Werner Hansch im Interview

„Der Fan ist die Basis“

Im neuen 11FREUNDE-Heft sinniert Radio-Legende Manni Breuckmann über die Entwicklung des deutschen Fußballs. Wir sprachen darüber auch mit seinem Kollegen und ehemaligen Schalke-Stadionsprecher Werner Hansch. Imago
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Herr Hansch, Sie waren in den Jahren 1973 bis 1978 als Stadionsprecher bei Schalke tätig. Das Berufsprofil hat sich im Laufe der Jahre geändert. Erkennen Sie noch Ähnlichkeiten?

Sicherlich. Bestimmte Standards bleiben immer bestehen. Aber ein Stadionsprecher ist heute noch mehr ein Entertainer, als er es zu meiner Zeit war.

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Stört Sie diese Entwicklung?

Als ich Stadionsprecher bei Schalke war, hatten wir in der Bundesliga ein Problem mit Gewalt in den Stadien. Ich nahm Kontakt mit dem Kölner Stadionsprecher Gerd König auf, und wir beide organisierten ein Treffen aller 18 Stadionsprecher. Wir wollten Erfahrungen austauschen und Wege finden, wie wir auf mögliche Krawalle im Stadion einwirken könnten. Heute erlebe ich teilweise eher Gegenteiliges aus der Sprecherkabine oder direkt vom Rasen aus – und das stört mich.

Verfallen Sie in Wehmut, wenn Sie an die Bundesliga der 70er und 80er zurückdenken?

Wehmütig betrachte ich das nicht. Man kann die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Und dass früher alles besser gewesen ist, würde ich auch nicht unterschreiben wollen. Man neigt gerne zur Verklärung der Vergangenheit, aber das ist nicht hilfreich. Die Dinge haben sich so entwickelt, und wir müssen damit leben. Über manche Erscheinungen lächle ich: Die Cheerleader zum Beispiel haben eigentlich im Stadion nichts verloren, aber nett anzuschauen sind sie schon. Auch gab es damals keine VIP-Logen in den Stadien.

Die doch aber für die modernen Geschäftsgebaren der Vereine unumgänglich sind.

Sicher. Und ich habe dafür auch größtes Verständnis, aber nicht wenn dafür der einfache Fan verdrängt wird. Er ist die Basis, und für dessen Erhalt sind die Vereine verantwortlich. Die Logen brachten eine neue Zuschauerschaft ins Stadion, wodurch sich ein neuer Kundenkreis für die Vereine ergab, aber die Clubs müssen auch dafür sorgen, dass die Stehplätze nicht durch die VIP-Käfige verdrängt werden.

Wenn sich der einfache Fan keine Spiele mehr leisten kann, geht die Stimmung den Bach hinunter.

Die Gefahr ist eindeutig gegeben. Ich weise hier noch einmal auf die Verantwortung der Vereine hin. Nehmen wir Schalke. Ich weiß, dass Rudi Assauer im Zuge der Errichtung des neuen Stadions immer wieder betonte, dass man die VIP-Logen ganz einfach aus wirtschaftlicher Sicht heraus brauche. Doch ebenso, wenn nicht gar noch mehr, lag ihm der klassische Schalke-Fan am Herzen. Er sorgte dafür, dass die Leute trotz dieser modernen Arena auch weiterhin für einen niedrigen Preis in den Stehblock kamen. Überhaupt weist die Arena auf Schalke verhältnismäßig viele Stehplätze für ein modernes Stadion auf. Es darf einfach nicht soweit kommen, dass wir in den Fußballtempeln nur noch die geldbestückten Eventvertreter antreffen – und der Rest verschwindet.

Neben den Geschäftsleuten sind mittlerweile auch Größen aus Show und Politik im Stadion anzutreffen.


Das ist richtig. Der Fußball hat in den Jahren, in denen ich diesen Sport nun begleite, erheblich an gesellschaftlichem Prestige dazugewonnen. Wer sich da heute alles die Klinke in die Hand gibt – gerade bei Final- oder Länderspielen – das war damals undenkbar.

Eine Entwicklung, die Sie stört?

Nein. Da gibt es nichts zu beklagen. Man braucht beide Seiten: Den einfachen Malocher, der sein Herzblut für den Verein gibt, genau so wie die wohlhabenden Besucher, die dem Ganzen manchmal auch einen würdigen Rahmen geben können.

Kommen wir zu den Hauptakteuren des Spektakels, den Spielern. Haben sie heute mehr Einfluss als in der Bundesligafrühzeit?

Ganz sicher ist das so. Die Eventisierung und Kommerzialisierung schreitet voran und lässt aus manch einem Spieler ein kleines Unternehmen werden. Dazu noch die Folgen des Bosman-Urteils: Die heutigen Spieler würden nur müde lächeln über die Gehälter aus den 70er Jahren. Es existiert also mehr Macht bei den Spielern und ganz klar auch mehr Macht bei den Beratern – für mich oftmals zu viel Macht, weil manche Herren dieser Kaste ihre Einflüsse immer weniger im Sinne der Spieler und Vereine als im eigenen Interesse geltend machen.



Auch sind die Spieler heute geschulter im Umgang mit den Medien.

Ja. Das sie mittlerweile richtige PR-Schulungen durchlaufen – davon halte ich gar nichts. Wir als Sportjournalisten brauchen den unverbrauchten Spieler, der in der Lage ist, drei Sätze zu formulieren. Aber wenigstens drei eigene Sätze – und keine auswendig gelernten Phrasen.

Haben Sie auch den Eindruck, dass eine Blaupause für Antworten in Interviews existiert...

...welche dann die Interviews per se eigentlich überflüssig macht. Ja, dieser Gedanke kann einen manchmal schon beschleichen. Aber wir brauchen auch Journalisten, die die richtigen Fragen stellen. Bei einigen Kollegen sehe ich da durchaus Nachholbedarf.

Wissen Sie eigentlich immer, wohin Sie am Spieltag zur Berichterstattung fahren müssen, wenn Sie die all die gesponserten Namen der Spielstätten hören?

(lacht) Durchaus. Und ich sehe das mit den Namensverkäufen auch gar nicht so skeptisch.

Aber geht den Vereinen nicht ein Stück Identität verloren?

Das denke ich nicht. Die Identität wird auf dem Rasen entschieden und ist nicht abhängig vom Stadionnamen. Du brauchst Spieler, die sich mit dem Verein identifizieren und den Fans zeigen, dass sie sich für die Mannschaft zerreißen. Solche Spieler sind es, die Identität stiften. Und wenn die dann alles geben, dann können sie auch vom Mond kommen und müssen nicht einmal die deutsche Staatsbürgerschaft haben.

Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft der deutschen Bundesliga?

Mein Wunsch ist, dass die Kommerzialisierung und Eventisierung in Bahnen verläuft, die noch kontrollierbar sind. Es muss unter den Bedingungen eines speziellen Tages immer noch möglich sein, dass der Tabellenletzte auch den Tabellenführer schlagen kann. Wenn das aufgelöst wird und das talentierte Spielerkapital auf zwei bis drei Vereine konzentriert wird und alle anderen Teams gegen den Abstieg spielen, dann sollten wir das Fußballspiel an den Computer verlagern.

Und nur noch virtuell spielen?


Fast. Wir geben dann Etats, Budgets und Spielergehälter ein, drücken eine Taste und unten kommt die Tabelle raus. Wenn der Solidaritätsgedanke soweit beschädigt wird, dass mein formulierter Wunsch nicht mehr gewährleistet ist, können wir Schluss machen. Und dass dieses Szenario nicht eintritt wünsche ich dem Fußball.

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Weitere Interviews dieser Serie:

Bochums Urgestein Lothar Woelk: "Die Fans wollen den Kommerz" www.11freunde.de/bundesligen/101923

Kampfschwein Willi Landgraf "Man gewöhnt sich an alles" www.11freunde.de/bundesligen/101924


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