05.01.2013

Wie stehen die eigenen Fans zum Krösus Europas?

»PSG verliert seine Identität«

Investoren aus Katar machten Paris Saint-Germain
 zu einem der reichsten Klubs Europas. Aber was sagen 
eigentlich die Fans dazu? Wir haben sie gefragt.

Interview: Joachim Barbier Bild: Imago

Wie gefällt euch das neue PSG?
Paul Bemer: Was mich persönlich am meisten nervt, sind diese Animationen, die die Fanchoreografien ersetzen sollen. Die sehen aus wie vom Jahrmarkt. Vor der Übernahme durch Qatar Sports Investment war es eine Sadomaso-Erfahrung, Paris Saint-Germain zu unterstützen. Der Klub war verflucht und ist immer dann abgeschmiert, wenn er gerade dabei war zu gewinnen. Und irgendwie hat man genau das geliebt.

Momo: Ich bin verblüfft über die vielen Leute, die plötzlich das Klubtrikot tragen, seit Zlatan Ibrahimovic unterschrieben hat. Auf einmal sind diese ganzen Schönlinge da. Dieselben Leute, die vor Jahren noch die Farben von Olympique Marseille getragen haben, tragen nun unsere.

Benjamin Cadiou: Es ist offensichtlich, dass der Verein ein neues Publikum ansprechen will. Leute, die viel Geld haben und wie bei einem NBA-Spiel 50 Euro ausgeben, um sich die Wampe zu füllen. Du kannst jetzt auch problemlos mit deiner Freundin und deinen Kindern ins Stadion gehen. Und bald gibt es bestimmt einen Typen, der wie in den USA einen Jingle auf der Orgel spielt.

Momo: PSG ist tatsächlich zu einem Klub für Bobos geworden, diese bürgerliche Boheme des 16. Arrondissements, wo die ganzen Anzugtypen rumlaufen. Um ehrlich zu sein: Der einzige Vorteil davon sind die Tussis. Das Niveau der Frauen dort ist der Wahnsinn, eine ganz andere Qualität.

Paul: Die wohlhabenden Leute waren doch in gewissen Grenzen schon immer da. Weil wir hier in Paris sind und nicht in irgendeiner Arbeiterstadt. Im Stadion hattest du sowohl den Pöbel aus den Vorstädten als auch die Jungs aus dem Showbusiness. Oder anders gesagt: sowohl Sarkozy als auch die Bad Boys aus St. Denis. Irgendwie haben die sogar eine wechselseitige Faszination aufeinander ausgeübt.

Trotzdem gibt es viele Besucher, die jetzt erst zu Paris Saint-Germain kommen. Müssen die sich auf den Tribünen beweisen?

Benjamin: Es gibt diesen abwertenden Ausdruck »Footix«. Das war das Maskottchen der WM 1998, und der Ausdruck beschreibt Leute, die erst durch den Weltmeistertitel der Franzosen zum Fußball gefunden haben. Natürlich gibt es auf den Tribünen eine Hierarchie, du profilierst dich mit deinem Wissen über Fußball oder auch über deine Kleidung. Nun, als Dauerkartenbesitzer muss ich niemandem etwas beweisen.

Paul: Das sagst du jetzt so, doch gleichzeitig freust du dich über die Verpflichtung von Javier Pastore.

Benjamin: Ins Stadion gehen würde ich sowieso, aber natürlich ist klar, dass mich die neuen Spieler begeistern. Als der Stadionsprecher vor dem ersten Saisonspiel die Mannschaftsaufstellung vorlas und dann kam »Zlatan Ibrahimovic«, da fragte man sich schon: Wo sind wir denn hier? Kommt der wirklich zu uns? Wir sind wie eine unattraktive Frau, bei der plötzlich ein schöner Mann anklopft. Auch wir haben das Recht auf ein bisschen Glück.

Momo: Ich gebe zu, ich stehe auch auf dieses Team. Wer wäre nicht gerne so stark?

Welchen Eindruck habt ihr von den neuen Klubbesitzern aus Abu Dhabi?
Paul: Der Klub und seine Fans sind denen egal. Sie begannen bei Null und sagten sich: Wir basteln uns unser eigenes Team, ein Trainingszentrum, ein Stadion und auch unser eigenes Publikum. Für sie ist das ein Spielzeug. Das Erste, was Leonardo (Sportdirektor und ehemaliger Spieler, d. Red.) in einem Interview mit der »Gazzetta dello Sport« verkündet hat, war: »Das Prinzenparkstadion ist veraltet. Wir können dort keine Sponsoren anlocken und keine Logen bauen.« Dabei hat er als Spieler immer gesagt: »Ich liebe das Prinzenparkstadion! Es ist, als spiele man in einem Theater.«

Benjamin: Bei »veraltet« stimme ich ohne Umschweife zu. Du musst dir mal die Toiletten ansehen, die sind eklig.

Paul:
Das ist mir egal.

Benjamin:
Denk einfach mal an die Frauen. Man kann durchaus ein wenig mehr Kom-
fort haben, ohne die Seele des Klubs zu verkaufen. Hat Arsenal etwa seinen Spirit durch das neue Stadion verloren?

Paul:
Es reicht, in ein Stadion wie Craven Cottage (FC Fulham, d. Red.) zu gehen, um zu merken, was Arsenal verloren hat. Im Emi-
rates Stadium riecht man nicht mal das Bier.

Momo: Das Prinzenparkstadion ist wie alle französischen Arenen, man hat hier einfach den Anschluss verpasst, um etwas zu schaffen, wie es Deutschland 2006 hinbekommen hat. Ich bin öfter mal in Gelsenkirchen, Dortmund oder Köln. Dort ist es gelungen, etwas Modernes zu bauen und trotzdem der Tradition und der Fankultur treu zu bleiben. Auch wenn ich finde, dass das Stadion von Schalke etwas zu sehr an ein Einkaufszentrum erinnert.

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