Wie ein deutscher Fußballer den Alltag in Israel erlebte

»40 Raketen in der Nacht vor dem Spiel«

Heute startet die U-21-EM in Israel. Das deutsche Team geht als Mitfavorit ins Turnier. Wie es eigentlich, als Deutscher in Israel Fußball zu spielen? Manuel Bölstler von Zweitligist Karlsruher SC weiß es. In der Saison 2011/12 stand er bei Hapoel Kfar Saba unter Vertrag. Wir sprachen mit ihm.

Manuel Bölstler, in heute startet die U-21 Europameisterschaft. Was erwartet die deutschen Nachwuchsfußballer im heiligen Land?
Das Turnier ist in Israel ein Riesenthema. Fußball steht ohnehin an erster Stelle. Ich hoffe, dass das deutsche Team auch mal Zeit hat etwas von Land und Leute zu sehen. Jerusalem und das Tote Meer sollten sie sich auch jeden Fall anschauen.

Israel steht aktuell auf Platz 59 der FIFA-Weltrangliste. Wirkliche Erfolge gab es im Fußball noch nicht zu feiern. Ist das Land überhaupt ausreichend ausgestattet, um solch eine Veranstaltung auszutragen?
Definitiv. Die Stadien haben Topstandards. Es gibt vier Spielorte, die alle in einem sehr guten Zustand sind. Die Infrastruktur ist sehr europäisch – das passt schon alles. Was anstrengend wird, ist das Wetter. Im Juni kann es schon mal bis zu 45 Grad heiß werden. In meiner Zeit bei Hapoel Kfar Saba hatten wir teilweise drei Spielunterbrechungen um zu trinken. Die Jungs dürfen die Temperaturen nicht unterschätzen. Wenn man das nicht gewohnt ist, dann heißt es: Trinken, trinken, trinken.

Abgesehen von den Temperaturen gibt es in Israel immer wieder Unruhen. Raketenangriffe rund um den Gaza-Streifen stehen förmlich auf der Tagesordnung. Haben Sie diese Probleme nicht abgeschreckt?
Grundsätzlich bin ich total unvoreingenommen nach Israel gegangen. Ich habe versucht, mir nicht viel von Außenstehenden erzählen zu lassen, sondern mich bei Leuten zu informieren, die selbst schon in Israel waren. Außerdem konnte ich durch ein einwöchiges Probetraining in der Winterpause der Saison 2010/2011 bei Maccabi Petach Tikva meine eigenen Eindrücke sammeln. In der Zeit, in der ich bei Hapoel gespielt habe, sind etwa 500 Raketen auf israelischem Boden eingeschlagen. Davon mitbekommen habe ich aber direkt nichts. Meine Frau und ich haben zehn Kilometer nördlich von Tel Aviv gewohnt – da war es sehr ruhig. Von Unruhen war nichts zu spüren.

Kam es aufgrund der Raketenangriffe zu Spielausfällen?
Zwei Spiele wurden deshalb verschoben oder abgesagt. Eines in Aschkelon, fünf Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt. Da flogen die Nacht vor dem Spiel fast 40 Raketen rüber. Die Nacht darauf das gleiche. Dann sollte das Spiel stattfinden. Ich hatte ein sehr schlechtes Gefühl und wollte dort nicht hin. Die Mannschaft und der Präsident haben mir dann aber gesagt, falls nur ein Prozent die Gefahr bestände, dass etwas passieren könnte, würde das Spiel abgesagt werden.

Sind Sie trotz Ihrer Bedenken hingefahren?
Ja, bin ich und es ist glücklicherweise nichts passiert. Die Kinder haben auf der Straße gespielt wie immer. Diese Erfahrung war im Nachhinein sehr wertvoll. Einerseits zu sehen, wie die Leute am Gaza-Streifen leben und mit der Situation umgehen, andererseits aber auch wahrzunehmen, wie sie täglich mit der Angst leben müssen. Das sind Momente, in denen man sich ernsthafte Gedanken macht, wo man sich gerade befindet. Die Menschen am Gaza-Streifen schätzen das Leben und jeden einzelnen Tag jedenfalls mehr, als wir hier in Deutschland.    



Aufgrund der gemeinsamen, sehr schrecklichen, Vergangenheit beider Länder war die Beziehung zueinander lange Zeit sehr belastet. Wie wurden Sie dort aufgenommen – erlebten Sie Anfeindungen oder Beschimpfungen?
Nein. Ganz im Gegenteil. Die Leute wollten wissen: Wie seht ihr Deutschen das mit der gemeinsamen Geschichte? Wie geht ihr mit der Situation Deutschland-Israel oder Deutschland-Juden um? Vorwürfe oder Anfeindungen habe ich nie erlebt. Nur einmal wurde ich im Spiel als »Scheiß Deutscher« bezeichnet. Aber das habe ich hier in den Ligen auch überall, dass ich beleidigt werde. Außerhalb vom Sportplatz jedenfalls kein einziges Mal. Alle waren sehr herzlich und sehr freundlich. Als deutscher Fußballer ist man ohnehin sehr angesehen. 

Wie haben die Israelis ihr Ansehen Ihnen gegenüber gezeigt? So ähnlich wie bei Lothar Matthäus? Er wurde als Trainer von Maccabi Netanya direkt bei seiner Ankunft am Flugplatz von Fans empfangen und auf den Schultern getragen.
Beim Probetraining und dem TOTO-Cup-Finale (Neben dem nationalen Pokalwettbewerb ist der TOTO-Cup ein weiterer Pokalwettbewerb, bei dem auch Probespieler eingesetzt werden dürfen, d. Red.) bei und für Maccabi Petach Tikva war das von den Fans her ähnlich. Da wurde direkt mein Name geschrieen und schon beim Warmmachen wurde ich bejubelt. Das hat mich sehr gewundert, aber als deutscher Spieler ist man einfach direkt eine Art Idol. Sie nehmen alles von dir auf – egal um was es geht. Sogar der Trainer.

Der Trainer?
Erst bin ich relativ schnell zum Kapitän gewählt worden, dann hat mich der Trainer gefragt, wie wir gegen den oder den Gegner spielen sollen und außerdem hat er auf mein Anraten hin eingeführt, dass sich die Mannschaft eine Stunde vor Trainingsbeginn trifft. Das war völlig neu und eine totale Umstellung für alle. Normal war bis dato eigentlich fünf Minuten vor oder zehn Minuten nach Trainingsbeginn zu kommen.

Sie haben also direkt die viel gerühmte deutsche Disziplin und Ordnung im israelischen Fußballverein eingeführt?
Das kann man so sagen. Was man aber nicht aus ihnen rausbekommen hat, war die sehr enge Bindung zu ihrem Handy. Es klingelte in der Kabine, es klingelte während der Besprechung. Sobald irgendetwas mit der Familie ist, ist alles andere nebensächlich und tabu. Nichts ist wichtiger als die Familie, deshalb waren die Handys auch immer an. Daran musste man sich gewöhnen.

Neben der verbesserungswürdigen Einstellung zum Beruf, was gab es aus fußballerischer Sicht zu bemängeln?
Also kicken können die in Israel alle – stellenweise besser als ich (lacht). Besonders vom technischen und vom Schnelligkeitsverhalten her sind sie sehr gut ausgebildet. Das sieht man auch bei der WM-Qualifikation immer wieder, wie beispielsweise dem 3:3 gegen Portugal. Sie spielen einen schnellen und technisch hochwertigen Fußball. Wo es Defizite gibt, das sind die Professionalität, die Organisation auf dem Feld und natürlich die Taktik.

Trotzdem schaffen es immer wieder Israelis in die europäischen Topligen. Beispielsweise Yossi Benayoun (FC Liverpool, FC Chelsea und FC Arsenal) in England oder Almog Cohen (1. FC Nürnberg), Gal Albermann (Borussia Mönchengladbach), Gil Vermouth und Itay Shechter (1. FC Kaiserslautern) in Deutschland. Wie wurde über diese Spieler in Israel berichtet?
Es kommen eigentlich immer irgendwelche Spiele live – hauptsächlich die, bei denen Israelis mitspielen. Die genannten Spieler sind Stars in ihrem Land. Jeder Israeli würde gerne nach Europa, nach Deutschland. Ich bin hunderte Male von Israelis angesprochen worden, ob ich ihnen hier nicht ein Probetraining organisieren kann. Deutschland ist für sie ein großes Land, ein Fußballland. Jeder, der die Chance bekäme hier zu spielen, würde sie sofort nutzen. 

Würden Sie einem deutschen Spieler raten nach Israel zu wechseln?
Es kommt darauf an, was der Spieler erreichen möchte. Einem jungen Spieler, der die Chance hat in Deutschland seine Karriere voranzutreiben, würde ich das nicht raten. In Deutschland ist das Ausbildungspotential einfach viel besser, ebenso die Aufstiegschancen. Älteren Spielern – sofort. Wenn derjenige eine Auslandserfahrung sammeln möchte, sollte er das Angebot annehmen. Du hast dort ein schönes Leben als Fußballer. Man hat super Wetter und es sind einfach ganz herzliche Leute dort. Sie würden es nicht bereuen.

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