19.04.2014

Wie geht es eigentlich Sami Khedira?

»Ich kenne mich jetzt besser«

Nach seiner schweren Verletzung war Sami Khedira wie in einem schwarzen Loch verschwunden. Jetzt spricht er offen über Eilanrufe aus dem Krankenwagen, seinen Traum von Brasilien und die neue Balance aus Härte und Gelassenheit.

Interview: Christoph Biermann Bild: Fritz Beck

Sami Khedira, am 15. November 2013, beim Länderspiel Italien gegen Deutschland, blieben Sie im Platz hängen und verdrehten sich dabei das Knie. Wussten Sie sofort, dass etwas Schlimmes passiert war?
Nein, nicht in dem Ausmaß. Es war eine unkontrollierte Aktion und ich habe sofort gemerkt, dass im Knie etwas nicht stimmt. Dr. Müller-Wohlfahrt hat schon auf dem Platz den Innenbandabriss diagnostiziert. Eine Stunde später, als die Verkrampfung etwas aus dem Körper raus und ich ein bisschen entspannter war, haben wir den Kreuzbandriss noch vor der Computertomografie festgestellt. Man konnte das Knie bewegen, wie man wollte, da war alles klar.

Sie sind dann nach der Rückkehr vom Krankenhaus ins Mannschaftshotel »Principe die Savoia« in Mailand noch mit dem Rollstuhl durch eine kleine Feier anlässlich von Jogi Löws 100. Länderspiel gefahren worden. Eine Situation wie in einem schlechten Film?
Nein, meine erste Reaktion war die, gleich alles Nötige in die Wege zu leiten. Bereits vom Krankenwagen aus haben wir Dr. Boenisch in Augsburg angerufen, der mich früher schon behandelt hatte, und für den nächsten Tag einen Operationstermin ausgemacht. Ich habe außerdem mit dem Management von Real Madrid telefoniert und die Vereinsärzte gebeten, dass sie am nächsten Tag nach Deutschland kommen.

Das klingt unglaublich sachlich, konnten Sie in einer für Sie derart dramatischen Situation wirklich so schnell umschalten?
Natürlich war ich traurig und stand vermutlich auch unter Schock. Mein Vater etwa ist so mitgenommen gewesen, dass er Tränen in den Augen hatte, als ich wieder im Hotel war. Und mit über vier Monaten Abstand kann ich über diesen Abend sicherlich auch lockerer sprechen, aber ich habe damals sofort in die Zukunft schauen wollen. Deshalb habe ich Doc Müller-Wohlfahrt gefragt, ob ich es in den sieben Monaten bis zur WM schaffen kann. Sein Signal war klar: Es geht, wenn ich gut arbeite und gute Leute um mich herum habe.

So haben Sie dann nur gut 15 Stunden nach der Verletzung auf dem OP-Tisch gelegen?
Genau, samstags um 13 Uhr. Ich bin morgens um neun Uhr nach Augsburg geflogen, wurde erneut untersucht, dann haben wir noch auf die Ärzte von Real Madrid gewartet. Es musste nämlich ein gemeinsamer Nenner gefunden werden, weil es ein größeres Risiko ist, das Kreuzband und das Innenband zusammen zu operieren. Normalerweise operiert man erst das Innenband und zwei Monate später das Kreuzband. Dann wäre aber die WM ausgeschlossen gewesen. Deshalb sind wir das Risiko eingegangen, und Real Madrid als mein Arbeitgeber musste dem selbstverständlich zustimmen.

Mussten Sie darum streiten?
Nein, sie haben allen meinen Wünschen entsprochen, auch danach. Normalerweise will ein Verein den Spieler bei sich und Kontrolle über ihn haben, und dann komme ich mit der Bitte, die Reha nicht in Spanien, sondern in Deutschland zu machen. Die Vereinsärzte hatten zwar ständig Kontakt zu den Therapeuten und Trainern in der Reha, aber ich durfte vier Monate lang wegbleiben. Das zeigt, was für ein riesiges Vertrauen sie in mich gesetzt haben und was für ein großer Klub Real Madrid ist.

Wie lange hat die Operation gedauert?
Genau zwei Stunden und fünf Minuten. Es war eine perfekte Leistung von Dr. Boenisch, was Müller-Wohlfahrt und die Mannschaftsärzte von Real Madrid, die dabei waren, bestätigt haben.

Wer hat sich gemeldet, als Sie nach der OP wach geworden sind?
Zum Glück war zunächst einmal meine komplette Familie bei mir. Ich habe aber wirklich extrem viele Anrufe und Nachrichten bekommen. Teilweise sogar von Leuten, die ich nicht einmal persönlich kannte. Auch von den handelnden Personen war der Zuspruch enorm groß: vom Bundestrainer, von Oliver Bierhoff, meinem Vereinstrainer Carlo Ancelotti oder Real-Präsident Florentino Perez. Besonders Ancelotti hat in der ersten Woche täglich im Krankenhaus angerufen und sich informiert, wie es mir geht oder ob er was tun kann. Der Trainer eines so großen Vereins hat sicher viele andere Dinge zu tun, aber trotzdem hat er sich jeden Tag Zeit genommen.

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