Wie geht es Thorsten Stuckmann in der englischen League One?

»Sie nennen mich Groß Zensiert Deutsch«

Momentan spielen über 35 Deutsche in England. Die Premier-League-Stars kennt jeder. Doch was ist mit Kevin Hamann, Fabian Spiess und Timmy Thiele? Oder mit Thorsten Stuckmann?

David Oates
Heft: #
172

Özil, Huth, Schweinsteiger – die Deutschen in der Premier League kennt jeder. Für unsere neue Ausgabe haben die Deutschen besucht, die in den englischen Lower Leagues spielen. Dabei trafen wir auch den ehemaligen Braunschweig- und Aachen-Torwart Thorsten Stuckmann, der mittlerweile in Doncaster aktiv ist. Die komplette Geschichte lest ihr in 11FREUNDE #172. Jetzt am Kiosk, bei uns im Shop, im App-Store oder im Google-Play-Store.

Thorsten Stuckmann, englische Fußballfans geben ihren Spielern gerne Spitznamen. Wie ist Ihrer?

In Preston hatte ich keinen, dafür in Doncaster, wo ich seit Sommer 2015 spiele. Dort heiße ich »Groß Zensiert Deutsch«.
 
Wie bitte?
Die Sache begann beim ersten Heimspiel der Saison gegen den FC Bury. Die Fans hängten damals ein Banner an ihren Block, auf dem stand: »Big Fucking German«. Wie bei Per Mertesacker. Ich fand das cool. Die Ordner entfernten das Banner allerdings, sie fanden die Sprache unflätig. Am folgenden Spieltag hatten die Anhänger daher ein neues Banner dabei. Nun war da zu lesen: »Groß Verdammt Deutsch«.
 
Sie hatten die Wörter per Google-Translator übersetzt?
Offenbar. Aber auch das war den Ordnern zu krass. Erst als die Fans einen dritten Entwurf präsentierten, hatte niemand mehr was einzuwenden. Und der lautete eben: »Groß Zensiert Deutsch«. (Lacht.)
 
Sie haben über 300 Zweit- und Drittligaspiele für Alemannia Aachen oder Eintracht Braunschweig bestritten. Wie sind Sie in England gelandet?
Ende 2010 zog ich mir einen Mittelfußbruch zu, und als ich im Januar 2011 wieder zur Mannschaft stieß, hatte ich meinen Stammplatz verloren. Weil der Vertrag mit Aachen im Sommer eh auslief, schaute ich mich nach Alternativen um. Ich machte Probetrainings bei Swansea, Preston oder Leeds, wo man mir zwar gute Leistungen attestierte, die Verträge aber nicht zustande kamen.
 
Sie hatten auch ein Angebot aus Kreta. Klingt nach traumhaften Bedingungen: Erstligafußball, Sonne, Meer.
Aber die Verhandlungen verliefen etwas seltsam, außerdem hatte gerade erst die Eurokrise begonnen. Meiner Frau und mir war das Paket zu heikel, zumal unser Sohn gerade erst drei Monate alt war. Wir wollten etwas Sicheres. Und England war immer schon ein Traum.
 
Viele Spieler sagen das. Dabei gilt etwa Englands Fankultur als tot.
Das mag stimmen. Ich sehe auch einige Dinge kritisch. Etwa die Eintrittspreise. Neulich wollten meine Frau und ich ein Spiel in Leeds gucken, wir hätten 46 Pfund pro Ticket zahlen müssen – für ein Zweitligaspiel. Und auch hier in Doncaster zahlt ein Fan um die 20 Pfund. Die Leute können es kaum glauben, wenn ich ihnen erzähle, dass man in Dortmund Stehplatztickets für weniger als 15 Euro bekommt. Für viele Engländer ist Deutschland daher nun der neue Sehnsuchtsort. Sie zahlen mit Flug und Eintrittskarte oft weniger als für ein Spiel im Emirates.
 
Warum wollen trotzdem so viele Profis nach England? Geht’s am Ende doch nur ums Geld?
Ich kann nur für mich sprechen. Ich wusste immer: Wenn ich ins Ausland gehe, dann nur nach England. Zum einen ist da dieser Mythos des Mutterlands. Außerdem sagt man, das Spiel sei körperbetonter, etwas härter. Da ich fast zwei Meter groß bin, dachte ich, dass ich ganz gut nach England passe.
 
Bevor Sie auf die Insel wechselten, waren Sie einige Monate arbeitslos. Was haben Sie gemacht?
Ich habe mich im VDV-Camp (Vereinigung der Vertragsfußballspieler, d. Red.) und in der zweiten Mannschaft des SV Werder Bremen fitgehalten. Im Herbst 2011 kam erneut ein Anruf aus Preston. Der Klub wollte wissen, ob ich noch verfügbar sei und wann ich in da sein könnte. Ich fuhr sofort nach Hause, packte meine Sachen und am nächsten Dienstag stand ich erstmals auf dem Platz.
 
Sie feierten einen sensationellen Einstand.
Wir spielten im Pokal gegen Rochdale, und es ging ins Elfmeterschießen. Plötzlich stand mein Torwarttrainer neben mir und sagte: »Thorsten, weißt du, wie das hier ausgeht? So wie immer, wenn ein Deutscher im Tor steht!« Und dann hielt ich wirklich drei Elfmeter. Eine Woche drauf spielten wir erneut gegen Rochdale, diesmal in der Liga, und ich hielt wieder einen Strafstoß. Plötzlich galt ich als Elfmeterkiller, obwohl ich in Deutschland nicht unbedingt dafür bekannt war. Ganz ehrlich, nach dem Pokalspiel dachte ich nur: Endlich mal einen gehalten. (Lacht.)
 

Bild: David Oates

Was wussten Sie über Preston North End?
Der Klub war der erste englische Meister (1888/89, d. Red.), hat also eine große Tradition und ein tolles Stadion. Allerdings war die Mannschaft 2011 gerade aus der zweiten Liga abgestiegen. Danach hat sie jahrelang versucht, wieder nach oben zu kommen. 2015 sind wir schließlich wieder in die Championship aufgestiegen, wo Preston meiner Meinung nach auch hingehört.
 
Wie gut war Ihr Englisch, bevor Sie nach Preston gingen?
Es war passabel. Ich habe aber sicherheitshalber ein Wörterbuch mit nach England genommen. Allerdings musste ich recht schnell erkennen, dass das nicht viel half – jedenfalls nicht in der Kabine oder auf dem Platz. Dort hat es ein bisschen gedauert, bis ich die ganzen Slangs verstanden habe: Irisch, Schottisch, wir hatten auch ein paar Australier. Anfangs dachte ich sogar: Das lerne ich nie. Schließlich ging es aber doch schnell, die Mannschaft hat mich einfach super aufgenommen.
 
Hatten Sie die Möglichkeit nach Deutschland zurückzugehen?
Vor zwei Jahren kam ein Angebot eines Zweitligisten. Aber wir hatten uns als Familie sehr gut eingelebt und fanden die Landschaft North West Englands wunderschön. Wir wollten gerne bleiben.
 
Wie weit wären Sie eigentlich runtergegangen?
Ich hatte einmal ein Angebot aus Wuppertal (Oberliga Niederrhein, d. Red.). Das habe ich abgelehnt, Dritte Liga wollte ich mindestens spielen, zweite Liga wäre noch mal ein Traum. Wenn ich 2015 in Preston verlängert hätte, würde ich dort heute auch sein. Aber ich saß zuletzt nur auf der Bank. Ich will halt spielen.
 
Sie werden dieses Jahr 35.
Ich muss mich manchmal länger von unseren Physios behandeln lassen als das noch mit 25 der Fall war, und wenn ich sonntags mit Wehwehchen aufwache, sagt meine Frau manchmal spaßeshalber: »Ich melde dich vom Sport ab.« Aber im Grunde  fühle ich mich noch fit. Und ich finde es toll, dass mich meine Kinder noch auf dem Platz sehen können. Deswegen bin ich von Preston nach Doncaster gewechselt.
 
Warum haben Sie Ihren Stammplatz in Preston verloren?
Preston verpflichtete mit Sam Johnstone ein großes Talent aus der Jugend von Manchester United. Der Trainer sagte, dass der Klub das machen musste, es war eine große Chance für Preston. Und letztendlich muss man ehrlich sagen: Er hatte Recht. Sam ist ein wahnsinnig guter Keeper. Und er widerlegt das alte Klischee, dass alle englischen Keeper Fliegenfänger sind.

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