Wie haben Sie die Hölle von Istanbul überlebt, Reiner Hollmann?

»Sie wollten Cruyff – und dann kam ich«

Im November 1993 schaltete Galatasaray in der Champions League das Starensemble von Manchester United aus. In England firmiert das Spiel seitdem unter dem Namen »Trip in die Hölle«. Reiner Hollmann, damals Galatasaray-Trainer, kann das verstehen. Ein Gespräch über die Leidenschaft der türkischen Fans und die Angst vor der Derbyniederlage.

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Reiner Hollmann, haben Sie die Bilder von Wesley Sneijders Ankunft in Istanbul gesehen?
Wahnsinn, oder? Die Menschen sind ausgeflippt. Es ist ein bisschen wie damals. 1993 war es allerdings noch extremer.
 
Sie waren damals Trainer von Galatasaray und sind in der zweiten Champions-League-Runde auf Manchester United getroffen. Mit einem Erfolg war nicht zu rechnen, oder?
Absolut nicht, schließlich bot Manchester United ein regelrechtes Starensemble auf. Da spielten Eric Cantona, Ryan Giggs, Paul Ince neben Roy Keane und Bryan Robson. Im Tor stand Peter Schmeichel. Wer waren wir schon? Wir hatten uns gerade gegen Cork City mit Ach und und Krach in die zweite Runde gemüht.
 
Im Old Trafford lief zunächst alles, wie man es erwarten konnte...
...die Engländer gingen nach dreizehn Minuten mit 2:0 in Führung. Doch wir kamen sensationell zurück. Arif Erdem und Kubilay Türkyilmaz egalisierten noch vor der Pause. Türkyilmaz machte in der 60. Minute sogar das 3:2 für uns. Schließlich glich Eric Cantona kurz vor Schluss noch aus. Trotzdem: Ein Wahnsinnsspiel!
 
Wie empfing man Sie in Istanbul? Als Volksheld?
Die Ankunft verlief vergleichsweise ruhig. Es war ja noch nichts in trockenenen Tüchern. Wirklich ausgerastet sind die Fans erst vor dem Rückspiel.
 
Zigtausende Galatasaray-Anhänger warteten bei der Ankunft der United-Spieler am Flughafen. Sie trommelten gegen den Bus, zogen sich die Finger über die Kehle und schrien: »Welcome to Hell!« Was haben Sie davon mitbekommen?
Für die Engländer muss das wirklich gespenstisch gewesen sein, und ich kann verstehen, dass sie sich darüber empörten. Ich habe davon aber außer ein paar Fernsehbildern kaum was mitbekommen. Besser erinnere ich mich an unsere Fans im Stadion. Die standen zu Tausenden bereits morgens vor den Toren. Um 9 Uhr wurden sie hereingelassen, um 10 Uhr war das Stadion voll.
 
Wann war Anpfiff?
Ganz regulär, um 21:45 Uhr. Die Fans haben 14 Stunden lang durchgesungen. Ich war ja bei vielen Klubs, aber in keiner Fanszene, nicht mal bei Al-Ahly in Ägypten habe ich etwas Vergleichbares erlebt.
 
Weil das Rückspiel im Ali-Sami-Yen-Stadion 0:0 endete, kam Galatasaray dank der Auswärtstore eine Runde weiter. Für den Klub war es der bis dato größte Erfolg der Vereinsgeschichte, für die Engländer eine Nacht in der Hölle. Bekamen Sie mit, was nach dem Abpfiff passierte?
Ich weiß, dass ein Polizist Eric Cantona die Treppe heruntergeschubst haben soll und die Fans auf den Platz liefen und die Spieler belagerten. Für uns ging alles sehr schnell. Wir rannten in die Kabine, und ich war erstmal froh, dass ich in Sicherheit war. Später habe ich zu den Geschehnissen viele Aussagen gehört, viele widersprechen sich allerdings. Was stimmt, was Übertreibung ist, kann ich nicht sagen.
 
Wie erklären Sie sich den Fanatismus der türkischen Fußballfans?
Oft heißt es: Die Leute haben nur den Fußball, und sie müssten sich deswegen emotional ausleben. Diese These finde ich viel zu einfach, schließlich hat Istanbul so unglaublich viele Möglichkeiten. Die Stadt pulsiert an allen Ecken und Ende, es gibt überall Angebote, wie du dein Leben und deinen Alltag gestalten kannst – auch fernab des Fußballs.
 
Was ist dann der Grund?
Schwer zu sagen. Ich kann auch nur beschreiben, wie ich es erlebt habe. Fakt ist, dass die Türken den Fußball anders lieben als wir. Diese Liebe kommt eher vom Herzen. Wo haben Sie es in den neunziger Jahren erlebt, dass ein ganzes Stadion 90 Minuten lang singt? Wo erleben Sie es, dass man nach Spielen – egal ob Niederlage oder Sieg – mit Begleitschutz aus dem Stadion chauffiert werden muss?  

Wie sind Sie nach dem Spiel gegen Manchester United aus dem Stadion gekommen?
Das war nicht einfach. Es sind nämlich nicht nur im Stadion alle Dämme gebrochen. Mit einem Mal war die ganze Stadt auf den Beinen. Überall bengalische Feuer, überall singende Menschen. Ich wollte eigentlich nur nach Hause, doch die Straßen waren dicht. Es ging nicht vor und nicht zurück. Irgendwann um 4 Uhr kam ich endlich heim.
 
Was hat die Presse am nächsten Tag geschrieben?
An den Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber Sie wissen ja wie das in der Türkei ist: Wenn du gewinnst, bist du der König der Welt, wenn du verlierst, dann wirst du durch die Stadt getrieben.
 
Mit Galatasaray haben Sie in jener Saison 1:2 gegen Fenerbahce verloren. Wurden Sie bedroht?
Wie man es nimmt. Am nächsten Tag erschien ein Fan auf dem Trainingsgelände. Plötzlich zog er eine Pistole, schoss einmal in die Luft und einmal in den Boden. Alle Spieler schmissen sich zu Boden. Kurze Zeit später kam die Polizei, riegelte das Gelände ab und nahm den Mann fest.
 
Und Sie?
Tja, was sollte ich machen? Das ist da eben so. Die Leute sind verrückt, wenn es um Fußball geht. Die meisten sind positiv verrückt, aber es gibt eben auch Ausnahmen.
 
Sie haben also nie Angst um Ihre Gesundheit gehabt?
Nicht wirklich. Nur einmal war ich verdutzt. Vor dem ersten Derby hat mich mein Co-Trainer Ahmet Acan gefragt, ob ich meinen Kühlschrank ausreichend gefüllt habe.
 
Warum?
Das fragte ich ihn auch. Er sagte daraufhin, dass man diese Frage jedem ausländischen Trainer vor dem ersten Derby stellen muss. Schließlich müsse der sich auf den Fall einer Niederlage vorbereiten. Nach dieser könne man als Spieler oder Trainer vier oder fünf Tage nicht aus dem Haus gehen könne, weil überall Fans warteten und eine Erklärung für die Niederlage verlangten.
 
Sie haben mit Galatasaray den Supercup und die Meisterschaft gewonnen. Außerdem erreichte die Mannschaft das Champions-League-Viertelfinale. Wieso wurden Sie eigentlich nach der Saison entlassen?
Ich wurde nicht entlassen, der Vertrag ist nicht verlängert worden.
 
Hatten Sie einen zu unbekannten Namen?
Vermutlich. Die Fans, der Vorstand, die Sponsoren, alle dürsteten nach dem Weggang von Karl-Heinz Feldkamp nach einem großen Namen. Sie wollten Franz Beckenbauer oder Johan Cruyff – und dann kam ich, der ehemalige Co-Trainer. Aber was soll’s?! Wenn ich heute nach Istanbul reise, kennen mich die Leute noch. Sie rufen: »Da ist der Reiner von Galatasaray!« Ist doch schön.

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Die Geschichte »Willkommen in der Hölle – Unterwegs mit den Ultras von Galatasaray« lest ihr in der aktuellen 11FREUNDE-Ausgabe. Ab Donnerstag im Handel.

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