zum Warmlaufen geschickt. Anschließend sah ich aus, als wäre ich in eine Lama-Herde geraten. Und als ich mich in der Pause warmgemacht habe, stand ich ganz allein auf dem Platz. Da bin ich von 100 000 Menschen niedergepfiffen worden. So was hatte ich nie zuvor erlebt. Die Dortmunder kennen das Stadion, sie wissen, was sie erwartet. Außerdem sind sie offensiv so gut, dass sie immer für ein Tor gut sind.

Das war Gladbach 1985 auch. Drei Tage nach dem 5:1 gegen Real hatten Sie 4:2 gegen Bayern gewonnen, in der Bundesliga war Borussia Tabellenzweiter.
Wir hatten auch eine gute Truppe, mit Wilfried Hannes, Ewald Lienen, Frank Mill, Uwe Rahn. Aber an diesem Abend hatten wir keine Chance. Das Spiel haben wir schon vor dem Anpfiff verloren.

Inwiefern?
Das fing schon auf dem Weg ins Stadion an. Unser Bus ist beworfen worden, mit Tomaten, Eiern, was weiß ich. Außerdem galt Real als extrem heimstark. In der Saison zuvor hatte die Mannschaft 0:3 in Anderlecht verloren – und das Rückspiel 6:1 gewonnen. Das wussten wir natürlich.

Wie ging es weiter?
Als wir zum Warmmachen auf den Platz gekommen sind, war das Stadion schon vollbesetzt. Anderthalb Stunden vor dem Spiel. Das war schon furchteinflößend. In der Kabine habe ich mich gewundert, warum sich Kurt Pinkall Schienbeinschoner hinter seine Stutzen steckte. »Kurt, was machst du da?«, habe ich ihn gefragt. »Du trägst doch nie Schienbeinschoner.« – »Junge«, hat er geantwortet, »ich bin noch zu jung zum Sterben.«

Borussias damaliger Torwart Uli Sude erinnert sich noch, dass ihm Jorge Valdano bei der ersten Ecke den Ellbogen ins Gesicht gerammt hat.
Den Willen, mit aller Macht zu gewinnen, den hat Real an diesem Abend ausgestrahlt. Wir nicht. Bevor wir aufs Feld gegangen sind, stand Valdano ganz oben auf der Treppe und hat irgendetwas auf Spanisch gebrüllt. Ich spreche kein Spanisch, aber es gibt Dinge, die versteht man auch so. Im Kabinengang gab es damals einen Zaun in der Mitte. Wir standen schon auf unserer Seite, plötzlich fliegt die Türe zur Real-Kabine auf, und die Spieler stürzen heran. Die haben sich an den Zaun gehängt, uns angebrüllt und bespuckt. Vielleicht hätten wir zurückspucken sollen. Das haben wir leider nicht gemacht.

Bei Valdano, dem Fußballintellektuellen, kann man sich das gar nicht vorstellen.
Aber darum geht es doch im Profisport: ums Gewinnen, wenn’s sein muss, auch mit Spucken, Kratzen, Beißen. Als ich Sportdirektor bei Borussia war, bin ich einmal bei Real und Valdano zu Besuch gewesen. »Du hast doch auch mal bei Borussia gespielt?«, hat er gesagt. „Ja, ich habe hier sogar mal ein legendäres Spiel miterlebt.“ Da hat er mich um die Ecke geführt. An der Wand hing ein riesiges Schwarz-Weiß-Foto, gefühlt vier mal zwei Meter groß: ein Knäuel jubelnder Real-Spieler. »Ja, und?«, habe ich gefragt. »Das ist nach dem 4:0.«

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