20.06.2012

Wie sich ein Pizzabäcker Inter Mailand nach Herborn holte

»Ich stand auf der Todesliste«

In der neuen Ausgabe von 11FREUNDE berichten wir über das kuriose Schicksal des Pizzabäckers, Fußball-Verrückten und Spielervermittlers Raffaello De Bastiani. Im Interview spricht er über Diego Maradona, Inter Mailand und das Inferno von Herborn.

Interview: Alex Raack Bild: Privat

Raffaello De Bastiani, kennen Sie die Rubrik im »Zeit-Magazin« »Ich habe einen Traum«?
Die kenne ich.

Sie wären ein geeigneter Kandidat, oder?
Nicht ganz. Dann müsste die Rubrik »Ich habe einen Traum wahr gemacht« heißen.

Sie erfüllten sich Ihren Traum und ließen am 20. Mai 1987 Ihre Lieblingsmannschaft Inter Mailand gegen den VfL Bochum auf dem Sportplatz Ihrer Wahlheimat Herborn spielen. Wie, in Gottes Namen, haben Sie das nur geschafft?
Ich war 18, als ich Inter das erste Mal spielen sah. Damals lebte ich noch in Meluno, einer kleinen Stadt in Norditalien. Ich schwor mir, diesen Verein einmal für mich spielen zu lassen.

Wie ging es weiter?
Ich machte meine Ausbildung zum Koch, wanderte nach Deutschland, genauer gesagt: nach Essen, aus, um dort in einem Restaurant zu arbeiten. 1980 zog ich nach Herborn und eröffnete bald darauf meine eigene Pizzaria. Ich dachte die ganze Zeit an Inter, auch wenn inzwischen Fan von Schalke 04 geworden war. 1984 schrieb ich den ersten Brief an Inters damaligen Präsidenten Ernesto Pelligrini.

Und der schrieb gleich zurück: »Klar, Raffaello, wir kommen mal eben vorbei«?
Natürlich nicht. Dass er mir überhaupt antwortete, fand ich schon großartig. Drei Jahre lang standen wir im ständigen Briefwechsel. Irgendwann lud er mich mit Freunden aus Herborn nach Mailand ein. Auf dem Trainingsgelände lernte ich Karl-Heinz Rummenigge und Inters Sportdirektor Giancarlo Beltrami kennen!

Wann bekamen Sie Ihre Zusage?
Inter war damals eine sehr gefragte Mannschaft und dauernd in der Welt für Freundschaftsspiele unterwegs. »Wenn wir einen freien Termin finden, dann spielt Inter bei euch in Herborn«, sagte Pelligrini. Schon nach der WM 1986 hätte es eigentlich klappen sollen, doch dann kam noch etwas dazwischen. Aber im April 1987 unterschrieben Beltrami und ich einen Vertrag über ein Freundschaftsspiel von Inter Mailand in Herborn!

Umsonst werden die Mailänder nicht angerückt sein.
Nein. Laut Vertrag standen ihnen 25 Millionen Lire, also etwa 25.000 DM, zu. In Wirklichkeit mussten wir sogar noch wesentlich mehr blechen. Ich motivierte die ganze Region, trieb Sponsoren zusammen und zahlte den Rest selbst. So kurz vor dem Ziel wollte ich mich von Zahlen nicht abbringen lassen. Als Gegner konnte ich den VfL Bochum gewinnen, deren Manager Klaus Hilpert brauchte ich nur sagen, gegen wen es gehen sollte. Er sagte sofort zu.

In der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE wird vom verrückten Auftritt der Mailänder in der hessischen Provinz berichtet. Kurz nach der Erfüllung ihres Traums, mussten Sie allerdings einen furchtbaren Schicksalsschlag hinnehmen...
Es war am 7. Juli 1987, nicht mal zwei Monate nach dem Besuch aus Mailand. Bei einem mit Benzin vollbeladenen Tanklaster versagten die Bremsen auf einer steilen Straße mitten in Herborn. Er raste ungebremst in mein Haus, in mein Eisdiele und in meine Pizzaria. Alles flog in die Luft, die halbe Innenstadt stand in Flammen. Sechs Menschen starben, 38 wurden verletzt, zwölf Häuser brannten komplett aus.

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