Wie englische Klubs deutsche Talente abwerben

»Das ist Spielgeld für die«

Der Welle von deutschen Talenten nach England scheint verebbt. Doch der VfB Stuttgart musste mit Loris Karius ein Talent Richtung Manchester City ziehen lassen. Jugendleiter Thomas Albeck fordert jetzt von der DFL eine neue Regelug. Wie englische Klubs deutsche Talente abwerben

Herr Albeck, ein Spieler aus ihren Reihen, Loris Karius, hat vor kurzem ein Angebot von Manchester City angenommen. Hatten Sie damals überhaupt Chancen, den Spieler zu halten?

Wir können Spieler bei uns erst ab dem 16. Lebensjahr vertraglich binden.  Das wissen die Engländer, und deswegen gehen die genau auf diese Altersstufe los. Wir können lediglich Förderverträge abwickeln, also von 16 bis zur A-Jugend und dann noch einmal zwei Jahre. Anders können wir die Spieler vertraglich nicht binden. Wir haben mit der DFL darüber schon einmal gesprochen, dass wir da eine 4+1-Regelung (4 Jahre Jugend + 1 Jahr Anschluss) haben wollen, um unsere Spieler vor Abwerbungsversuchen zu schützen. Im Fall Karius lagen unser Angebot und das von Manchester City dann soweit auseinander, dass Karius` Vater gesagt hat: Auch wenn das schief geht, hat er nach drei Jahren Vertrag schon ein Einfamilienhaus dastehen. Das ist abgehoben, aber in England an der Tagesordnung.

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Gab es so etwas wie eine Aufwandsentschädigung?

Ja. Wir haben den Spieler jahrelang aufgebaut, er hat bei uns in der Jugendakademie gewohnt. Es gibt eine FIFA-Regel, dass eine Aufwandsentschädigung gezahlt werden muss. Diese hängt davon ab, wie lange der Spieler schon ausgebildet worden ist und ob der Spieler schon Länderspiele bestritten hat. Dieser Betrag ist aber Spielgeld für die Engländer. Das, was wir in die Ausbildung investiert haben, kriegen wir nie mehr zurück.

Sollte es bei diesem Abwerben von jungen Spielern vielleicht Alters- oder Gehaltsgrenzen geben?


Definitiv. Man sollte beides limitieren.

Manche sprechen davon, dass es eine gute Erfahrung für die jungen Spieler ist, ins Ausland zu wechseln. Andere warnen davor, dass die Spieler an dem schnellen Ruhm zerbrechen könnten. Wie stehen Sie dazu?

Das ist ambivalent. Man ist da hin- und hergerissen. Auslandserfahrungen erweitern sicherlich den Horizont. Für die Persönlichkeitsbildung ist es ein wichtiger Schritt. Es hat viele positive Dinge. Allerdings wachsen die Spieler dann meist ziemlich isoliert heran; um den Einzelnen wird sich nicht so intensiv gekümmert. Es scheitern viele daran, dass sie keinen Anschluss haben. Aber das ist auch abhängig von der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur.

Man rühmt immer die enge Verzahnung von Jugend-, Amateur- und Jugendbereich in England. Wie verhält es sich denn in Deutschland?

Auch bei uns trainieren alle Mannschaften auf dem selben Trainingscenter. Da ist es auch möglich, dass jemand mal rüberwechselt. Aber wir reden da nicht großartig drüber. Junge Spieler werden hier auch für ihre Leistungen belohnt. Tobias Rühle von der U19 ist auch mit ins Trainingslager der Profis gereist.

Dann gibt es noch zwei englische Modelle: die Reserveliga und die Leihgeschäfte bzw. das Parken junger Talente in Farmteams. Kann das in Deutschland Schule machen?

Wir vom VfB halten davon gar nichts. Unsere Zweite spielt in der dritten Liga, dort müssen sich die jungen Spieler gegen ausgebuffte, routinierte Profis behaupten. Die Spieler treten schon in der gesamten Jugend gegen Gleichaltrige an. In den zweiten Mannschaften kann man da noch sehr viel lernen. Wenn aber wie bei anderen Vereinen der Sprung zwischen den Ligen zwischen erster und zweiter Mannschaft zu groß ist, müsste man sich mit dieser Idee auseinandersetzen. Das Ausleihen von Spielern ist ein ganz schlechtes Modell. Man hat die Spieler nicht mehr im eigenen Haus; da ist die Verzahnung doch überhaupt nicht mehr möglich. Die Vereine sind doch gar nicht mehr flexibel, Spieler hochzuziehen, weil sie sich an Vertragslaufzeiten halten müssen. So wie es jetzt ist, halten wir es für die ideale Talentförderung in Deutschland.

Da gibt es natürlich den Einwand, dass Spieler, die ausgeliehen werden, bei anderen Vereinen wenigstens zu Spielpraxis kommen.

Aber das  ist doch bei uns auch möglich. Spieler, die in der Ersten nicht zum Zug kommen, können zu der Zweiten oder wieder zur U19 gehen. Das sind alle Optionen innerhalb eines Vereins.

Es gab eine Zeit, da sind viele junge Spieler auf die Insel gewechselt. Nun sind viele zurückgekommen. Wird dann jetzt auch ein Umdenken stattfinden oder werden die jungen Talente weiter nach England gehen?

Diese negativen Beispiele bringen die Eltern und Kinder zum Nachdenken. Aber die Engländer haben durch die vertraglichen und finanziellen Möglichkeiten einen exorbitanten Vorteil. Als 16-Jähriger schon so viel Geld im Jahr zu verdienen, da kann jeder schwach werden.  

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