Wie sich ein Pizzabäcker Inter Mailand nach Herborn holte

»Ich stand auf der Todesliste«

In der neuen Ausgabe von 11FREUNDE berichten wir über das kuriose Schicksal des Pizzabäckers, Fußball-Verrückten und Spielervermittlers Raffaello De Bastiani. Im Interview spricht er über Diego Maradona, Inter Mailand und das Inferno von Herborn.

Privat
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128

Raffaello De Bastiani, kennen Sie die Rubrik im »Zeit-Magazin« »Ich habe einen Traum«?
Die kenne ich.

Sie wären ein geeigneter Kandidat, oder?
Nicht ganz. Dann müsste die Rubrik »Ich habe einen Traum wahr gemacht« heißen.

Sie erfüllten sich Ihren Traum und ließen am 20. Mai 1987 Ihre Lieblingsmannschaft Inter Mailand gegen den VfL Bochum auf dem Sportplatz Ihrer Wahlheimat Herborn spielen. Wie, in Gottes Namen, haben Sie das nur geschafft?
Ich war 18, als ich Inter das erste Mal spielen sah. Damals lebte ich noch in Meluno, einer kleinen Stadt in Norditalien. Ich schwor mir, diesen Verein einmal für mich spielen zu lassen.

Wie ging es weiter?
Ich machte meine Ausbildung zum Koch, wanderte nach Deutschland, genauer gesagt: nach Essen, aus, um dort in einem Restaurant zu arbeiten. 1980 zog ich nach Herborn und eröffnete bald darauf meine eigene Pizzaria. Ich dachte die ganze Zeit an Inter, auch wenn inzwischen Fan von Schalke 04 geworden war. 1984 schrieb ich den ersten Brief an Inters damaligen Präsidenten Ernesto Pelligrini.

Und der schrieb gleich zurück: »Klar, Raffaello, wir kommen mal eben vorbei«?
Natürlich nicht. Dass er mir überhaupt antwortete, fand ich schon großartig. Drei Jahre lang standen wir im ständigen Briefwechsel. Irgendwann lud er mich mit Freunden aus Herborn nach Mailand ein. Auf dem Trainingsgelände lernte ich Karl-Heinz Rummenigge und Inters Sportdirektor Giancarlo Beltrami kennen!

Wann bekamen Sie Ihre Zusage?
Inter war damals eine sehr gefragte Mannschaft und dauernd in der Welt für Freundschaftsspiele unterwegs. »Wenn wir einen freien Termin finden, dann spielt Inter bei euch in Herborn«, sagte Pelligrini. Schon nach der WM 1986 hätte es eigentlich klappen sollen, doch dann kam noch etwas dazwischen. Aber im April 1987 unterschrieben Beltrami und ich einen Vertrag über ein Freundschaftsspiel von Inter Mailand in Herborn!

Umsonst werden die Mailänder nicht angerückt sein.
Nein. Laut Vertrag standen ihnen 25 Millionen Lire, also etwa 25.000 DM, zu. In Wirklichkeit mussten wir sogar noch wesentlich mehr blechen. Ich motivierte die ganze Region, trieb Sponsoren zusammen und zahlte den Rest selbst. So kurz vor dem Ziel wollte ich mich von Zahlen nicht abbringen lassen. Als Gegner konnte ich den VfL Bochum gewinnen, deren Manager Klaus Hilpert brauchte ich nur sagen, gegen wen es gehen sollte. Er sagte sofort zu.

In der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE wird vom verrückten Auftritt der Mailänder in der hessischen Provinz berichtet. Kurz nach der Erfüllung ihres Traums, mussten Sie allerdings einen furchtbaren Schicksalsschlag hinnehmen...
Es war am 7. Juli 1987, nicht mal zwei Monate nach dem Besuch aus Mailand. Bei einem mit Benzin vollbeladenen Tanklaster versagten die Bremsen auf einer steilen Straße mitten in Herborn. Er raste ungebremst in mein Haus, in mein Eisdiele und in meine Pizzaria. Alles flog in die Luft, die halbe Innenstadt stand in Flammen. Sechs Menschen starben, 38 wurden verletzt, zwölf Häuser brannten komplett aus.



Wo waren Sie zu diesem Zeitpunkt?
Nicht zu Hause, sonst würde es dieses Gespräch nicht geben. Zufällig war ich in dieser Zeit mit meiner kleinen Tochter auf einem Ausflug in Italien. Im Hotel fingen mich schließlich Polizisten ab und forderten mich auf, umgehend nach Hause zurückzukehren. In Deutschland sei etwas Schreckliches passiert. Ich packte meine Tochter ins Auto und raste los. Kurz vor der deutschen Grenze kaufte ich mir eine italienische Zeitung. Darauf ein Foto der brennenden Herborner Altstadt und die Überschrift: »Mindestens 40 Tote bei Katastrophe in Deutschland!«. Die Sicherheitskräfte wussten noch nicht, dass die Pizzaria an diesem Tag zu war, sie dachten, die Gäste seien unter den Toten. Auf einer Liste der Toten fand ich auch meinen Namen. In Herborn angekommen, war von meinem Haus und meinem Restaurant nichts mehr übrig. Es sah aus, wie nach einem Bombenangriff. Ich hatte alles verloren.

Wie ging es weiter?
Keine Ahnung, wie meine Familie und ich die nachfolgenden Monate überstanden. Das Haus war gerade erst gebaut worden, die Kredite muss ich bis heute abbezahlen. Die Versicherung hat uns nahezu nichts bezahlt und warf uns dauernd Stöcke zwischen die Beine. Es dauerte Jahre bis ich wieder auf die Beine kam. Aber bis heute spüre ich die Spätfolgen der Katastrophe.

Haben Sie in den folgenden Jahren noch mit Fußball zu tun gehabt?
Selbstverständlich. Ein Krebsgeschwür lässt sich vielleicht behandeln, aber die Liebe zum Fußball ist unheilbar. Ich nutzte meine Kontakte nach Italien und arbeitete nebenbei als Spielervermittler. Der Wechsel von Karl-Heinz Riedle zu Lazio Rom, der Transfer von Matthias Sammer zu Inter Mailand, Carsten Jancker zu Udinese Calcio – ich habe in all den Jahren bei vielen Transfers zwischen Deutschland und Italien geholfen. Aber längst nicht so professionell und überbezahlt wie das heute der Fall ist. Spielervermittler war eher mein Hobby.

Aber was die Benefizspiele anging, hatten Sie erstmal die Nase voll?
Von wegen. Anfang der Neunziger habe ich mal die Bayern nach Herborn geholt und Uli Hoeneß kennengelernt, ein super Typ! Werder Bremen habe ich für ein Benefizspiel in Ostfriesland gewinnen können, der Gewinn ging an die Kinderkrebshilfe. Und beinahe hätte ich sogar den besten Fußballer der Welt für ein Freundschaftsspiel verpflichtet.

Pelé?
Diego Maradona! Ich besuchte Diego einfach während eines Trainingslagers seines SSC Neapel und stellte mich vor.

Wie war er so?
Ein ganz feiner Kerl. Er hörte mir aufmerksam zu, ich erzählte ihm von meinen Plänen, Neapel für ein Benefizspiel zu gewinnen. Diego fand das großartig, er sagte mir: »Raffaello, sag mir einfach wann und wo, ich versuche zu kommen.« Das es letztlich nie geklappt hat, lag eher an seinem Klub, als an ihm.

Sie sind bekennender Schalke-Fan, trotzdem sieht man Sie auf einem Foto (siehe Bildergalerie) mit einem BVB-Logo auf der Krawatte. Was war denn da los?
Das war im Dezember 1997, wenige Monate nachdem Schalke den UEFA-Cup, ausgerechnet gegen Inter!, und Dortmund die Champions League gewonnen hatte. Ich hatte ein Hallenturnier organisiert, eingeladen waren auch die zweiten Mannschaften von Schalke und dem BVB. Die Dortmunder waren gerade erst Weltpokalsieger geworden, den Pokal haben sie dann einfach mit nach Herborn gebracht! Das, was Sie auf dem Foto sehen, ist also der echte Weltpokal. Nicht im Bild sind die beiden Leibwächter, die nur den Pokal bewachen sollten...

Raffaello De Bastiani, Sie sind inzwischen 57 Jahre alt und arbeiten noch immer als Pizzabäcker in Herborn. Zurück zur Ausgangsfrage: Was würden Sie den Kollegen vom »Zeit-Magazin« erzählen, wenn sie Sie für die Rubrik »Ich habe einen Traum« befragen würden?
Ich will nicht betteln, ich bin nicht unbedingt der geborene Bittsteller. Aber von der Brand-Katastrophe habe ich mich bis heute finanziell nicht erholt. Die Explosion begleitet mich jeden Tag. Jetzt, nachdem ich so viele Spiele für den guten Zweck organisiert habe, wäre es ein Traum, wenn jemand mal für mich ein Benefizspiel veranstalten würde. Nur ein kleines. Es muss ja nicht unbedingt Inter Mailand sein...

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