Wie der BVB die Spielerhirne updatet

Höher, schneller, schlauer

Sie müssen auf einem Bein stehen, jonglieren – und das mit Augenklappe. Horst Lutz unterzieht die Spieler von Borussia Dortmund bizarren Übungen. Hier erklärt der »Dozent für körperliche Vermögensverwaltung«, was das soll. Wie der BVB die Spielerhirne updatetImago
Heft #87 02/2009
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87

Herr Lutz, kennen Sie Erich Deuser?
 
Ja, natürlich! Deuser war lange Jahre der Masseur der deutschen Nationalmannschaft und hat das nach ihm benannte elastische Band erfunden. 
 
Sehen Sie sich in Deusers Tradition?
 
Ehrlich gesagt nicht. Ich arbeite ja nicht mit dem Deuser-Band, sondern stelle das Gehirn vor Aufgaben, die es bislang noch nicht bewältigen musste.

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Aber Erich Deuser war auch ein Mann, der neue Leistungspotenziale auftun wollte.

 
Wenn man es so betrachtet, haben wir durchaus etwas gemeinsam.
 
Deuser hat experimentiert. Ist die Wissenschaft im Fußball mittlerweile über den Experimentierstatus hinausgekommen?
 
Ich denke schon. Die Leistungsdiagnostik ist Standard geworden. Wenn man den Fußball jedoch mit anderen Sportarten vergleicht, ist noch viel Luft nach oben.
 
Wären Sie mit Ihrem Angebot »Life Kinetik« vor fünf Jahren in der Bundesliga auf Interesse gestoßen?
 
Bei so innovativen Menschen wie Jürgen Klopp bestimmt. Er ist immer an Neuem interessiert. Ob er es aber vor fünf Jahren auch schon der Öffentlichkeit mitgeteilt hätte, das weiß ich nicht. Der Umschwung der öffentlichen Meinung vor und nach der WM 2006 hat sicherlich dazu beigetragen, dass meine Methoden Fuß fassen können.
 
Zuvor gab es zum Teil starke Ressentiments gegenüber allem Neuen. Warum?
 
Gerade die alte Trainergarde lehnt Dinge ab, die fachfremd sind und auf den ersten Blick nichts mit Fußball zu tun haben. Schon als ich vor einigen Jahren begann, Trainer-Fortbildungen für die Landesverbände zu leiten, hörte ich oft: »Stellen Sie sich mal vor, wir werfen auf dem Trainingsplatz Jonglierbälle umher und verlieren am Wochenende – dann bin ich meinen Job los.« Das waren die Ängste. Und meine Schwierigkeit.
 
Schwitzen, Ackern, Malochen: Das sieht man auch in Dortmund am liebsten.

 
Natürlich sind es auch die Spieler nicht gewohnt, dass etwas nicht körperlich anstrengend ist. Hinzu kommt: Die Spieler wollen die Übungen perfekt beherrschen, weil sie als Leitungssportler nun einmal sehr ehrgeizig sind. Doch das ist gar nicht das Ziel – ich möchte nur das Gehirn fordern.
 
Hat sich schon mal ein Spieler gegen Ihre Übungen gesträubt?
 
Jürgen Klopp sagte zu mir: »Wir haben einige dabei, die nicht so aufgeschlossen sind. Es ist jetzt an dir, die Jungs zu überzeugen.« Das hat geklappt – eine schöne Erfahrung.
 
Wie viel Prozent des Leistungspotenzials liegen noch brach?
 
Das ist sehr schwer zu sagen. Ich habe bemerkt, dass in den beiden Bereichen Koordination und visueller Wahrnehmung, mit denen ich mich in erster Linie beschäftige, kein Spieler gleichermaßen gut ist. In dem Bereich, in dem er Schwächen hat, kann man ihn relativ schnell verbessern. Wir sind aber noch nicht so weit, dass wir beziffern können, inwieweit er das fußballerisch umsetzen kann.
 
Sie sind nicht der Einzige, der mit innovativen Methoden arbeitet. Von außen betrachtet, kommen einem die Spezialisten vor wie ein Heer eifriger Wissenschaftler, die den Fußball als Forschungsobjekt entdeckt haben.

 
Das Gefühl habe ich teilweise auch. Ich möchte lieber einen anderen Weg beschreiten und mich vom Quantitativen lösen. Wissenschaftliche Untersuchungen machen angreifbar. Es gibt keine in unserem Segment keine wissenschaftlichen Studien, die uns vollends legitimieren würden. Leider sind wir dazu gezwungen, um ernst genommen zu werden. Da ist auch einiges in Bewegung: Diplomarbeiten, Zulassungsarbeiten, Untersuchungen zur Sturzprophylaxe und zur Stressresistenz. Ich bin aber nach wie vor der Meinung: Es wird keine hundertprozentigen Belege geben, dass »Life Kinetik« immer gleich wirkt. Ich hoffe vielmehr auf den gesunden Menschenverstand: Wenn ich mehr sehe und mich besser bewegen kann, dann hat das nur Vorteile – egal in welchem Bereich.   

Müssten sich nicht eigentlich alle Spezialisten vernetzen – Psychologen, Physio-Therapeuten, Sportärzte –, um optimalen Erfolg zu erzielen?
 
Das wäre sinnvoll. Ich würde mich gern mit den Kollegen zusammensetzen und ein bisschen philosophieren. Interdisziplinär zu arbeiten bringt immer mehr, als wenn man für sich allein ist.
 
Nun sind Sie ja alle in Diensten verschiedener Vereine. Könnte die Konkurrenz einen  wissenschaftlichen Austausch verhindern?
 
Möglicherweise. Es gibt sicherlich Vereine, die sagen: »Durch diese Methoden haben wir uns nun einen Vorteil verschafft, den sollen andere nicht auch haben.« Schauen Sie auf die ballorientierte Raumdeckung: Das ist mittlerweile überall Standard – eine Art Patt-Situation. Nun halten die Vereine Ausschau nach Wissensvorsprüngen.
 
Halten Sie es für möglich, dass Spezialisten wie Sie irgendwann einmal gehandelt werden wie Spieler?
 
Das könnte ich mir schon vorstellen. Lieber wäre mir, wenn beim Einstellungsgespräch für Mitglieder des Trainerstabes bestimmte Schlüsselkompetenzen wie »Life-Kinetik« gleich mit abgefragt würden, damit wir es schaffen sie in das Fußballtraining zu integrieren. Bislang trainieren wir ja mit den meisten Spielern isoliert Life Kinetik, also losgelöst vom Fußballtraining, obwohl es mein Programm auch fußballspezifisch gibt.
 
Um Kompetenzen an seine Spezialisten abzugeben, muss ein Trainer seinen Alleinherrscheranspruch aufgeben können. Ist das der zentrale Unterschied zwischen der neuen und der alten Trainergeneration?
 
Ja, das trifft zu. Sie sind offener und bereiter, Vertrauen zu geben. Es ist ja nicht ganz einfach, sich den richtigen Spezialisten zu suchen, der auch zur Mannschaft passt. Wenn es passt, dann entsteht ein Team, das über Jahre zusammen bleibt, auch wenn der Chef zu einem anderen Verein geht. Er kann einfach nicht alles allein machen. Das merke ich auch und muss selbst delegieren. So arbeite ich zum Beispiel mit den ehemaligen Profis Bernhard Winkler, Armin Störzenhofecker und Oliver Otto zusammen. Sie sind meine Spezialisten für den Fußball – und ich muss ihnen vertrauen können.
 
Spieler sind zum Humankapital geworden, die Vereine wollen Dividende erzielen. Hat das den Einzug der Wissenschaft erleichtert?
 
Ich kann mir vorstellen, dass ein kleinerer Verein, der vom Verkauf von Talenten lebt, diesen Gedanken hegt. Das würde auch perfekt passen: Je früher man mit dem Wahrnehmungstraining beginnt, desto besser. Im deutschen Skiverband ist das schon teilweise so: geplant ist, dass, zusätzlich zum ohnehin schon breit angelegten Training, jeder Athlet vom Kind bis zum Weltcup-Fahrer Life Kinetik macht. Im Jugendfußball ist die Ausbildung hingegen noch viel zu spezialisiert.
 
Wenn sich die Wissenschaft im Fußball etabliert hat, erleben wir dann einen Quantensprung?
 
Davon gehe ich aus. Im Vergleich zu allen anderen Sportarten wird im Fußball am wenigsten trainiert. Natürlich darf man die Spieler nicht kaputt trainieren. Aber es geht ja nicht darum, das Trainingspensum stumpf zu verdoppeln, sondern eine Ausgewogenheit zwischen verschiedenen Übungen herzustellen, damit die Spieler weder geistig noch körperlich überfrachtet werden.
 
Die Spieler werden immer besser. Wird das Spiel es auch?
 
Nein. Es wird zwar alles in einem schnelleren Tempo passieren, man wird weniger Fehler sehen. Aber wenn alle gleichermaßen besser werden, stehen sie immer noch vor den gleichen Schwierigkeiten: Der Stürmer, der stärker geworden ist, steht vor einem Verteidiger, der stärker geworden ist.
 
Das Ergebnis eines Wettrüstens.
 
Da kann man so sagen.
 
Der Sportphilosoph Dr. Reinhard Sprenger sagt: »Wenn alle Spieler gleich gut sind, müssen sie lernen, den Zufall zu beherrschen, um den Sieg zu erringen.«
 

Da ist was dran. Auch »Life Kinetik« zielt darauf ab, auf alles was passiert, die richtige Antwort zu haben. Wir müssen uns darüber im Klaren sein: Was ich trainiere, wird so nie wieder vorkommen. Beim nächsten Mal ist der Rasen drei Millimeter länger, habe ich einen anderen Mitspieler, ist der Ball minimal anders aufgepumpt. Man wird sich also in Zukunft dadurch unterscheiden, wie schnell die Spieler auf äußere Umstände die richtige Antwort finden.
 
Braucht es den Trainer eigentlich noch, wenn der Spieler dermaßen autark ist?

 
Ja. Als Spezialist für Individualtaktik kann ich dem Einzelnen das Rüstzeug geben, in einer bestimmten Situation optimal zu handeln. Der Trainer muss indes die Mannschaft so aufeinander abstimmen, dass der Einzelne auch in der Lage ist, die richtige Antwort zu finden. Das gilt für die Spieler, aber auch für das Team von Spezialisten.
 

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