20.02.2013

Wie haben Sie die Hölle von Istanbul überlebt, Reiner Hollmann?

»Sie wollten Cruyff – und dann kam ich«

Im November 1993 schaltete Galatasaray in der Champions League das Starensemble von Manchester United aus. In England firmiert das Spiel seitdem unter dem Namen »Trip in die Hölle«. Reiner Hollmann, damals Galatasaray-Trainer, kann das verstehen. Ein Gespräch über die Leidenschaft der türkischen Fans und die Angst vor der Derbyniederlage.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Reiner Hollmann, haben Sie die Bilder von Wesley Sneijders Ankunft in Istanbul gesehen?
Wahnsinn, oder? Die Menschen sind ausgeflippt. Es ist ein bisschen wie damals. 1993 war es allerdings noch extremer.
 
Sie waren damals Trainer von Galatasaray und sind in der zweiten Champions-League-Runde auf Manchester United getroffen. Mit einem Erfolg war nicht zu rechnen, oder?
Absolut nicht, schließlich bot Manchester United ein regelrechtes Starensemble auf. Da spielten Eric Cantona, Ryan Giggs, Paul Ince neben Roy Keane und Bryan Robson. Im Tor stand Peter Schmeichel. Wer waren wir schon? Wir hatten uns gerade gegen Cork City mit Ach und und Krach in die zweite Runde gemüht.
 
Im Old Trafford lief zunächst alles, wie man es erwarten konnte...
...die Engländer gingen nach dreizehn Minuten mit 2:0 in Führung. Doch wir kamen sensationell zurück. Arif Erdem und Kubilay Türkyilmaz egalisierten noch vor der Pause. Türkyilmaz machte in der 60. Minute sogar das 3:2 für uns. Schließlich glich Eric Cantona kurz vor Schluss noch aus. Trotzdem: Ein Wahnsinnsspiel!
 
Wie empfing man Sie in Istanbul? Als Volksheld?
Die Ankunft verlief vergleichsweise ruhig. Es war ja noch nichts in trockenenen Tüchern. Wirklich ausgerastet sind die Fans erst vor dem Rückspiel.
 
Zigtausende Galatasaray-Anhänger warteten bei der Ankunft der United-Spieler am Flughafen. Sie trommelten gegen den Bus, zogen sich die Finger über die Kehle und schrien: »Welcome to Hell!« Was haben Sie davon mitbekommen?
Für die Engländer muss das wirklich gespenstisch gewesen sein, und ich kann verstehen, dass sie sich darüber empörten. Ich habe davon aber außer ein paar Fernsehbildern kaum was mitbekommen. Besser erinnere ich mich an unsere Fans im Stadion. Die standen zu Tausenden bereits morgens vor den Toren. Um 9 Uhr wurden sie hereingelassen, um 10 Uhr war das Stadion voll.
 
Wann war Anpfiff?
Ganz regulär, um 21:45 Uhr. Die Fans haben 14 Stunden lang durchgesungen. Ich war ja bei vielen Klubs, aber in keiner Fanszene, nicht mal bei Al-Ahly in Ägypten habe ich etwas Vergleichbares erlebt.
 
Weil das Rückspiel im Ali-Sami-Yen-Stadion 0:0 endete, kam Galatasaray dank der Auswärtstore eine Runde weiter. Für den Klub war es der bis dato größte Erfolg der Vereinsgeschichte, für die Engländer eine Nacht in der Hölle. Bekamen Sie mit, was nach dem Abpfiff passierte?
Ich weiß, dass ein Polizist Eric Cantona die Treppe heruntergeschubst haben soll und die Fans auf den Platz liefen und die Spieler belagerten. Für uns ging alles sehr schnell. Wir rannten in die Kabine, und ich war erstmal froh, dass ich in Sicherheit war. Später habe ich zu den Geschehnissen viele Aussagen gehört, viele widersprechen sich allerdings. Was stimmt, was Übertreibung ist, kann ich nicht sagen.
 
Wie erklären Sie sich den Fanatismus der türkischen Fußballfans?
Oft heißt es: Die Leute haben nur den Fußball, und sie müssten sich deswegen emotional ausleben. Diese These finde ich viel zu einfach, schließlich hat Istanbul so unglaublich viele Möglichkeiten. Die Stadt pulsiert an allen Ecken und Ende, es gibt überall Angebote, wie du dein Leben und deinen Alltag gestalten kannst – auch fernab des Fußballs.
 
Was ist dann der Grund?
Schwer zu sagen. Ich kann auch nur beschreiben, wie ich es erlebt habe. Fakt ist, dass die Türken den Fußball anders lieben als wir. Diese Liebe kommt eher vom Herzen. Wo haben Sie es in den neunziger Jahren erlebt, dass ein ganzes Stadion 90 Minuten lang singt? Wo erleben Sie es, dass man nach Spielen – egal ob Niederlage oder Sieg – mit Begleitschutz aus dem Stadion chauffiert werden muss?  

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