Wie Hotspur-Fans gegen den Stadionumzug protestieren

Tim Framp: »Der Sargnagel für Tottenham Hotspur«

Die Fan-Initiative »We are N17« möchte verhindern, dass Tottenham Hotspur Nachmieter für das Londoner Olympiastadion wird. Wir sprachen mit N17-Mitglied Tim Framp über einen Verein, der droht, seine Seele zu verlieren. Wie Hotspur-Fans gegen den Stadionumzug protestieren

Tim Framp, warum ist West Ham United der bessere Nachmieter für das Londoner Olympiastadion als Ihr Verein Tottenham Hotspur?

Tim Framp: Weil West Ham das olympische Erbe erhält. Paris zum Beispiel hatte eine großartige Bewerbung, aber London hat den Zuschlag bekommen, weil wir versprochen haben, das Erbe der Athleten zu bewahren. Das tut das Angebot von Tottenham allerdings nicht.

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Tottenhams Angebot und die Pläne, das Stadion gleich wieder abzureißen, widersprechen also dem olympischen Gedanken, dem London 2012 sich verpflichtet hat?


Tim Framp: Genau. Man hat 500 Millionen Pfund ausgegeben, um dieses Stadion zu bauen. Eine Menge Geld. Und dann soll das Stadion abgerissen und für eine gigantische Summe ein neues gebaut werden. Die »Olympic Parc Legacy Company« in Stratford will unbedingt verhindern, dass da nach den Spielen ein teures Stadion herumsteht, was nicht anständig genutzt wird. Das kann ich nachvollziehen. Aber es kann doch nicht der richtige Weg sein, das Stadion einfach abzureißen, nur um zu verhindern, dass das alte ein teurer Klotz am Bein der Stadt wird. Das wäre eine monströse Geldverschwendung. Aber es besteht offensichtlich die Annahme, dass Tottenham am ehesten eine angemessene Nachnutzung gewährleisten könnte.

Was ist mit dem Neubau der »White Hart Lane«? Der wurde in der letzten Woche bewilligt.


Tim Framp: Die Planungen sind abgeschlossen und alles ist unterschrieben. Drei Jahre lang hat der Verein erzählt, dass ein Stadionneubau in unserem Stadtteil das Ziel ist. Und plötzlich haben sie ihre Meinung geändert. Eine Menge Fans sind sehr enttäuscht darüber. Es gibt keine nachvollziehbaren Gründe gegen einen Neubau in der direkten Nachbarschaft.

Es heißt, mit einem Umzug nach Stratford würden die »Spurs« eine Menge Geld sparen. Geht es nur um finanzielle Vorteile?

Tim Framp: Ganz sicher. Es brächte dem Verein vor allem deswegen finanzielle Vorteile, weil »AEG« in Stratford mit den Spurs zusammenarbeiten will, was sie in Tottenham nicht tun würden. Diese Firma betreibt den Londoner »Millenium Dome« und will auch im neuen Olympiastadion Konzerte und andere Events veranstalten, um viel Geld zu verdienen. Ein Fußballspiel wäre nur noch ein Event unter vielen. Es geht aber auch darum, wie diese Zahlen präsentiert wurden. Sie wurden manipuliert und so gedreht, dass sie das Vorhaben des Vereins sinnvoll erscheinen lassen. Es hieß, der Neubau Stratford koste 250 Millionen und wäre damit 200 Millionen billiger als ein Bau in Tottenham.

Eine gewaltige Differenz.

Der Hauptgrund dafür ist, dass sie hier nicht nur ein Stadion, sondern auch Häuser, ein Hotel und einen Supermarkt bauen würden. Das Stadion an sich würde den Verein nicht mehr kosten als eines in Stratford. Dort erhoffen sie sich aber, dass es mehr Profit abwirft. Hier wurden Zahlen veröffentlicht, die nicht miteinander vergleichbar sind.

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Diese Irreführung ist aber nicht der Hauptgrund dafür, dass die Fans ein großes Problem mit den Umzug nach Ost-London haben.

Tim Framp: Ein Beispiel: Das neue Stadion der Bayern hätte überall in München gebaut werden können, weil dieser Verein die Stadt als Ganzes repräsentiert. Tottenham aber repräsentiert nicht London, sondern nur einen kleinen Teil der Stadt. Mit einem Umzug trennt man den Klub von den Menschen des Stadtteils, den er repräsentiert. Die Leute, die in den Londoner Osten umziehen wollen, leugnen die Wurzeln des Klubs.

Ein Albtraum.

Tim Framp: Für mich wäre es genau das, es würde den Fußball verändern. Es gibt einen Haufen Gründe, warum ich Tottenham-Fan bin. Dass der Klub jetzt bereit ist, die Geschichte des Klubs aufzugeben, macht es sehr schwer für mich, »Spurs«-Fan zu bleiben. Ein Umzug würde viel in meinem Leben verändern und darüber hinaus wäre es der letzte Nagel in den Sarg des Klubs. Der Verein, mit dem man sich identifiziert hat, wäre plötzlich komplett ausgelöscht. Es ist doch so: Klubbesitzer oder oder -Vorsitzende und deren Ideen kommen und gehen, ein echter Fan bleibst du ein Leben lang. Nicht einmal mehrere Abstiege könnten meine Liebe zu Tottenham erschüttern. Der Verkauf unserer Seele allerdings schon. 



Um das zu verhindern, habt ihr die Initiative »We are N17« ins Leben gerufen. Was sind eure Ziele?


Tim Framp: Bei uns geht es ausschließlich um dieses Thema. Wir speisen uns aus dem Fanclub »Tottenham Hotspur Supporters Trust«, der ungefähr 600 Mitglieder hat. Es läuft eine Petition gegen diesen Umzug, im Zuge dessen wir schon fast 10.000 Unterschriften gesammelt haben. Wenn man bedenkt, dass nicht jeder Fan, der diese Meinung vertritt, unsere Petition unterschreibt, dann glauben wir, einen Großteil der Tottenham-Fans repräsentieren.

Zuletzt gab es beim Spiel gegen Manchester United vor und während des Spiels einen organisierten Protest unter dem Motto »Say no to Stratford, north London is us«.


Tim Framp: Es gab einen Protestzug vor dem Spiel und während des Spiels wurden Banner entrollt. Wir waren sichtbar. Unüberhörbar waren die immer wieder angestimmten Sprechchöre, die der Großteil des Stadions supportete. Offensichtlich exisitiert eine große Unterstützung für unser Ansinnen.

Ist all das auch eine Reaktion auf das Verhalten von »Spurs«-Präsident Daniel Levy? Der hatte vor der kurzfristigen Bekanntgabe der Bewerbung um die Nachnutzung im Oktober keine Veranlassung gesehen, die Fans von seiner Idee in Kenntnis zu setzen.

Tim Framp: Abslout. Die Fans waren sauer, dass der Verein sie nicht gefragt hat, wie sie über einen Umzug ins Olympiastadion denken. Levy ging einfach davon aus, dass ein Umzug für uns in Ordnung wäre. Es ist eine Schande, wie diejenigen, denen der Verein am Herzen liegt, einfach übergangen wurden. Aber eins sollte nicht unerwähnt bleiben: Vorher hat Levy einen guten Job gemacht und Leute wie Luca Modric, Rafael van der Vaart und den fantastischen Trainer Harry Redknapp geholt hat. Zwar hat er auch einige Fehler begangen, aber bisher immer daraus gelernt. Der Umzug nach Stratford wäre ein Riesenfehler, doch er hätte keine Möglichkeit mehr, daraus zu lernen, weil das Ende dieses Vereins bedeuten würde. 

Hat sich Levys Kommunikationsverhalten in den letzten Wochen geändert?

Tim Framp: Vor zehn Tagen hat er ein Statement auf der Vereins-Homepage platzieren lassen und am Dienstag ein Interview mit einem lokalen Fernsehsender gegeben. Diese beiden Statements waren das erste, was wir von Daniel Levy zum Thema Umzug hörten. Nochmal: Vieles von dem, was der Verein öffentlich macht, ist manipuliert. Der Verein hat sogar die lokale Verwaltung in die Enge getrieben, in dem er ihr unterstellte, sie wolle keinen Neubau in Tottenham. Das war eine weitere Lüge. Sie scheinen vor wenig zurückzuschrecken, um ihr Ziel zu erreichen.

Gibt überhaupt Hoffnung, dass der Verein einen Rückzieher von seinen Plänen macht?

Tim Framp: Das glaube ich nicht. Jetzt muss die Politik entscheiden, wer das Olympiastadion bekommt. Tottenham, West Ham oder keiner von beiden. Wenn Tottenham den Zuschlag bekommt, dann gibt es kein Zurück mehr. Wir alle hoffen, dass es nicht so weit kommt.

Warum wurde die Entscheidung vertagt? Ursprünglich hätte sie an diesem Freitag fallen sollen.

Tim Framp: Offensichtlich hat es sich zu einem sehr wichtigen Thema entwickelt. Die Presse beintensiv darüber berichtet. Was zunächst als Formalität angesehen wurde, ist nun politisch komplizierter geworden. In London gibt es Gerüchte, dass West Ham der Favorit ist. Sie sollen Zeit bekommen, zu beweisen, dass sie einen Umzug finanziell stemmen können. Gerüchte ändern sich aber auch schnell. In zwei Wochen könnten längst andere im Umlauf sein.

West Ham hat im Moment genug damit zu tun, in der Premier League zu bleiben Wie sehen deren Fans einen Umzug?

Tim Framp: Das ist ebenso schwierig. Sie müssten Fußball in einem Stadion mit Laufbahn schauen. Das kann sich keiner vorstellen. Aber es gibt mehr West Ham-Fans, die Pro Umzug sind als Tottenham-Fans. Sie wollen in ein größeres Stadion.

Das heißt, dass Tottenham-Fans jetzt West Ham unterstützen müssen, damit es wahrscheinlicher ist, dass die Hammers ins Olympiastadion ziehen?

Tim Framp: Komisch, oder? Jetzt müssen wir ihnen für den Rest der Saison die Daumen drücken, dass sie nicht absteigen. Unser größter Rivale ist zwar Arsenal, aber zwischen Tottenham und West Ham gibt es auch keine innige Liebe. Normalerweise findest du keinen Tottenham-Fan, der West Ham gewinnen sehen will.

Zieht ihr eine Neugründung nach dem Vorbild des FC United of Manchester in Betracht?


Tim Framp: Der Gedanke kommt nicht aus unserer Gruppe »We are N17«. Ich glaube, diese Form der Abspaltung wäre ein mögliches Szenario, wenn der Worst Case eintritt. Ich persönlich wäre dafür. 

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