10.07.2014

Wie lange bleiben die Proteste in Brasilien, Frederico Toscano?

»Wir gehen hier nicht weg«

Die WM hat Recife verlassen, die sozialen Probleme bleiben. Aktivisten besetzen ein ganzes Viertel. Sie protestieren gegen den Bau einer Luxusstadt und wehren sich gegen die Gewalt der Polizei.

Interview: Tim Jürgens Bild: imago

Die Pläne klangen hoffnungsvoll. Eine Investorengruppe hatte den Zuschlag für das alte Industrieviertel am »Cais José Estelita« im Norden Recifes bekommen. Die Idee war, am einstigen Umschlagplatz für Zuckerrohr mit seinen historischen Fabrikhallen ein Wohnviertel und ein Naherholungsgebiet für alle Bewohner der Stadt zu errichten. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Entwürfe für öffentliche Parkanlagen entpuppten sich als Luftnummern, da der Investor den Maßstab fehlberechnet hatte.

Statt Sozialwohnungen waren plötzlich nur noch Luxusapartments in Planung. Die versprochene Entlastung für den überhitzten Immobilienmarkt fiel aus. Der Investor warb zwar mit dem Slogan: »Gut für Recife, gut für dich«. In Wahrheit aber träumte er von einer Luxusstadt im Stile Miamis.

Als die wahren Beweggründe der Immobilienhaie ruchbar wurden, entstand mit der Unterstützung landesweit bekannter Künstler eine Bürgerbewegung: »Ocupe Estelita«. Mitten in der Regenzeit begannen die Protestler mit viel Unterstützung aus der Bevölkerung in Zelten den Stadtteil zu besetzen. Ein klares Zeichen an Politik und Geldgeber, dass die Öffentlichkeit nicht bereit ist, die Irreführung tatenlos hinzunehmen.

Am Tag nach dem WM-Eröffnungsspiel versuchte eine Spezialeinheit der Polizei, die Besetzer mit Tränengas und Schlagstöcken aus dem Viertel zu vertreiben. Doch die Protestler halten aus. Wir sprachen mit einem Mitglied von »Ocupe Estelita«, dem Englischlehrer Frederico Toscano.

Frederico Toscano, verfolgen die Besetzer im »Ocupe Estelita«-Camp die WM?
Wir sind eine Gruppe mit horizontalen Hierarchien, jedes Mitglied hat eigene Interessen, wozu natürlich auch der Fußball gehört. Folglich verfolgen auch etliche das Turnier.

Gibt es eine einheitliche Haltung in der Gruppe, was die WM betrifft?
Es gibt zumindest einen Konsens, was den negativen Einfluss betrifft, den das Turnier auf die brasilianische Gesellschaft ausübt. Viele sind sehr unzufrieden über die Art, wie mit öffentlichen Geldern umgegangen wurde. Sie wurden für das Event und die Stadien ausgegeben, während viele am Existenzminimum leben und es am Nötigsten fehlt.

Wie viele Menschen halten den Bereich am »Cais José Estelita« gegenwärtig besetzt?
Bis die Polizei versucht hat, das Camp zu zerschlagen, waren etwa 200 Leute hier. An den Wochenenden mitunter auch zehnmal so viele, weil regelmäßig Konzerte stattfanden. Am neuen Standort leben aktuell rund 50 Menschen in Zelten, aber wir hoffen, dass sich die Zahl bald erhöht, da der »Komfort« hier etwas besser ist. Ein Teil der Protestler ist vor einigen Tagen vors Rathaus gezogen, um nochmals Druck auf die Politik auszuüben, dass die Aktivisten mehr als nur geduldet werden.

Wie haben Sie es trotz Polizeigewalt geschafft, das Gelände besetzt zu halten?
Nach rund zwanzig Tagen einer friedlichen Besetzung ohne polizeiliche Beeinträchtigung kam es zu einer unerwarteten, brutalen Zwangsvertreibung, obwohl wir uns in Verhandlungen mit den Behörden befanden. Die Besetzer hat das ziemlich geschockt. Doch viele Leute kamen dazu, damit wir nicht vom Kai verdrängt wurden. Den ganzen Tag über bis zum Sonnenuntergang attackierte uns die Polizei ohne vorherige Warnung, wir wurden mit Tränengas, Schlägen und Plastikgeschossen malträtiert. Am Ende haben wir uns unweit der Stelle etwas außerhalb des Kais in einem neuen Lager niedergelassen.

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