Wie steht es um die Scheiß-Stimmung beim FC Bayern?

»Wir haben die Chelsea-Fans an die Wand gesungen!«

Uli Hoeneß beklagte einst die »Scheiß-Stimmung« in der Allianz Arena. Nun aber ergreift der Verein auf Drängen der Fans Maßnahmen: Er will Anhängern die Dauerkarte wegnehmen, wenn sie weniger als acht Heimspiele pro Saison besuchen. Wir sprachen mit Wolfgang Martin vom Fan-Dachverband »Club Nr. 12« über Klatschpappen, José Mourinho und erfolgsmüde Fans.

Wolfgang Martin, vor sechs Jahren tobte Uli Hoeneß: »Ihr seid doch für die Scheiß-Stimmung verantwortlich.« Wie ist die Stimmung heute?
Viel besser. Was auch daran liegt, dass der Dialog zwischen Fanszene und Verein in den vergangenen Monaten sehr fruchtbar war. Auch Uli Hoeneß soll bei den Treffen stets sehr entspannt gewesen sein.
 
Der Verein hat sich also auf die Fans zubewegt?
Beide Seiten haben sich geöffnet. Was uns gefreut und zum Teil auch positiv überrascht hat. Zum Beispiel hat der Verein ja vor einigen Wochen angekündigt, die Auswärtstickets beim FC Arsenal zu bezuschussen, weil er die Preise als zu hoch empfindet.
 
Mit Wolfgang Salewski gab es einige Jahre einen Mediator beim FC Bayern. Er sollte zwischen Fans und Verein vermitteln. Ist das nicht eigentlich Aufgabe der Fanbeauftragten oder des Fanprojekts?
Der Verein hat im Verhältnis zu seinen Mitgliedern seit jeher eine relativ kleine Fanbetreuung. Trotzdem haben auch wir uns auch immer gefragt, was die Aufgabe von Herrn Salewski ist. Zumal er von Vereinsseite angestellt war und sich in den vergangenen Monaten auch mit diversen Aussagen ins Abseits manövriert hat. Der Verein hat ihn mittlerweile aus der Schusslinie genommen.
 
Was waren das für Aussagen?
Salewski wollte – O-Ton – »neue Leute, neue Lieder« in der Südkurve. Er wollte den gesamten Stimmungsblock neu organisieren. Kurzum: Seine Aussagen zeugten von einer völligen Unkenntnis der Bayern-Fanszene.
 
Dennoch: In den vergangenen Jahren äußerten sich sowohl gegnerische Fans als auch Funktionäre wie Hans-Joachim Watzke negativ über die Stimmung in der Allianz Arena. Vor der aktuellen Saison hieß es sogar noch, die Fanszene des FC Bayern sei klinisch tot.
Es stimmt, dass es vor der Saison viele Konfliktfelder gab. Der FC Bayern setzte zum Beispiel Drehkreuze vor den Blöcken der Südkurve durch. Die Fanszene braucht aber Freiräume. Die ersten zwei Heimspiele waren von Missstimmungen geprägt, es gab kaum Unterstützung aus der Südkurve.
 
Wie kam es zu einem Umdenken?
Ein Knackpunkt war sicherlich das Uefa-Super-Cup-Spiel im September in Prag. Die Bayern-Fans haben dort so einen Alarm gemacht und die Chelsea-Fans an die Wand gebrüllt, dass selbst José Mourinho die eigenen Anhänger animieren musste, dagegen anzusingen. Ich denke, da haben einige gemerkt, was in puncto Support möglich wäre. Es war ein »Aha«-Erlebnis.
 
Was hat sich nun konkret geändert? Die Klatschpappen sind ja immer noch da.
Die Klatschpappen sind zwar auch nicht meine Sache, doch ganz bestimmt nicht der Hauptgrund für die schlechte Stimmung in der Allianz Arena. Es gibt allerhand andere Ursachen. Eine liegt in der Konzeption des Stadions. Es gibt sowohl in der Süd- als auch in der Nordkurve einen großen Stehbereich. So hat man die Fans auf zwei Stimmungsblocks verteilt. Doch in den vergangenen Monaten gab es Bemühungen dagegen zu wirken. Es mussten nur ein paar kleine Schrauben gedreht werden. Zum Beispiel wurden die Blockzugänge in der Südkurve geöffnet und es gibt drei Vorsänger-Podeste.
 
Nun hat der Verein erklärt, dass Dauerkarteninhaber mindestens acht Heimspiele pro Saison besuchen müssen, andernfalls verlieren sie ihr Recht auf eine Dauerkarte in der nächsten Saison. Ein weiteres positives Signal?
Absolut. Allerdings ist die Entscheidung der Anfang eines Prozesses. Der »Club Nr. 12« hat schon zu Olympiastadion-Zeiten den Vorschlag gemacht, dass man als Fan eine bestimmte Quote bei Heimspielen erfüllen sollte. Damals verlief sich das im Sande.
 
Was ist denn der Grund für diese Quote?
Viele Plätze bei den Heimspielen bleiben leer, weil die Leute trotz Dauerkarte nicht hingehen. Natürlich könnten sie ihre Karte – trotz Personalisierung – an Freunde weitergeben. Doch viele machen sich nicht die Mühe, da die Dauerkarte für die Süd mit circa 140 Euro ziemlich günstig ist. Nun müssen sie zumindest bei acht Spielen darum kümmern, dass irgendjemand mit dem Ticket ins Stadion geht.
 
Sind die Fans erfolgsmüde geworden?
Vielleicht ist es so, allerdings kann man das nicht pauschalisieren. Fakt ist: Beim FC Bayern stehen – im Gegensatz zu anderen Vereinen – oft 10.000 Fans auf der Warteliste für Saisontickets. Und es ist doch unfair, dass diese Leute seit Jahren oder Jahrzehnten auf Dauerkarten warten, während andere ungenutzt in der Schreibtischschublade liegen.

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