Werner Spinner über den neuen FC, Peter Stöger und einen Supergau

»Ich habe keine Ahnung vom Fußball«

Als Werner Spinner Präsident des 1. FC Köln wurde, lag der Klub wirtschaftlich und sportlich wieder mal am Boden. Seitdem arbeitet der 65-Jährige intensiv daran, den FC von seinem Chaos-Image zu befreien.

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Werner Spinner, täuscht der Eindruck oder ist die Stimmung beim FC aktuell so gut wie lange nicht?
Im Moment ist alles sehr ruhig für Kölner Verhältnisse, fast paradiesisch. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass viele Probleme, die wir übernommen haben, noch nicht gelöst sind.
 
Was brennt am meisten auf den Nägeln?
Wir haben nach wie vor mehr als 30 Millionen Euro Schulden. Und aufgestiegen sind wir auch noch nicht.

Sie wurden im April 2012 zum FC-Präsidenten gewählt. Wie stellte sich Ihnen die Situation bei Amtsübernahme dar?
Wir hatten Spieler, die sich außerhalb des Platzes daneben benahmen, wir hatten ständig Interna in den Medien, wir hatten ein Handgemenge auf einer Mitgliederversammlung, bei der  die »FC-Charta«, ein Wertekodex, verabschiedet wurde. Die wirtschaftliche Situation war gefährlich, die sportliche auch, und unsere Außendarstellung war schlecht.

Und nach all dem übernahmen Sie die Amtsgeschäfte.
Ich bin da vielleicht etwas gutgläubig reingegangen, aber ich bin Kölner, war immer Fan dieses Vereins. Da ich aus der Wirtschaft komme, habe ich eher auf diesen Bereich mein Augenmerk gelegt. Von der Fanproblematik wusste ich so gut wie nichts. Vor meiner Kandidatur bezog ich mein Wissen über den FC ausschließlich aus den veröffentlichten Informationen. Auch über die Höhe der Schulden war ich nicht im Bilde.
 
Aber Sie müssen sich doch vorab ein Bild der wirtschaftlichen Lage gemacht haben.
Es hieß verständlicherweise immer, man könne mir keine Interna geben, ehe wir nicht gewählt sind. Mir wurde erst nach und nach klar, dass die wirtschaftliche Situation dieses Vereins grauenvoll ist. Ohne die Anleihe, die wir aufgelegt haben und die 12,5 Millionen Euro gebracht hat, hätte uns vielleicht sogar die Insolvenz gedroht.
 
Und dann war da noch der chaotische letzte Spieltag der Saison im Mai 2012.
Da stand ich als im Profi-Fußball komplett neuer Präsident oben auf der Tribüne, fassungslos, und sah den Platzsturm, die Polizei und die Sicherheitskräfte auf dem Rasen. Unser damaliger Geschäftsführer stand neben mir und sagte: »Das ist der Supergau.«
 
Wie verhält man sich in so einer Situation als Verantwortlicher?
Ich habe mich anschließend mit meinen Vorstandskollegen voll reingehängt in die Aufgabe. Aus dem Ehrenamt wurde bald ein Fulltimejob. Das war sehr anstrengend, zumal ich wusste: Vom Fußball habe ich keine Ahnung.

Damit kokettieren viele Vereinsbosse, halten sich aber trotzdem nicht raus.
Sorry, ich bin 65 Jahre alt und habe zumindest dieses Körnchen Weisheit, was Selbsterkenntnis angeht. Nochmal zum Mitschreiben: Ich habe keine Ahnung vom Fußball. Aber ich kann mit Zahlen umgehen und habe ein gutes Gespür für die richtige Auswahl von Menschen. Unsere Aufgabe als Vorstand ist es, Leute zu suchen, die etwas davon verstehen und verantwortungsvoll arbeiten. Der Sportdirektor war weg, der Trainer war weg, die Geschäftsführung hat ihren Vertrag nicht verlängert. Also haben wir uns auf die Suche nach neuen Leuten gemacht.

Wenn Sie keine Ahnung vom Fußball haben, wie hat sich Ihnen die sportliche Situation beim Abstieg 2012 dargestellt?
Nach Gesprächen mit ein paar Leuten im Klub war mir klar, dass das, was während der Saison auf dem Platz gestanden hatte, keine Mannschaft war. Es war im Wesentlichen eine Zusammenführung von Ich-AGs, die ziemlich gutes Geld verdienten. Und von denen einige in der Rückrunde 2011/12 durch ihre Leistungen leider ihren Marktwert gen Null gespielt haben.

Harte Worte.
Wenn man für seinen Kader 34 Millionen Euro zur Verfügung hat, darf man nicht absteigen. Als alle ausgeliehenen Spieler zurück waren, hatten wir einen Kader mit über 40 Spielern. Viel zu viel. Und die Vertragssituation war auch nicht besonders ermutigend. Wir mussten bis Saisonbeginn 2012 eine neue Mannschaft aufbauen und dabei unbedingt Spieler loswerden. Das war nicht einfach. Es war schwer, Spieler zu verleihen, weil sie zum Teil Gehälter bekamen, die kein Verein bezahlen wollte. Wir haben eine Reihe von Abfindungen zahlen müssen.

Welche Abfindung hat Sie am meisten geschmerzt?
Da will ich keinen einzelnen Fälle herausheben.
 
Mit Holger Stanislawski hatten Sie bald nach dem Abstieg 2012 einen neuen Trainer. Offen blieb jedoch fast ein Jahr lang die Frage nach dem neuen FC-Sportdirektor.
Ich nutzte beim letzten Saisonspiel 2011/12 gegen den FC Bayern München die Gelegenheit und sagte beim Essen zu Uli Hoeneß: »Ich bin ein Grundschüler in Sachen Fußball. Geben Sie mir einen Rat, wen soll ich als Geschäftsführer Sport einstellen?« Da antwortete Hoeneß: »Es gibt nur drei oder vier gute Manager. Einer davon heißt Jörg Schmadtke.« Leider ist das damals nicht zu Stande gekommen.
 
Stattdessen holten Sie Schmadtkes rechte Hand: Jörg Jakobs.
Wir hatten mitbekommen, dass er in Köln wohnt und sein Vertrag Ende Juni 2012 auslief. Das war eine der wichtigsten Akquisitionen. Mit Herrn Jakobs kann ich als Ungelernter sehr gut reden und auch verstehen, worum es geht.

Welchen Anteil hat er am aktuellen Erfolg der Mannschaft?
Jörg Jakobs und Holger Stanislawski haben den Umbruch gestaltet, der jetzt Früchte trägt. Stanislawski habe ich als jemanden erlebt, der sich mit Haut und Haaren in diesen Job gestürzt hat. Dass der Trainer am Ende Tribut für diese horrend anstrengende Saison gezahlt hat und letztlich um Auflösung seines Vertrages bat – ganz ohne Abfindung – war bitter, aber ich kann es auch nachvollziehen. Zumal es anfangs nicht rund lief und man in Köln dann schnell von den Medien in seine Einzelteile zerlegt wird. Wir haben allerdings in dieser Zeit zugleich auch eine Menge Unterstützung von Fans und Mitgliedern erfahren.
 
Aber es kam zum Happy-End. Mit Peter Stöger als Coach und dem vorzeitigen Wechsel von Jörg Schmadtke fanden Sie vor dieser Saison eine neue sportliche Führung.
Wir hatten als Zweitligist bei gleichzeitigem Interesse von einigen Erstligavereinen zunächst nicht so gute Karten. Bei Schmadtke hatten wir aber mit Herrn Jakobs einen Magneten.
 
Haben Sie auch mit anderen Sportdirektoren gesprochen?
Ja, das haben wir. Aber es hat nicht »Klick« gemacht. Außerdem haben einige frühzeitig signalisiert, dass das Umfeld in Köln ihnen nicht ganz geheuer ist.
 
Und Jörg Jakobs wollte den Job partout nicht machen?
Ich habe ihn aufgezogen: »Herr Dr. Jakobs, Sie haben einen Doktortitel in Sportwissenschaften, wollen aber nicht Sportdirektor des FC werden…?« Im Ernst: Aus meiner Sicht ist es wichtig, Leute das machen zu lassen, was sie gerne tun. Ich habe viele Situationen erlebt, in denen gute Leute auf Posten befördert wurden, auf denen sie unglücklich wurden, die sie aber angetreten haben, weil man mehr Geld und einen Karrieresprung eben nicht ablehnt. Jakobs hat sehr ernsthaft darüber nachgedacht, dann aber abgesagt, weil er das weitermachen wollte, was er gut und gerne macht. Davor habe ich höchsten Respekt.
 
Wie fanden Sie Jakobs’ Idee Peter Stöger nach Köln zu holen?
Wenn man sich für Leute entscheidet, muss man ihnen auch das Vertrauen geben. Sechs Wochen bevor Stanislawski sagte, dass er aufhören will, hatte unser Geschäftsführer, Herr Wehrle, schon mal gefordert: »Wir müssen für den Fall der Fälle anfangen, Trainerscouting zu betreiben…« Als es dann soweit war, kam Herr Jakobs mit einer Liste, auf der ganz oben Peter Stöger stand. Ich habe zwei Gespräche mit dem Trainer geführt. Seine Ruhe und Gelassenheit haben mich von Anfang an überzeugt.
 
Werner Spinner, wie fragil ist das gegenwärtige Erfolgsmodell des 1. FC Köln?
Ich glaube, mit der Katastrophensaison 2011/12 ist so etwas wie ein Ruck durch die Fanszene gegangen. Wie oft höre ich: »Ich finde super, dass es jetzt mehr Transparenz und Realitätssinn gibt.« Das ist ein gutes Zeichen. Und es war auch bemerkenswert, mit welcher Gelassenheit das Umfeld in Köln den Nichtaufstieg 2013 ertragen hat. Wobei sicher auch wichtig war, dass wir das auch nie als Ziel ausgegeben hatten.
 
Keine Störfeuer aus dem »Kölschen Klüngel« mehr?
Nein. Da fällt mir, was solche Dinge betrifft, eigentlich nur noch eine Sache ein. Wir haben unsere Klubveteranen vor Weihnachten zum Essen eingeladen, auch Wolfgang Overath. Er ist leider nicht gekommen. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Baustelle noch schließen, denn Overath hat unheimlich viel für den Verein geleistet. Das ist das, was mich noch ein bisschen beschäftigt. Ansonsten ist es ruhig.
 
Wirklich?
Natürlich gibt es mal Kritik, aber das muss man aushalten, es ist ja kein Beliebtheitswettbewerb. Aber wenn wir als Repräsentanten des Vereins das Vertrauen der Fans und Mitglieder gewinnen und rechtfertigen, dann verzeihen sie auch Fehler. Diese Stadt lebt mit den Erfolgen und Misserfolgen des 1. FC Köln.

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