28.04.2007

Werner Lorant im Interview

„Ich sollte Hund essen“

Werner Lorant ist zurück, als Trainer der SpVgg Unterhaching. Hier erzählt der gute alte Dinosaurier, wann er den Fußball zu lieben lernte, von den kulinarischen Gepflogenheiten in Korea und ob er sich schon mit Wildmoser versöhnt hat.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Werner Lorant, was ist Ihre früheste Erinnerung an den Fußball?

Das ist schon sehr, sehr lange her – Mitte der 50er Jahre. Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen, und wir haben viel gespielt, miteinander, gegeneinander. Meine Vorbilder waren Helmut Rahn und später Stan Libuda, technisch überragende und torgefährliche Spieler.



Mit Verlaub: Als Spieler galten Sie eher als Arbeiter denn als Techniker.

Das ist doch in Ordnung. Ich bin ein Arbeiterkind und auch als Fußballer ein Arbeiter gewesen. In gewisser Hinsicht muss jeder Fußballer arbeiten, sowohl die Talentierten als auch die weniger Talentierten – jeder nach seiner Veranlagung. Wichtig ist nur: Es muss ein Zusammenspiel sein. Dann funktioniert das auch.

Im Gegensatz zu jemandem, der mit Talent gesegnet ist, mussten Sie sich vieles im wahrsten Sinne des Wortes erarbeiten. Dazu braucht es Disziplin. Steckte diese Disziplin in Ihnen, oder mussten Sie sie sich verordnen?

Es war ein Prozess. Früher spielten Disziplin und Ehrgeiz eine größere Rolle als heute. Heute kommen die Spielerberater, sagen zu den jungen Spielern: „Du bist ein Guter!“ und halten ihnen einen Vertrag unter die Nase. Wir mussten uns früher erst einmal durch die niederen Klassen beißen.

Haben Sie mit den Entbehrungen gehadert, die Sie dafür in Kauf nehmen mussten?

Ich habe jeden Tag trainiert oder gespielt. Wenn meine Freunde abends ausgingen, musste ich passen. Aber ich habe nichts entbehrt. Ich wollte ja Fußball spielen, gut Fußball spielen. Das war mein Leben.

Fühlen Sie sich heute als Trainer den Arbeitern in Ihrer Mannschaft näher als den Künstlern?

Nein. Es muss, wie gesagt, ein Zusammenspiel sein. Der Arbeiter muss seine Arbeit machen und versuchen, immer noch etwas dazu zu lernen. Und auch der hochbegabte Techniker muss seinen Möglichkeiten entsprechend arbeiten. Wenn das gegeben ist, habe ich mit den zwei verschiedenen Typen überhaupt kein Problem.

Wann haben Sie erstmals festgestellt, dass der Fußball Ihr Lebensinhalt werden könnte?

Das habe ich schon sehr früh gemerkt. Damals gab es ja nichts anderes als Fußball. Und außerdem hat mir dieser Sport sehr viel Spaß gemacht. Ich liebe ihn über alles.

Welcher Trainer hat Sie besonders geprägt?

Branko Zebec. Ich habe ihn bei Eintracht Frankfurt erlebt. Er war sehr hart, aber ich persönlich hatte mit ihm nie ein Problem. Er hatte eine für mich sehr angenehme Art, wie er trainieren ließ, wie er die Spieler anfasste. Er hat nicht viel geredet – nur wenn es nötig war. Er hat von den Spielern erwartet, dass sie selbständig denken, und seine Vorgaben gemacht. Wenn man sie erfüllt hatte, war man sein Spieler – wenn nicht, dann eben nicht.

Profitieren Sie heute, da Sie selbst Trainer sind, noch von dieser Prägung?

Ein bisschen schon. Natürlich wird heute anders trainiert. Und doch habe ich einige Übungen behalten, die sehr anstrengend sind und die man in gewissen Situationen anwendet, zum Beispiel, wenn eine große Willenskraft gefordert ist.

Viele sagen, das sei unmodern.

Für mich gibt es weder modernes noch unmodernes Training, für mich gibt es nur Training. Wenn ein Spieler mal über seine Schmerzgrenze hinausgehen muss, ist das doch nicht zuviel verlangt – bei den Gehältern! Man muss für sein Geld etwas leisten, für seine Ziele, für den Verein und für die Leute, die da sitzen und zuschauen. Dafür ist eine gewisse Härte erforderlich. Mit Weichheit und Angst wird niemand seine Ziele erreichen.

Wo liegen die größten Unterschiede zwischen Ihrer aktiven Zeit und heute?

Heute ist alles moderner. Das fängt beim Ball an, bei den Schuhen und der Kleidung. Das ist alles viel besser geworden. Und es geht bei der Logistik weiter. Früher sind wir von Braunschweig nach Saarbrücken mit dem Bus gefahren. Das war normal. Heute wird selbstverständlich geflogen. Das kommt natürlich der Regeneration zu Gute. Doch die Spieler dürfen dabei nicht vergessen, dass sie arbeiten müssen, arbeiten, arbeiten, arbeiten. Und ich als Trainer muss ihnen das vermitteln.

Ihre Einstellung zum Beruf und Ihre Haltung gegenüber den Spielern sind von den Medien oftmals unter dem Stichwort „Werner Beinhart“ belächelt worden.

Mit Klischees muss ich leben. Ich kann nur sagen: Meine Spieler haben bei mir ein gutes Leben. Ich vermittele Ihnen den nötigen Willen. Schauen Sie doch, wie viele Jugendliche auf den Straßen rumgammeln. Wie viel Freizeit die haben! Was da angestellt wird!

Sie sehen sich also auch als Pädagoge.

Natürlich! Das gehört dazu. Man muss den Spielern erklären, warum sie etwas genau jetzt tun müssen und welche Effekte das in der Zukunft haben wird. Jeder tut es für sich, und wenn er es tut, dann profitiert die Mannschaft davon.

Dabei haben Sie doch einmal gesagt: „Warum soll ich mit den Spielern reden? Ich bin doch kein Pfarrer.“

Man lernt dazu. Das bringt die Zeit mit sich. Ich habe viel aus meiner Zeit im Ausland mitgenommen. Wenn ein Spieler mit mir sprechen möchte, kann er immer an meine Tür klopfen.

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