Wie ähnlich sind sich Fußball und Musik, Achim Mentzel?

»Zu viel Pop tut dem Fußball nicht gut«

Er ist die Stimme des Ostens - im Festzelt und im Stadion. Wir sprachen mit Schlagerbarde Achim Mentzel über perfekte Fanhymnen, verhasste VIPs und Erdmännchen in Fußballtrikots.

Norman Konrad
Heft: #
Spezial Nr. 4

Achim Mentzel, wie viel Pop steckt denn nun wirklich im Fußball?
Pop ist vor allem eines: Show. Und Fußball ist längst auch Show – aber glücklicherweise nur in Teilen. Weißt du, wovor ich große Angst habe? Dass eines Tages beim Fußball Zustände wie beim Eishockey herrschen: Jede freie Minute wird mit Musik ausgefüllt, jede freie Sekunde wird auf unerträgliche Art und Weise zur Show.

Und wenn es Ihre Musik wäre, die man dann zu hören bekäme?
Scheißegal! Ich will das nicht. Zu viel Pop tut dem Fußball nicht gut.

Sie sagen: Fußball ist zum Teil zur Show geworden. Worin unterscheidet sich der Besuch eines Fußballspiels noch von Ihren Konzerten?
Im Grunde ist es doch dasselbe: Die Leute zahlen Kohle – und wollen dafür gefälligst auch unterhalten werden.

Wie sieht die perfekte Show denn aus?
Vor allem professionell. Ausgedacht von vorne bis hinten. Wie vom Drehbuch diktiert.

Aber ist das nicht gerade das Schöne am Fußball, dass sich das Spiel nicht planen lässt?
Wenn der Ball rollt, dann ist das Spiel anarchisch. Aber der Rest ist doch längst perfekte Show. Immer das gleiche Ritual! Ein Stadion, Mannschaften laufen ein, die Menschen klatschen, Mannschaften singen Nationalhymnen, Mannschaften überreichen Wimpel usw. Und dann die Musik! Du kannst ja heute in kein Stadion der Welt gehen, ohne beschallt zu werden. Musik ohne Ende. Bis die Leute aufstehen und tanzen. Wie in einem Tanztheater. Das ist alles inszeniert. Ja, Fußball ist Showgeschäft.

Geht die Show denn nach dem Schlusspfiff weiter?
Finde ich nicht. Wenn die Zuschauer den Saal verlassen, die Bühne abgebaut und das Licht aus ist – dann ist die Show auch vorbei.

Sie sind 1946 geboren und waren als junger Kerl in der DDR ein hoffnungsvolles Fußballtalent. Wie viel Pop war das?
Pop? Das war zunächst mal Fußball in Reinform! Ich spielte bei Vorwärts Berlin und für die Berliner Juniorenauswahl. Zumindest genoss ich die Privilegien, quer durchs Land zu den Spielen kutschiert zu werden und auch mal gegen internationale Mannschaften antreten zu dürfen. Die Show hob ich mir für die Busfahrten auf.

Erzählen Sie!
Das war schon in der Schule so: Die letzten fünf Minuten der Musikstunde gehörten immer mir. Der Lehrer sagte: »Achim, jetzt du!« Ich griff mir also die Gitarre und sang die neuesten West-Schlager! Auf den Fahrten zu den Spielen oder in den Jugendherbergen, in denen wir untergebracht waren, war es ähnlich: »Achim, sing mal!«, hieß es da. Und ich unterhielt meine Mitspieler mit den Beatles und den Rolling Stones.

Warum reichte es bei Ihnen nicht zum bezahlten Fußballer?
Gut genug war ich ja. Doch dann wurde aus Vorwärts Berlin Vorwärts Frankfurt. Man bot mir einen Platz im Kader der Herrenmannschaft an, aber dafür hätte ich erstens nach Frankfurt/Oder ziehen und zweitens Armeemitglied werden müssen. Ich besprach das mit meiner Familie. Der Rat meines Vater gab schließlich den Ausschlag: »Junge, mit Musik kannst du viel länger Geld verdienen.« Wie Recht er hatte! Ich wechselte also zu Empor Berlin und arbeitete nebenher an meiner Karriere als Musiker.

Sie waren Libero. Welche Fähigkeiten als Fußballer konnten Sie auch auf der Bühne nutzen?
Den Blick für den Raum! Ich kann bis heute in der ersten Minute erkennen, wie das Publikum tickt. Geht es gleich voll mit? Oder muss ich mich bei den ersten zehn Reihen besonders anstrengen, um sie in Stimmung zu bringen?


Wir haben Ihnen was mitgebracht: Die LP von »Fußball ist unser Leben – Es singt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft für die Fußball-Weltmeisterschaft 1974«. Waren Günter Netzer, Franz Beckenbauer und Co. die ersten deutschen Fußball-Popstars?
Zuerst einmal: Singen konnten die alle nicht. Ich kenne überhaupt nur einen Fußballer, der musikalisch begabt war: Petar Radenkovic. Radi, der König! Ich glaube, Netzer und Beckenbauer hatten nie die Motivation, sich als Popstars zu inszenieren. Das haben die Medien übernommen. Ende der Sechziger wurde im Westen das Farbfernsehen eingeführt, 1972 wurde die BRD-Auswahl Europa-, 1974 Weltmeister. Plötzlich interessierte sich ein Massenpublikum für Fußball. Und die Kicker, ob sie wollten oder nicht, wurden auf einmal zu glitzernden Stars gemacht.

Günter Netzer hat im 11 FREUNDE-Spezial »Rebellen« zugegeben, dass seine Frau für seine berühmte Mähne verantwortlich war. Er selbst hätte es bei einem eher unpopulären Fassonschnitt belassen.
Siehste! Die Fußballer hatten nie wirklich Ambitionen, als Popstars durchzugehen. Man hat sie dazu gemacht.

Im Vergleich zu den Fußballern aus der Bundesliga wirkten die Spieler aus der DDR mausgrau. War der Osten wirklich so trist?
Natürlich nicht! Aber die Berichterstattung unterschied sich eklatant. Kurz nach der Wende bekam ich einen Anruf von einem Journalisten: »Herr Mentzel, wir kommen zu Ihnen nach Hause!« Ich: »Warum das denn?« Er: »Für eine Homestory!« Ich: »Was is’n ditte?« So was kannten wir ja alles gar nicht.

Kurze Pause.

Mentzels Frau stellt Lasagne auf den Tisch. Den Fotografen lacht er aus, weil der sich nur eine kleine Portion auf den Teller löffelt. Achim Mentzel ist klein, dick, trägt Schnauzer, Minipli (Zitat Mentzel: »Das sind Naturlocken!«), und wenn er lacht, dann sieht das aus, als wenn ein Clown kleine Kinder erschrecken möchte. Man kann diesen Mann so wunderbar einfach unterschätzen. Dabei liest sich seine Vita aufregender als jede Rock’n’Roller-Biografie: Als die Beatles und die Rolling Stones die westliche Welt im Sturm eroberten, gründete der 1946 in Berlin geborene Mentzel 1963 das »Diana Show Quartett« und zog, die verpönten West-Hits singend, durch die DDR. 1972 blieb er nach einem Auftritt mit dem »Alfons-Wonneberg-Sextett« in West-Berlin. Der Hauptgrund: »Ich hatte gerade Mist bei meiner zweiten Frau gebaut.« Republikflucht wegen Seitensprung – mehr Rock’n’Roll ging in der DDR nicht. Auf dem Arbeitsamt der erste Dämpfer für den Künstler: »Als ich dem Mann vom Amt meinen Beruf nannte, sagte der nur: ›Gaukler und Fallensteller haben wir hier genug!‹« Mentzel verdingte sich als Schweißer von Auspuffanlagen. Nach wenigen Monaten zog es ihn wieder hinter den Eisernen Vorhang. Die Apparatschiks zeigten sich vergleichsweise milde und verdonnerten den Musiker zu einer Bewährungsstrafe. Später lernte er die junge Nina Hagen kennen und zog mit ihr durchs Land. In den Achtzigern machte sich Mentzel, längst einer der bekanntesten DDR-Schlagerbarden, als Solist einen Namen und sang Vereinshymnen für Energie Cottbus und Union Berlin ein. Nur wenige Wochen vor dem Mauerfall feierte »Achims Hitparade« Premiere – eine Schlagersendung, die bis 2006 auf Sendung blieb. »Und meine Existenz sicherte«, wie Mentzel heute sagt. Die Lasagne ist aufgegessen. Es gibt Kirschen aus dem Garten der Freundin seines Sohnes.

Das Interview geht weiter.


Was ist eigentlich schöner: Vor 5000 Zuschauern ein Tor zu schießen und im Jubel zu baden oder 5000 Zuschauer beim Konzert zum Kochen zu bringen?
Das nimmt sich nicht viel. Und da ist es auch egal, ob nur 500 Leute auf der Tribüne oder vor der Bühne stehen. Wenn die nach dem letzten Lied alle völlig aus dem Häuschen sind und rufen »Achim, du bist die geilste Sau der Welt!«, dann ist das einfach überragend. Beim Fußball genau das gleiche. Ein besseres Gefühl gibt es nicht. Dein Ego ist auf dem Zenit, du stehst da, grinst und denkst: Jetzt bist du der Größte!

Noch eine Gemeinsamkeit von Fußballern und Musikern: So ein Gefühl hält nicht lange vor.
Das stimmt. Du rast durchs Leben in einer Gefühlsachterbahn. Eben noch der große Held auf dem Platz, jetzt der große Idiot, der den Elfmeter verursacht hat. Eben noch die geilste Sau der Welt, jetzt der Typ, der seine CDs wieder in den Kombi wuchtet.

Apropos Gefühlsachterbahn: Würden Sie sich als echten Fußballfan bezeichnen?
Deswegen sitzen wir doch hier, oder? Es gibt drei Dinge in meinem Leben, die mir wirklich wichtig sind: Familie, Musik und Fußball.

Wem gilt dann Ihre Zuneigung?
Früher Union Berlin, heute vor allem Energie Cottbus.

Für beide Klubs haben Sie eine Vereinshymne geschrieben und gesungen.
Nicht ganz richtig: Geschrieben und gesungen habe ich nur die Energie-Hymne. (Singt:) Energie-gie-gie, wir kämpfen wie noch nie... Der Text zu »Stimmung in der Alten Försterei« stammt von Harry Jeske, einem Gründungsmitglied der Puhdys.

Was war der schönste Moment in Verbindung mit diesen Stadionhits?
Als wir 1997 die Aufstiegsspiele gegen Hannover 96 gewannen und das ganze Stadion mein Lied sang. Cottbus in der zweiten Bundesliga und dann »Energie-gie-gie …«  – das war sensationell! Bis die Männer mit den langen Mänteln kamen.

Männer? Lange Mäntel?
Kennste nicht? So nennt man bei uns im Osten die Typen aus dem Westen, die nicht ganz koscher sind. Kaum war Energie aufgestiegen, tauchten solche Gestalten auch in Cottbus auf. Nach dem Motto: Siehe da, die Ossis sind jetzt bei den Profis, da können wir bestimmt ein bisschen Geld machen. Beim ersten Heimspiel der neuen Saison sitze ich auf meinem angestammten Platz im Stadion, nach knapp einer halben Stunde fällt das 1:0. Und plötzlich spielen die ein anderes Lied ein: (singt) Nananana, nananana …

Was haben Sie in diesem Moment gedacht?
Dass mein Kumpel in der Sprecherkabine bloß den falschen Knopf gedrückt hat. Nach dem Spiel sprach ich ihn darauf an. Er sagte: »Achim, tut mir leid, das Präsidium hat sich von den langen Mänteln überzeugen lassen, einen anderen Song zu spielen.«

Ihre Antwort?
Ich sagte: »Dann habt ihr jetzt einen treuen Fan weniger.«

Sie waren beleidigt.
Ich war todtraurig! Mir blutetet das Herz. Jahrelang sangen die Leute meine Musik, und dann sagten irgendwelche Leute mit viel Geld, die keine Verbindung zu dem Verein hatten: »Das wollen wir hier nicht mehr!«

Wie reagierte Energie auf Ihr Fernbleiben?
Ein paar Wochen später, ich war gerade mal wieder auf Achse, tauchte eine Delegation vor meinem Haus in Gallinchen (einem kleinen Dorf bei Cottbus; d. Red.) auf. Trainer, Präsident, Vize-Präsident, alles was Rang und Namen hatte. Meine Frau stand mit denen im Garten. »Frau Mentzel, sagen Sie doch ihrem Mann, dass er wieder ins Stadion kommen soll!« Sie antwortete: »Tut mir leid, wenn der Achim sich entschieden hat, nicht mehr zu den Spielen zu kommen, dann lässt er sich auch nicht überreden.« Und seitdem war ich nie wieder da.

Kann man denn einfach so seiner Liebe abschwören?
Natürlich nicht! Ich kaufte mir einen großen Fernseher und sah die Spiele von da an in der Glotze.

Sind Sie nie schwach geworden?
Januar und Februar sind für einen Musiker traditionell Saure-Gurken-Monate. Da hätte ich eigentlich immer genügend Zeit, um mal wieder ins Stadion zu gehen. Aber ich schwöre: Ich war nie wieder da! Selbst als eines Tages ein Fanklub vor meiner Tür stand und sagte: »Achim, wir wollen deine Hymne wieder!« Das fand ich toll, das fand ich richtig rührend. Aber es änderte nichts an meiner Entscheidung. Und wenn ich die Entwicklungen der vergangenen Jahre betrachte, habe ich auch nicht viel falsch gemacht.

Was meinen Sie?
Ein Stadion ist ja auch in Cottbus längst keine reine Spielstätte mehr, sondern ein Ort, um Geschäfte zu machen. VIP-Räume sind mir ein Graus: Da bekommen Menschen eigene Eingänge, damit sie ja nicht mit dem Pöbel warten müssen, und sperren sich in verglasten Räumen ein, um über Geld zu sprechen, statt Fußball zu gucken. Ja, geht’s denn noch?

Jetzt klingen Sie wie ein junger Ultra.
Kann sein, aber was Fußball angeht, bin ich Traditionalist! Das war doch immer das Besondere: Menschen aller sozialen Klassen kommen an einem Ort zusammen, um sich ein Spiel anzuschauen, darüber zu sprechen und zu streiten. Inzwischen werden ganz bewusst Grenzen aufgebaut. Die da oben, die da unten. Da bleibe ich lieber zu Hause und schreie meinen Fernseher an.

Sehen Sie in dieser Entwicklung eine Gefahr für das Massenphänomen Fußball?
Manchmal denke ich da fatalistisch: Wenn schon große Vereine wie der MSV Duisburg keine Geldgeber finden und von der Pleite bedroht sind, wenn es Vereinsverantwortliche schon nicht mehr interessiert, wenn ihre Fans zwölf Minuten schweigen, um ihren Ärger auszudrücken, dann ist der Sport auf lange Sicht gefährdet. Fußball ist wie Pappe: Je mehr die Grundsubstanz aufgeweicht wird, desto weniger ist er zu gebrauchen.

Wann hat Sie der Fußball das letzte Mal im positiven Sinne emotional berührt?
Während der Weltmeisterschaft 2010 war ich völlig im Fieber. Ich fuhr in den Baumarkt, kaufte mir Erdmännchen-Figuren aus Stein mit Deutschland-Trikot – ich bin Erdmännchen-Sammler – und tapezierte unsere Terrasse mit schwarz-rot-goldenen Fahnen zu.
(Mentzels Sohn, der bei dem Gespräch anwesend ist, ruft dazwischen) Vergiss nicht die Vuvuzela, Papa!
Stimmt! Bei jedem deutschen Tor habe ich damit für gute Laune in der Nachbarschaft gesorgt. Was ein Spaß!

Die schwarz-rot-goldene Vuvuzela gibt es tatsächlich, sie hat einen Ehrenplatz auf der Mentzelschen Terrasse. Und überall Erdmännchen, es ist nicht zu fassen. Der Schlagersänger wohnt bescheiden, aber bequem: ein großer Garten, Pool, zwei Autos vor der Tür. Dass er noch immer mit Musik Geld verdient, hat er nach eigener Aussage dem Erfolg von »Achims Hitparade« zu verdanken – und Oliver Kalkofe. Der schoss sich in seiner »Mattscheibe« Mitte der Neunziger verstärkt auf Mentzels zum Teil groteske Auftritte im MDR ein, in seinem bekanntesten Sketch beschrieb er Mentzels äußere Erscheinung als »irgendwo zwischen Tony Marshall, dem Yeti und einem überfahrenen Hamster«. Mentzel selbst saß vor dem Fernseher, hörte den bösen Witz – und lachte sich schlapp: »Ich sagte zu meiner Frau: Jetzt erobern wir den Westen, jetzt kennt mich da doch jede Sau!«



Wenn sich morgen, sagen wir, Borussia Dortmund bei Ihnen melden würde und Sie bäte, eine neue Klubhymne zu schreiben, würden Sie das machen?
Warum denn nicht? Aber nur mit Unterstützung der Fans, die müssten mir ein paar stimmige Schlagworte nennen.

Anders gefragt: Gibt es einen Verein auf der Welt, für den Sie nie im Leben eine Hymne verfassen würden?
Ich bin zwar Fan, aber noch viel mehr Musiker. Deshalb: Lieber Roman Abramowitsch, wenn du willst, dass der dicke Mentzel aus dem Osten deinen FC Chelsea musikalisch in Schwung bringt, melde dich bei mir! Ich mache alles. Sogar Pop.

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Hinweis: Das Interview erschien erstmals in unserem 11FREUNDE-Spezial »Fußball und Pop«

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