Wie ein Deutscher in Peru Fußballstar werden wollte

Mark Hinze: »Man fühlte sich von mir bedroht«

Viele Südamerikaner versuchen ihr Glück in der Bundesliga. Mark Hinze ging den umgekehrten Weg und wechselte nach Peru. Ein halbes Jahr später spielt er wieder in Deutschland – beim Oberligisten Altona 93. Was ging schief? Wie ein Deutscher in Peru Fußballstar werden wolltePrivat

Mark Hinze, Sie haben in der Jugend beim FC St. Pauli und zuletzt in der A-Jugend vom HSV gespielt. Im Sommer 2010 entschieden Sie sich für einen Wechsel nach Peru. Warum?

Mark Hinze: Meine Eltern sind Peruaner und ich wollte mehr über meine Herkunft erfahren. Und natürlich gab es die sportlichen Ziele: Ich wollte in Peru fußballerisch durchstarten.

[ad]

Vor Ihrem Wechsel waren Sie Spieler des HSV.

Mark Hinze: Das stimmt. Ich spielte in der A-Jugend. Weder der HSV noch ich wollten aber meinen auslaufenden Vertrag verlängern.

Wie kam Ihr Wechsel zustande?

Mark Hinze: Bereits 2008 wurde ich in die U20-Nationalmannschaft eingeladen. Ich durfte mittrainieren und sogar ein Freundschaftsspiel machen. Es gab also schon Kontakte. Trotzdem war ich vor diesem Schritt aufgeregt.

Die Angst vor dem Ungewissen?

Mark Hinze: Klar. Auf dem Hinflug hatte ich gemischte Gefühle. Die Menschen in Südamerika sind sehr locker und ich war mir nicht sicher, ob ich dort hinpassen würde. Ich hatte bis dahin nur in Deutschland gelebt und wurde von dieser Kultur geprägt. Trotz aller Bedenken war die Vorfreude riesig.

Bei welchem Verein haben Sie dann gespielt?

Mark Hinze: Meinen Vertrag unterschrieb ich bei Sporting Cristal Lima. Gespielt und trainiert habe ich allerdings für San Martin de Porres, den peruanischen Meister.

Vom hässlichen Entlein – Perus Nationalelf in der Krise >>


Warum?

Mark Hinze: In Südamerika ist vieles leider nicht so geordnet, wie man das in Deutschland kennt. Genauer gesagt: Es ist völlig chaotisch. Mir wurde immer gesagt, dass etwas mit den Papieren nicht stimmt. Genau verstanden habe ich das aber nicht. Das Ergebnis war, dass ich keine Spielberechtigung bekam. Mir fehlte deshalb ein halbes Jahr Wettkampfpraxis. Außer Freundschaftsspielen und Trainingseinheiten konnte ich nichts machen.

Also war die Zeit ein Flop?

Mark Hinze: Meine Erwartungen waren zu hoch. Peru ist für einen Mitteleuropaer kein einfaches Land. Alles lief nach dem Motto: Wenn ich es heute nicht mache, dann halt morgen. Das kannte ich nicht. Mein Versuch in Peru Fußball zu spielen ist gescheitert. Deshalb bin ich jetzt wieder in Hamburg und spiele für den Oberligisten Altona 93 – ein Neuanfang. Ich würde dennoch nicht von einem Flop sprechen. Es war keine verschenkte Zeit, denn ich habe viel Neues erlebt und gelernt.

Nämlich?

Mark Hinze: Eine neue Kultur und einen andere Art Fußball zu leben. Ein Beispiel: Beim Aufwärmen wurde getanzt und gelacht – das war die pure Lebensfreude. Wir standen im Kreis und haben uns warm gekickt. Wenn man einen Tunnel kassierte, bekam man einen Tritt in den Po. Allerdings alles im Scherz. In Hamburg war das anders.

Wie sah ein normaler Tag in Peru für Sie aus?

Mark Hinze: Wir haben morgens mit der ganzen Mannschaft gefrühstückt. Das war sehr nett und für mich völlig neu. Danach war Entspannung angesagt. Manche haben den Fernseher angeschaltet, andere haben noch ein paar Kraftübungen gemacht. Von 12 Uhr bis circa 15 Uhr war das eigentliche Training: Passtraining, Austraben, Lockern, Spielsituationen oder Zweikampfübungen. Das war ähnlich wie in Deutschland. Aber alles wie immer etwas lockerer.

Das klingt nach dem süßen Profileben.

Mark Hinze: Innerhalb der Mannschaft war es sehr lustig. Aggressivität habe ich aber an anderer Stelle erfahren.

Nämlich?

Mark Hinze: In den Spielen wird sehr viel mit versteckten Fouls gearbeitet. Das war mir neu. Ich muss sagen: Dort ist es noch versauter als bei uns. Ich wurde angespuckt und habe auch mal einen Ellenbogen abbekommen. Das habe ich zwar auch schon in Hamburg erlebt, allerdings nicht in dieser Häufigkeit.

In unserer Bilderstrecke:
Wenn alternde Profis in unteren Ligen neu anfangen wollen >>


----
Niemals nichts verpassen! Bestelle hier den 11freunde.de-Newsletter kostenlos und gewinne mit etwas Glück ein 11FREUNDE-Jahresabo!



Wie kamen Sie mit der Spielweise zurecht?

Mark Hinze: Meine war anfangs natürlich sehr deutsch. Ich setzte jedem Ball nach und spielte klare Bälle. Ich trickste nicht einfach rum, sondern probierte immer direkt zu spielen. Eben typischer Fußball aus Europa: Schnell nach vorne. Diese Spielweise war dort nicht populär. Es passt nicht in unser Spiel, wurde mir immer gesagt.

Wie wird in Peru Fußball gespielt?

Mark Hinze: Mit vielen Schnörkeleien. Es wird auf den Ball getreten und noch einmal hinten rum gespielt, auch wenn es gar nicht nötig ist. Spieler machen dort eine Finte, auch wenn sie unnötig ist. Diese Spielweise war mir fremd. Mein größtes Problem war aber die Luft.

Die Luft?

Mark Hinze: Sie ist viel dünner als bei uns. So platt wie dort war ich noch nie nach dem Training. Das lag nicht an den harten Einheiten, sondern schlichtweg am Klima.

Sie sagen, Ihre Zeit in Peru war kein Flop. Doch Hand aufs Herz: Hat es Sie enttäuscht, dass Sie in Peru nicht so gut zurecht gekommen sind?

Mark Hinze: Klar. Irgendwann stellte ich mir die Frage, ob ich überhaupt noch Fußball spielen kann. Zweifel kamen auf. Wenn man das Gefühl hat, dass die eigene Spielweise nichts zählt, kommt man automatisch ins Grübeln. Gerade die Anfangszeit war schlimm für mich. Ich war demotiviert und traurig. Viele denken, dass man es als A-Jugendspieler eines Bundesligisten auf jeden Fall in einem Land wie Peru schaffen würde. Das war vielleicht auch mein Fehler. So einfach ist das aber nicht. Es wurde besser, als ich zu San Martin wechselte. Leider durfte ich dort nicht spielen, da meine Spielberechtigung nicht vorlag.

Welchen Stellenwert hat der Fußball in Peru?

Mark Hinze: Es ist die Sportart Nummer eins. Selbst der Jugendbereich wird im Fernsehen übertragen. Allerdings ist der Fußball nicht so hochklassig. Der peruanische Fußball ist nach meinen Erfahrungen auf Regionalliga-Niveau. Technisch sind die Spieler perfekt, dafür nicht sehr athletisch.

Ihre Eltern sind Peruaner. Wurden Sie dort als Einheimischer oder als Deutscher wahrgenommen?

Mark Hinze: Meinen Wechsel haben einige Mitspieler in Peru nicht verstanden. Es war unbegreiflich für sie, dass ich meinen Lebensstandard derart verschlechtern wollte. Man fühlte sich von mir bedroht. Der Vorwurf lautete: Du hast in Deutschland so viel Geld. Warum nimmst du einem Spieler aus Peru den Platz und das Geld weg. Trotzdem habe ich in Peru auch neue Freunde gefunden. Die Jungs konnten mich als Menschen kennen lernen, schließlich haben wir viel Zeit miteinander verbracht.

Was haben Sie aus dem halben Jahr Peru mitgenommen?

Mark Hinze: Ich habe sehr viel gelernt. Technisch habe ich mich enorm verbessert. Außerdem habe ich mir etwas von der peruanischen Leichtigkeit abgeschaut. Mein europäisch geprägtes Spiel hat sich mit dem dortigen Stil vermischt. Das ist mein persönlicher Vorteil. Die Technikschulung in Peru ist mir in Deutschland noch nicht begegnet.

Wie wurden Sie geschult?

Mark Hinze: Die ganze Mannschaft hat sich vor einem Fernseher versammelt und dort Videos von Paulo Guerrero oder Jefferson Farfan angeschaut – zwei nationale Helden. Wir studierten ihre Technik, ihre Bewegungen und die Tricks. Danach ging es raus auf den Platz und es wurden speziell diese Dinge trainiert.

Tricks aus einem Video nachmachen klingt ein bisschen kindisch.

Mark Hinze: Nein, das ist peruanisch.

In unserer Bilderstrecke:
Wenn alternde Profis in unteren Ligen neu anfangen wollen >>


----
Niemals nichts verpassen! Bestelle hier den 11freunde.de-Newsletter kostenlos und gewinne mit etwas Glück ein 11FREUNDE-Jahresabo!

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!