Wie schneidet Bayer Leverkusen in der Champions League ab, Jens Nowotny?

»Das geht dir auf den Keks«

Viermal spielte Bayer Leverkusen 2002 gegen Manchester United, gewann nie und stand trotzdem im Finale. Wir sprachen mit Jens Nowotny über »Vizekusen«, Kießlings Absage an Joachim Löw und Opferbereitschaft.

Jens Nowotny, Sie sind auf dem Weg nach Manchester. Erfolgt Ihr Comeback direkt auf höchster internationaler Etage?
Nein, ich habe einfach eine Einladung vom Verein bekommen, um das Spiel vor Ort verfolgen zu dürfen.

Ehrlich gesagt, verwundert uns Ihre Nähe zum Ex-Verein. Im Jahr 2005 befanden Sie sich mit Bayer Leverkusen aufgrund einer geforderten Lohnfortzahlung sogar im Rechtsstreit. Was ist seitdem passiert?
Durch meine Tätigkeit als Spielerberater kommt man automatisch wieder mit den Verantwortlichen des Vereins in Kontakt. Sicherlich gibt es – auch von meiner Seite – den Wunsch noch einmal über gewisse Dinge zu reden. Aber ich wohne hier im Umkreis von Leverkusen, stehe mit dem Klub in Kontakt und freue mich auf das Spiel in Manchester.

In einem Interview sagten Sie, dass dem Verein eine Person wie Reiner Calmund fehle. Er hätte damals den Menschen erst den Kopf abgerissen und anschließend sachlich über die Probleme gesprochen. Hat Bayer 04 eine Führungsperson?
Das ist ein beständiges Problem des Vereins. Echte Typen, abgesehen von Calli, fehlen dem Verein seit jeher. Auch meine Generation galt als zu brav, lieb und harmoniesüchtig. Das Gesicht der Mannschaft hat sich nicht verändert und Lautsprecher sucht man vergebens. Die sportliche Qualität muss darunter ja nicht leiden. Trotzdem vermisse ich emotionale Präsenz eines Reiner Calmund, der dem Team auch mal das berüchtigte Feuer unter den HIntern hielt.

Dieses Feuer scheint mit Blick auf die Vor-Saison aber auch gar nicht notwendig gewesen sein, oder?
Aber trotzdem hat Leverkusen ein Image-Problem! In der vergangenen Champions-League-Saison hatten wir einen lokalen Medienanteil, der ein Drittel des 1. FC Köln darstellte. Die Sogwirkung dieses Zweitligisten ist hier in der Rhein-Region unwahrscheinlich groß und wird auf absehbare Zeit auch gar nicht zu ändern sein. Aber in unserem kleinen Drittel vermisse ich eben die Emotionen und das Profil. Die Medien berichten durchweg nüchtern über Bayer Leverkusen, weil die Typen fehlen.

Wie bewerten Sie hinter diesem Hintergrund die Nationalmannschafts-Absage von Stefan Kießling?
Das geht dir doch auf den Keks! Man trainiert und spielt gut, trotzdem scheint es nicht zu reichen. In Stefans Fall ist es sogar noch krasser. Er ist Torschützenkönig geworden und trifft auch zum Saisonstart wieder. Er spielt überragend.

Scheut Kießling vielleicht nur den Konkurrenzkampf?
Jeder will in der Nationalmannschaft spielen. Und jeder Stürmer will mit dem Adler auf der Brust Tore schießen, auch Stefan. Aber für ihn ist das eine nervige Situation, weil sich die Medien alleine auf das Verhältnis zwischen ihm und Joachim Löw konzentrieren. Sie fragen nach nichts anderem und suchen nach negativen Schlagzeilen. Ich kann Stefans Reaktion nachvollziehen.

Das Bild des »Ewigen Zweiten« scheint sich jedenfalls in die Köpfe der Fans eingebrannt zu haben.
Absolut. Wir sind 2002 dreimal zweiter Sieger geworden. Doch wie viele Bundesligamannschaften haben ähnliche Erfolge in den vergangenen Jahren verbuchen können? Nur ganz wenige. Diese fünf Vizemeisterschaften seit 1997 sollten uns stolz machen.

2002 rissen Sie sich im Halbfinal-Rückspiel gegen Manchester United das Kreuzband. Welche Erinnerungen haben Sie an die entscheidenden Spiele im Vize-Jahr?
Vor allem das Gefühl von Ohnmacht auf der Tribüne. Wir hatten hervorragende Leistungen gebracht, Manchester United grandios zwei Unentschieden abgerungen und standen zurecht vor der Chance das Triple zu holen. Ich könnte diese Gefühle jetzt pathetisch ausschmücken, aber ich habe schon damals versucht möglichst emotionslos die Spiele zu verfolgen.
Trainer Klaus Toppmöller bot in diesen wichtigen Wochen mehrmals angeschlagene Spieler auf. War das im Rückblick der entscheidende Fehler?
Aus gesundheitlicher Sicht war das selbstverständlich falsch. Aber mir war immer bewusst, dass das zu unserem Job gehört. Wenn der Trainer der Meinung ist, dass ich der Mannschaft aktuell helfe, dann bin ich dazu verpflichtet. (Jens Nowotny ließ sich zu diesem Zeitpunkt regelmäßig fitspritzen d.Red.) Das war meine Einstellung.

Zoltan Sebescen spielte, trotz eines Meniskusrisses, ebenfalls im Halbfinale gegen Manchester. War das reines Pflichtbewusstsein?
Zoltans Fall war tragisch. Er war viel schlimmer dran als die Teamkollegen und hat sich für den Verein aufgeopfert. Zoltan ist aufgrund dieser Spiele Sportinvalide geworden. Das ist nicht zu rechtfertigen.

Welche Gedanken hatten Sie, als Mario Götze in diesem Jahr nach zwölf Minuten im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid den Platz verließ?
Bei einem Kreuzbandriss, wie bei mir, liegen die Fakten klar auf der Hand. Du kannst ja gar nicht weiterlaufen. Eine Verletzung an der Muskulatur ist hingegen viel schwieriger einzuschätzen. Dann ist man verunsichert und weiß nicht, ob man der Mannschaft noch helfen kann. Das war sicherlich eine ganz schwierige Entscheidung für ihn, die er zum Wohl des Teams richtig getroffen hat.

Sie sind selbst als Spielerberater tätig. Was hätten Sie Mario Götze in diesem Moment geraten?
Wenn der Trainer davon überzeugt ist, dass ein angeschlagener Spieler spielen könnte und dieser nicht spielen will, kann das üble Konsequenzen nach sich ziehen. Denn, so hart das klingen mag, fast jeder Fußballer ist ersetzbar. Ich kann nur raten, auf die Gesundheit zu achten. Aber was bringt die Gesundheit, wenn man anschließend nicht mehr vom Trainer berücksichtigt wird?

Ob der Spieler auflaufen muss oder nicht, hängt also von seinem Standing in der Mannschaft ab?
Jeder muss sich fragen, was er zu opfern bereit ist.

Lassen Sie uns noch kurz über das heutige Spiel sprechen. Könnte Leverkusen erstmals in der Vereinsgeschichte gegen Manchester United gewinnen?
Das ist Kaffeesatzleserei, aber die große Zeit von Manchester scheint vorbei zu sein. Leverkusen sollte mit breiter Brust auf die Insel reisen. Die Punkte muss man dort nicht mehr mit der Post hinschicken.

Wie wichtig ist eigentlich das erste Spiel in der Champions League?
Natürlich kann sich in diesem Zweiwochenryhtmus kein eigenständiger Lauf wie bei einer Weltmeisterschaft entwickeln. Doch spätestens nach dem dritten Spieltag schaut jede Mannschaft auf die Tabelle, und dann können Punkte aus Old Trafford enorm beruhigen.

Was trauen Sie der Mannschaft im internationalen Geschäft zu?
Ähnliche Erfolgsgeschichten wie der FC Bayern und Borussia Dortmund zu schreiben, wird nicht einfach. Dafür ist der Kader in der Breite noch nicht stark genug. Zumindest verspürt in Leverkusen niemand Erfolgsdruck, denn die Medien berichten ja sowieso lieber über den FC. (lacht)

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