Wie stehen die eigenen Fans zum Krösus Europas?

»PSG verliert seine Identität«

Investoren aus Katar machten Paris Saint-Germain
 zu einem der reichsten Klubs Europas. Aber was sagen 
eigentlich die Fans dazu? Wir haben sie gefragt.

Wie gefällt euch das neue PSG?
Paul Bemer: Was mich persönlich am meisten nervt, sind diese Animationen, die die Fanchoreografien ersetzen sollen. Die sehen aus wie vom Jahrmarkt. Vor der Übernahme durch Qatar Sports Investment war es eine Sadomaso-Erfahrung, Paris Saint-Germain zu unterstützen. Der Klub war verflucht und ist immer dann abgeschmiert, wenn er gerade dabei war zu gewinnen. Und irgendwie hat man genau das geliebt.

Momo: Ich bin verblüfft über die vielen Leute, die plötzlich das Klubtrikot tragen, seit Zlatan Ibrahimovic unterschrieben hat. Auf einmal sind diese ganzen Schönlinge da. Dieselben Leute, die vor Jahren noch die Farben von Olympique Marseille getragen haben, tragen nun unsere.

Benjamin Cadiou: Es ist offensichtlich, dass der Verein ein neues Publikum ansprechen will. Leute, die viel Geld haben und wie bei einem NBA-Spiel 50 Euro ausgeben, um sich die Wampe zu füllen. Du kannst jetzt auch problemlos mit deiner Freundin und deinen Kindern ins Stadion gehen. Und bald gibt es bestimmt einen Typen, der wie in den USA einen Jingle auf der Orgel spielt.

Momo: PSG ist tatsächlich zu einem Klub für Bobos geworden, diese bürgerliche Boheme des 16. Arrondissements, wo die ganzen Anzugtypen rumlaufen. Um ehrlich zu sein: Der einzige Vorteil davon sind die Tussis. Das Niveau der Frauen dort ist der Wahnsinn, eine ganz andere Qualität.

Paul: Die wohlhabenden Leute waren doch in gewissen Grenzen schon immer da. Weil wir hier in Paris sind und nicht in irgendeiner Arbeiterstadt. Im Stadion hattest du sowohl den Pöbel aus den Vorstädten als auch die Jungs aus dem Showbusiness. Oder anders gesagt: sowohl Sarkozy als auch die Bad Boys aus St. Denis. Irgendwie haben die sogar eine wechselseitige Faszination aufeinander ausgeübt.

Trotzdem gibt es viele Besucher, die jetzt erst zu Paris Saint-Germain kommen. Müssen die sich auf den Tribünen beweisen?

Benjamin: Es gibt diesen abwertenden Ausdruck »Footix«. Das war das Maskottchen der WM 1998, und der Ausdruck beschreibt Leute, die erst durch den Weltmeistertitel der Franzosen zum Fußball gefunden haben. Natürlich gibt es auf den Tribünen eine Hierarchie, du profilierst dich mit deinem Wissen über Fußball oder auch über deine Kleidung. Nun, als Dauerkartenbesitzer muss ich niemandem etwas beweisen.

Paul: Das sagst du jetzt so, doch gleichzeitig freust du dich über die Verpflichtung von Javier Pastore.

Benjamin: Ins Stadion gehen würde ich sowieso, aber natürlich ist klar, dass mich die neuen Spieler begeistern. Als der Stadionsprecher vor dem ersten Saisonspiel die Mannschaftsaufstellung vorlas und dann kam »Zlatan Ibrahimovic«, da fragte man sich schon: Wo sind wir denn hier? Kommt der wirklich zu uns? Wir sind wie eine unattraktive Frau, bei der plötzlich ein schöner Mann anklopft. Auch wir haben das Recht auf ein bisschen Glück.

Momo: Ich gebe zu, ich stehe auch auf dieses Team. Wer wäre nicht gerne so stark?

Welchen Eindruck habt ihr von den neuen Klubbesitzern aus Abu Dhabi?
Paul: Der Klub und seine Fans sind denen egal. Sie begannen bei Null und sagten sich: Wir basteln uns unser eigenes Team, ein Trainingszentrum, ein Stadion und auch unser eigenes Publikum. Für sie ist das ein Spielzeug. Das Erste, was Leonardo (Sportdirektor und ehemaliger Spieler, d. Red.) in einem Interview mit der »Gazzetta dello Sport« verkündet hat, war: »Das Prinzenparkstadion ist veraltet. Wir können dort keine Sponsoren anlocken und keine Logen bauen.« Dabei hat er als Spieler immer gesagt: »Ich liebe das Prinzenparkstadion! Es ist, als spiele man in einem Theater.«

Benjamin: Bei »veraltet« stimme ich ohne Umschweife zu. Du musst dir mal die Toiletten ansehen, die sind eklig.

Paul:
Das ist mir egal.

Benjamin:
Denk einfach mal an die Frauen. Man kann durchaus ein wenig mehr Kom-
fort haben, ohne die Seele des Klubs zu verkaufen. Hat Arsenal etwa seinen Spirit durch das neue Stadion verloren?

Paul:
Es reicht, in ein Stadion wie Craven Cottage (FC Fulham, d. Red.) zu gehen, um zu merken, was Arsenal verloren hat. Im Emi-
rates Stadium riecht man nicht mal das Bier.

Momo: Das Prinzenparkstadion ist wie alle französischen Arenen, man hat hier einfach den Anschluss verpasst, um etwas zu schaffen, wie es Deutschland 2006 hinbekommen hat. Ich bin öfter mal in Gelsenkirchen, Dortmund oder Köln. Dort ist es gelungen, etwas Modernes zu bauen und trotzdem der Tradition und der Fankultur treu zu bleiben. Auch wenn ich finde, dass das Stadion von Schalke etwas zu sehr an ein Einkaufszentrum erinnert.


Vermisst ihr die frühere Atmosphäre im Prinzenparkstadion?
Benjamin: Ich habe selbst in italienischen Stadien nicht so viel Hass erlebt, wie es ihn in Paris vor einigen Jahren gab. Es amüsiert mich nicht, wenn die Fans »Arschloch« rufen oder feindselige Gesänge gegen das gegnerische Team anstimmen. Für mich sollen Sprechchöre die eigene Mannschaft unterstützen.

Momo:
Der Fußball ist aber nun mal nicht die Welt der Glücksbärchis. Dazu fällt mir ein, dass unsere Vereinsverantwortlichen, die die angeblichen Hooligans nicht mehr wollen, einen Slogan annektiert haben: »Ici, c’est Paris«, »Hier, das ist Paris!« Der ist 2001 bei einem Spiel gegen Galatasaray entstanden, mit einer der größten Schlägereien überhaupt. Und heute vermarkten sie ihn auf Schals, ohne zu ahnen, womit er assoziiert wird. Wenn die Leute nur wüssten, woher all diese Gesänge kommen!

Hat der Klub seine Identität verloren?
Paul: Er ist dabei. Hat er sich stattdessen eine neue geschaffen? Ja und nein. Es ist traurig, doch die Kurven sind mindestens zur Hälfte von Opportunisten besetzt.  Ich erzähle mal etwas Symptomatisches: Vor einiger Zeit haben ein paar Jungs versucht, die Atmosphäre wiederzubeleben, und die Megafone zurück in den Block geholt. Aber sie halten die Gesänge keine dreißig Sekunden durch, weil sie die Texte nicht genau kennen. Es ist nur ein Detail, was aber in der Fankultur von immenser Bedeutung ist. Wenn du nur zwei Wörter änderst, ist es nicht mehr derselbe Gesang. Insofern weiß ich nicht, ob wir unsere Identität verlieren, aber wir erleben sicherlich eine Zeit, in der der Klub tiefgreifend verändert wird, und das nicht nur auf dem Spielfeld. Zum ersten Mal haben wir eine Vereinsführung, die sagt: »Wir können und werden es ohne euch Fans schaffen.« Immerhin machen sie bisher keine Anstalten, die Farben oder das Wappen zu ändern.

Benjamin:
Die Frage ist, welche Lobby Fans überhaupt haben. In Frankreich kommt das Geld fast ausschließlich durch die Fernsehrechte herein. Warum also soll der Vorstand sich mit etwas herumärgern, was ihm keinen Ertrag verschafft? Das Geld kommt nun mal nicht von den Tribünen, auch wenn ich das bedaure. Ich kann es nachvollziehen, dass die Fans ausgegrenzt werden.

Paul:
Der Klub hat etwas gemacht, was ich in
meinem ganzen Leben noch nicht gesehen habe. Vor dem Anpfiff der Partie gegen Marseille haben sie eine gigantische Choreografie auf dem Rasen angeordnet, die fast über das gesamte Spielfeld ging. Die Verantwortlichen müssen sich gedacht haben: Da sitzen Leute in Japan vor dem Fernseher, und die sollen glauben, dass im Prinzenparkstadion eine Bombenstimmung herrscht. Das ist bekloppt und komplett falsch. Sie haben sogar die Stelle so ausgesucht, dass sich das Zentrum der Choreo genau auf der Achse der Fernsehkamera befand.

Klingt beinahe ein bisschen nach Nordkorea. Ist das Prinzenparkstadion etwa ein undemokratischer Ort in einem demokratischen Land?
Benjamin: Ich würde eher sagen, da ist ein Unternehmen, das viel Geld in ein Projekt gesteckt hat und seine Management-Methoden so wählt, als ob es die Gesellschaft nicht interessiert.

Paul:
Die Katarer wollen ein sauberes Image. Eine Art Neuinterpretation des traditionellen Sportsgeistes. Zum Beispiel wollen sie keine Pfiffe gegen die gegnerischen Fans, obwohl jeder weiß, dass die nicht ernst gemeint sind und einfach zum Spiel dazugehören. Nun aber wird der Lärm des Publikums von so einer degenerierten House-Musik übertönt, wenn die Spieler den Rasen betreten. Als unser früherer Trainer Antoine Kombouare achtkantig rausflog, wurden Transparente, die ihn unterstützen sollten, sofort entfernt. In unserem Stadion geht es also definitiv weniger demokratisch zu als im übrigen Frankreich. Du riskierst gleich mal ein halbjähriges Stadionverbot, wenn sie dich mit einem Joint in der Hosentasche erwischen.

Momo:
Es scheint, dass die Ordner neuerdings Jagd auf Haschischraucher machen. Wenn sie das vor ein paar Jahren gemacht hätten, hätte die Polizei locker mehrere Tonnen Dope beschlagnahmen können.

Paul:
Ich zahle 380 Euro im Jahr für meine Dauerkarte und sie behandeln uns wie Kriminelle. Sie haben all das getötet, was die Essenz des Fanseins ausmacht.

Momo:
Als PSG-Fan kann man sich fast als Terrorist fühlen. Wenn das Innenministerium den Pariser Fans die Benutzung der kompletten Strecke von Paris nach Marseille verbieten will, also 800 Kilometer quer durchs Land, dann ist das absoluter Schwachsinn. Und jedes Transparent wird von den Ordnern nach spätestens zehn Minuten entfernt, selbst wenn draufsteht: »Mama, ich hab dich lieb!« Wo bleibt da das Recht auf freie Meinungsäußerung?

Benjamin:
Der Fan gehört anscheinend zu einer Kaste, die schwer zu integrieren ist. Die jetzige Vereinspolitik scheint mir die Tribünen für alle öffnen zu wollen, nicht zwingend
für Leute, die der Ultrakultur nahe stehen.

Momo:
Es gibt Leute, die diesen Klub unterstützt haben und jetzt auf einer Art schwarzen Liste stehen. Ich weiß nicht, ob sie vom Verein oder der Polizei darauf gesetzt wurden, aber sie dürfen keine Tickets kaufen, nicht mal für die Spiele des Frauen- oder Handballteams. Obwohl sie kein Stadionverbot haben. Das ist illegal, und so etwas im sogenannten Land der Menschenrechte! Ich finde das schockierend.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!