Wie lange bleiben die Proteste in Brasilien, Frederico Toscano?

»Wir gehen hier nicht weg«

Die WM hat Recife verlassen, die sozialen Probleme bleiben. Aktivisten besetzen ein ganzes Viertel. Sie protestieren gegen den Bau einer Luxusstadt und wehren sich gegen die Gewalt der Polizei.

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Die Pläne klangen hoffnungsvoll. Eine Investorengruppe hatte den Zuschlag für das alte Industrieviertel am »Cais José Estelita« im Norden Recifes bekommen. Die Idee war, am einstigen Umschlagplatz für Zuckerrohr mit seinen historischen Fabrikhallen ein Wohnviertel und ein Naherholungsgebiet für alle Bewohner der Stadt zu errichten. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Entwürfe für öffentliche Parkanlagen entpuppten sich als Luftnummern, da der Investor den Maßstab fehlberechnet hatte.

Statt Sozialwohnungen waren plötzlich nur noch Luxusapartments in Planung. Die versprochene Entlastung für den überhitzten Immobilienmarkt fiel aus. Der Investor warb zwar mit dem Slogan: »Gut für Recife, gut für dich«. In Wahrheit aber träumte er von einer Luxusstadt im Stile Miamis.

Als die wahren Beweggründe der Immobilienhaie ruchbar wurden, entstand mit der Unterstützung landesweit bekannter Künstler eine Bürgerbewegung: »Ocupe Estelita«. Mitten in der Regenzeit begannen die Protestler mit viel Unterstützung aus der Bevölkerung in Zelten den Stadtteil zu besetzen. Ein klares Zeichen an Politik und Geldgeber, dass die Öffentlichkeit nicht bereit ist, die Irreführung tatenlos hinzunehmen.

Am Tag nach dem WM-Eröffnungsspiel versuchte eine Spezialeinheit der Polizei, die Besetzer mit Tränengas und Schlagstöcken aus dem Viertel zu vertreiben. Doch die Protestler halten aus. Wir sprachen mit einem Mitglied von »Ocupe Estelita«, dem Englischlehrer Frederico Toscano.

Frederico Toscano, verfolgen die Besetzer im »Ocupe Estelita«-Camp die WM?
Wir sind eine Gruppe mit horizontalen Hierarchien, jedes Mitglied hat eigene Interessen, wozu natürlich auch der Fußball gehört. Folglich verfolgen auch etliche das Turnier.

Gibt es eine einheitliche Haltung in der Gruppe, was die WM betrifft?
Es gibt zumindest einen Konsens, was den negativen Einfluss betrifft, den das Turnier auf die brasilianische Gesellschaft ausübt. Viele sind sehr unzufrieden über die Art, wie mit öffentlichen Geldern umgegangen wurde. Sie wurden für das Event und die Stadien ausgegeben, während viele am Existenzminimum leben und es am Nötigsten fehlt.

Wie viele Menschen halten den Bereich am »Cais José Estelita« gegenwärtig besetzt?
Bis die Polizei versucht hat, das Camp zu zerschlagen, waren etwa 200 Leute hier. An den Wochenenden mitunter auch zehnmal so viele, weil regelmäßig Konzerte stattfanden. Am neuen Standort leben aktuell rund 50 Menschen in Zelten, aber wir hoffen, dass sich die Zahl bald erhöht, da der »Komfort« hier etwas besser ist. Ein Teil der Protestler ist vor einigen Tagen vors Rathaus gezogen, um nochmals Druck auf die Politik auszuüben, dass die Aktivisten mehr als nur geduldet werden.

Wie haben Sie es trotz Polizeigewalt geschafft, das Gelände besetzt zu halten?
Nach rund zwanzig Tagen einer friedlichen Besetzung ohne polizeiliche Beeinträchtigung kam es zu einer unerwarteten, brutalen Zwangsvertreibung, obwohl wir uns in Verhandlungen mit den Behörden befanden. Die Besetzer hat das ziemlich geschockt. Doch viele Leute kamen dazu, damit wir nicht vom Kai verdrängt wurden. Den ganzen Tag über bis zum Sonnenuntergang attackierte uns die Polizei ohne vorherige Warnung, wir wurden mit Tränengas, Schlägen und Plastikgeschossen malträtiert. Am Ende haben wir uns unweit der Stelle etwas außerhalb des Kais in einem neuen Lager niedergelassen.Wie viele Verletzte gab es?
Konkrete Zahlen habe ich nicht, aber ich gehe von rund 15 Personen aus, die nach den Auseinandersetzungen medizinische Versorgung brauchten. Langzeitverletzte hatten wir nicht zu verzeichnen. Darüber hinaus wurden rund 30 Personen festgenommen.

Unter welchen Umständen leben die Leute im Camp?
Sie leben in Zelten, bekommen aber viel Unterstützung durch die Bevölkerung. Essen wird vorbeigebracht, eine mobile Küche ist installiert worden. Einige bieten an, den Protestlern die Klamotten zu waschen. Am neuen Standort haben wird auch Strom- und Wasseranschluss. Internet bekommen wir über das Mobilnetz.

Am Tag als die deutsche Elf in Recife gegen die USA spielte, hatte es fast zwei Tage lang ohne Unterbrechung geregnet. An vielen Orten kam es zu Überschwemmungen. Wie müssen wir uns in dieser Phase die Zustände im Camp vorstellen?
Sehr schwierig. Recife ist auch außerhalb der Regenzeit eine Stadt mit vielen infrastrukturellen Problemen, aber im Winter kommt der öffentliche Transport regelmäßig zum Erliegen. Kurz: Wenn es stark regnet, bleibt man in Recife besser zu Hause. Es gab also in diesen Tagen entsprechend weniger Unterstützung, wenig zu essen und es wurde auch gefährlicher für die Protestler, weil ihre Zahl vorübergehend sank und der Stadtteil nach wie vor nicht besonders sicher ist.

Wie würden Sie die öffentliche Unterstützung bewerten?
Wir sind positiv überrascht, wie viel Support wir bekommen. Leider hält sich die lokale Presse mit der Berichterstattung sehr zurück, weil die Baugesellschaften zu ihren größten Werbekunden zählen. Zunächst haben sie uns komplett ignoriert, dann haben sie versucht, uns in die kriminelle Ecke zu stellen. Aber je mehr Informationen sie über unsere Beweggründe bekommen, desto offener werden sie.

Gibt es aus Ihrer Sicht eine Verbindung zwischen dem Verkauf des Stadtviertels und der Vergabe der WM nach Brasilien?
Nein, die Bewerbung zur WM wurde in den Neunzigern abgegeben, seitdem haben wir verschiedene Regierungen gehabt, die unterschiedlich mit diesem Ereignis verfahren sind. Der Verkauf des »Cais Jose Estelita« ist hingegen völlig undurchschaubar. Beiden Fällen gemein ist jedoch, dass sie zeigen, wie groß die Skepsis in der brasilianischen Gesellschaft ist, was die Integrität von »Partnerschaften« zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor betrifft. In beiden Fällen resultierten die Konflikte aus einem Mangel an Transparenz und Berechenbarkeit der Regierung. Kurz: Niemand glaubt mehr an positive Folgen für die Gesellschaft, wenn Politik und private Investoren kooperieren.

Was glauben Sie, wie lange werden die Protestler noch ausharren?
So lange, wie es notwendig ist, um den öffentlichen Druck auf die Stadtväter derart zu erhöhen, dass die Baupläne zugunsten einer Nutzung für die breitere Öffentlichkeit geändert werden - so wie es ursprünglich angedacht war. Wir wollen einen Stadtbezirk von Bürgern für Bürger, der im Sinne der Gemeinschaft entsteht, der Umweltaspekte und die Lebensqualität der Bewohner Recifes unabhängig von Herkunft, Klasse oder Einkommen berücksichtigt.

Glauben Sie, dass die politischen Diskussionen über Korruption und schlechte Lebensumstände langfristig einen Effekt auf Ihr Land haben?
Das ist schwer vorauszusagen. Allerdings haben wir einige positive Veränderungen im letzten Jahr erlebt, wenn auch mit unterschiedlichen Ausprägungen.

Wie lange werden Sie noch ausharren?
Im Moment ist alles möglich. Wir gehen hier nicht weg, ganz egal, ob es noch Wochen oder Monate dauert.

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