17.09.2013

Wie schneidet Bayer Leverkusen in der Champions League ab, Jens Nowotny?

»Das geht dir auf den Keks«

Viermal spielte Bayer Leverkusen 2002 gegen Manchester United, gewann nie und stand trotzdem im Finale. Wir sprachen mit Jens Nowotny über »Vizekusen«, Kießlings Absage an Joachim Löw und Opferbereitschaft.

Interview: Tobias Ahrens Bild: Imago

Jens Nowotny, Sie sind auf dem Weg nach Manchester. Erfolgt Ihr Comeback direkt auf höchster internationaler Etage?
Nein, ich habe einfach eine Einladung vom Verein bekommen, um das Spiel vor Ort verfolgen zu dürfen.

Ehrlich gesagt, verwundert uns Ihre Nähe zum Ex-Verein. Im Jahr 2005 befanden Sie sich mit Bayer Leverkusen aufgrund einer geforderten Lohnfortzahlung sogar im Rechtsstreit. Was ist seitdem passiert?
Durch meine Tätigkeit als Spielerberater kommt man automatisch wieder mit den Verantwortlichen des Vereins in Kontakt. Sicherlich gibt es – auch von meiner Seite – den Wunsch noch einmal über gewisse Dinge zu reden. Aber ich wohne hier im Umkreis von Leverkusen, stehe mit dem Klub in Kontakt und freue mich auf das Spiel in Manchester.

In einem Interview sagten Sie, dass dem Verein eine Person wie Reiner Calmund fehle. Er hätte damals den Menschen erst den Kopf abgerissen und anschließend sachlich über die Probleme gesprochen. Hat Bayer 04 eine Führungsperson?
Das ist ein beständiges Problem des Vereins. Echte Typen, abgesehen von Calli, fehlen dem Verein seit jeher. Auch meine Generation galt als zu brav, lieb und harmoniesüchtig. Das Gesicht der Mannschaft hat sich nicht verändert und Lautsprecher sucht man vergebens. Die sportliche Qualität muss darunter ja nicht leiden. Trotzdem vermisse ich emotionale Präsenz eines Reiner Calmund, der dem Team auch mal das berüchtigte Feuer unter den HIntern hielt.

Dieses Feuer scheint mit Blick auf die Vor-Saison aber auch gar nicht notwendig gewesen sein, oder?
Aber trotzdem hat Leverkusen ein Image-Problem! In der vergangenen Champions-League-Saison hatten wir einen lokalen Medienanteil, der ein Drittel des 1. FC Köln darstellte. Die Sogwirkung dieses Zweitligisten ist hier in der Rhein-Region unwahrscheinlich groß und wird auf absehbare Zeit auch gar nicht zu ändern sein. Aber in unserem kleinen Drittel vermisse ich eben die Emotionen und das Profil. Die Medien berichten durchweg nüchtern über Bayer Leverkusen, weil die Typen fehlen.

Wie bewerten Sie hinter diesem Hintergrund die Nationalmannschafts-Absage von Stefan Kießling?
Das geht dir doch auf den Keks! Man trainiert und spielt gut, trotzdem scheint es nicht zu reichen. In Stefans Fall ist es sogar noch krasser. Er ist Torschützenkönig geworden und trifft auch zum Saisonstart wieder. Er spielt überragend.

Scheut Kießling vielleicht nur den Konkurrenzkampf?
Jeder will in der Nationalmannschaft spielen. Und jeder Stürmer will mit dem Adler auf der Brust Tore schießen, auch Stefan. Aber für ihn ist das eine nervige Situation, weil sich die Medien alleine auf das Verhältnis zwischen ihm und Joachim Löw konzentrieren. Sie fragen nach nichts anderem und suchen nach negativen Schlagzeilen. Ich kann Stefans Reaktion nachvollziehen.

Das Bild des »Ewigen Zweiten« scheint sich jedenfalls in die Köpfe der Fans eingebrannt zu haben.
Absolut. Wir sind 2002 dreimal zweiter Sieger geworden. Doch wie viele Bundesligamannschaften haben ähnliche Erfolge in den vergangenen Jahren verbuchen können? Nur ganz wenige. Diese fünf Vizemeisterschaften seit 1997 sollten uns stolz machen.

2002 rissen Sie sich im Halbfinal-Rückspiel gegen Manchester United das Kreuzband. Welche Erinnerungen haben Sie an die entscheidenden Spiele im Vize-Jahr?
Vor allem das Gefühl von Ohnmacht auf der Tribüne. Wir hatten hervorragende Leistungen gebracht, Manchester United grandios zwei Unentschieden abgerungen und standen zurecht vor der Chance das Triple zu holen. Ich könnte diese Gefühle jetzt pathetisch ausschmücken, aber ich habe schon damals versucht möglichst emotionslos die Spiele zu verfolgen.

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