05.06.2013

Wie ein deutscher Fußballer den Alltag in Israel erlebte

»40 Raketen in der Nacht vor dem Spiel«

Heute startet die U-21-EM in Israel. Das deutsche Team geht als Mitfavorit ins Turnier. Wie es eigentlich, als Deutscher in Israel Fußball zu spielen? Manuel Bölstler von Zweitligist Karlsruher SC weiß es. In der Saison 2011/12 stand er bei Hapoel Kfar Saba unter Vertrag. Wir sprachen mit ihm.

Interview: Daniel Westermann Bild: Imago

Manuel Bölstler, in heute startet die U-21 Europameisterschaft. Was erwartet die deutschen Nachwuchsfußballer im heiligen Land?
Das Turnier ist in Israel ein Riesenthema. Fußball steht ohnehin an erster Stelle. Ich hoffe, dass das deutsche Team auch mal Zeit hat etwas von Land und Leute zu sehen. Jerusalem und das Tote Meer sollten sie sich auch jeden Fall anschauen.

Israel steht aktuell auf Platz 59 der FIFA-Weltrangliste. Wirkliche Erfolge gab es im Fußball noch nicht zu feiern. Ist das Land überhaupt ausreichend ausgestattet, um solch eine Veranstaltung auszutragen?
Definitiv. Die Stadien haben Topstandards. Es gibt vier Spielorte, die alle in einem sehr guten Zustand sind. Die Infrastruktur ist sehr europäisch – das passt schon alles. Was anstrengend wird, ist das Wetter. Im Juni kann es schon mal bis zu 45 Grad heiß werden. In meiner Zeit bei Hapoel Kfar Saba hatten wir teilweise drei Spielunterbrechungen um zu trinken. Die Jungs dürfen die Temperaturen nicht unterschätzen. Wenn man das nicht gewohnt ist, dann heißt es: Trinken, trinken, trinken.

Abgesehen von den Temperaturen gibt es in Israel immer wieder Unruhen. Raketenangriffe rund um den Gaza-Streifen stehen förmlich auf der Tagesordnung. Haben Sie diese Probleme nicht abgeschreckt?
Grundsätzlich bin ich total unvoreingenommen nach Israel gegangen. Ich habe versucht, mir nicht viel von Außenstehenden erzählen zu lassen, sondern mich bei Leuten zu informieren, die selbst schon in Israel waren. Außerdem konnte ich durch ein einwöchiges Probetraining in der Winterpause der Saison 2010/2011 bei Maccabi Petach Tikva meine eigenen Eindrücke sammeln. In der Zeit, in der ich bei Hapoel gespielt habe, sind etwa 500 Raketen auf israelischem Boden eingeschlagen. Davon mitbekommen habe ich aber direkt nichts. Meine Frau und ich haben zehn Kilometer nördlich von Tel Aviv gewohnt – da war es sehr ruhig. Von Unruhen war nichts zu spüren.

Kam es aufgrund der Raketenangriffe zu Spielausfällen?
Zwei Spiele wurden deshalb verschoben oder abgesagt. Eines in Aschkelon, fünf Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt. Da flogen die Nacht vor dem Spiel fast 40 Raketen rüber. Die Nacht darauf das gleiche. Dann sollte das Spiel stattfinden. Ich hatte ein sehr schlechtes Gefühl und wollte dort nicht hin. Die Mannschaft und der Präsident haben mir dann aber gesagt, falls nur ein Prozent die Gefahr bestände, dass etwas passieren könnte, würde das Spiel abgesagt werden.

Sind Sie trotz Ihrer Bedenken hingefahren?
Ja, bin ich und es ist glücklicherweise nichts passiert. Die Kinder haben auf der Straße gespielt wie immer. Diese Erfahrung war im Nachhinein sehr wertvoll. Einerseits zu sehen, wie die Leute am Gaza-Streifen leben und mit der Situation umgehen, andererseits aber auch wahrzunehmen, wie sie täglich mit der Angst leben müssen. Das sind Momente, in denen man sich ernsthafte Gedanken macht, wo man sich gerade befindet. Die Menschen am Gaza-Streifen schätzen das Leben und jeden einzelnen Tag jedenfalls mehr, als wir hier in Deutschland.    

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