30.03.2010

Wie St.Pauli-Fans die Blockade sehen

»Eine Gratwanderung«

Nach der Südtribünen-Blockade am Millerntor sprachen wir mit drei St. Pauli-Kennern über die Sicherheit im Stadion, fehlende Selbstkritik der Ultras, das strapazierte Band der Fanszene und die Sehnsucht nach Oldschool-Gesängen.

Interview: Andreas Bock und Dominik Bardow Bild: Imago
Björn Pahrmann, wie bewertest du die Blockade der Ultras?

Grundsätzlich finde ich die Kritik, die USP transportieren wollte, okay. Ob das Spiel gegen Hansa Rostock der richtige Aufhänger war, sei dahingestellt. Die Umsetzung indes war eine Katastrophe.

Ultras und Fans sollen sich am Millerntor zuletzt angenähert haben. Mit dieser Aktion scheint vieles zerstört.

Das Problem der Ultras ist, dass sie sich  wichtiger als der Verein nehmen, sie hängen ihre Rechte über die des Klubs. Und sie erheben einen Absolutheitsanspruch was den Support betrifft.

Wie wirkt sich das aus?

Der Support hat in den letzten Jahren an Spontaneität verloren. Diese Ursprünglichkeit, das Anarchische, weswegen ich auch einst zum Millerntor kam, ist nicht mehr vorhanden. Der Support ist also heute weniger auf das Spiel bezogen, sondern legt sich wie ein Geräuschteppich über das Stadion, wie bei einem Computerspiel, wo man allgemeines Hintergrundrauschen hört.

Viele St.Pauli-Fans verorten ihre Vorbilder eher im englischen Support.

Und das ist die Crux: Die Ultras orientieren sich am italienischen Support, während die Fans der Gegengerade den situationsbezogenen oldschooligen englischen Support vorziehen. Diesen Support, der ad hoc entsteht, hört man momentan kaum noch denn das Hintergrundrauschen ist zu stark. Ich will gar nicht bestreiten, dass auch längere Gesänge etwas Schönes haben, doch wenn die Situation etwas anderes erfordert, will ich auch gerne etwas anderes schreien.

Haben es Ultras in ihrer Uniformität am Millerntor auch deshalb so schwer, weil die St.Pauli-Anhängerschaft sich immer durch Diversität kennzeichnete?

Die fundamentale Kritik der Fans rührt daher, weil sich die Kurven oder die Geraden immer schon als bunt und heterogen verstanden haben. Zugleich zeigte man sich stets skeptisch gegenüber Gruppen – gegenüber starren Gruppen. Diese Skepsis ist bei St. Pauli stärker ausgeprägt als andernorts.

Weil die starre Gruppe der Idee des Spontanen entgegensteht?

Genau. Zudem sehen sich viele Fans als individualistisch und autonom, hier wollte sich noch nie jemand zu Aktionen drängen oder Meinungen von außen aufzwingen lassen. Es herrschte immer ein Diskurs. Durch ihre Gängelung untergraben die Ultras diesen. Die Entwicklung im Fußball bringen sie jedenfalls nicht voran.

Wieso ist der Dialog zwischen Fans und Ultras eigentlich so schwierig?

Zum einen wird kaum Selbstkritik nach außen geübt. Und zum anderen kennzeichnen sich die Ultras durch eine gewisse Schizophrenie. Einerseits definieren sie sich als Gruppe und treten auch so auf. Auf der anderen Seite sprechen sie aber nicht als Gruppe und lassen sich auch nicht so haftbar machen. 

Ist das Verhältnis zu kitten?

Schwer zu sagen. Ich vermute. dass der Riss zu stark ist. Doch warten wir mal ab, ob USP sich dieses Mal selbstkritisch zeigt und einen Dialog sucht.

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Björn Pahrmann ist Journalist und seit 1991 Fan des FC St. Pauli. Er hat 1998 den ersten Internetfanklub »Netpirates« gegründet.


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