Werders Torwartlegende über die Bremer Misere

Dieter Burdenski: »Thomas gibt nicht auf«

Einem wie ihm tut die aktuelle Misere des SV Werder Bremen in der Seele weh: Torwart-Ikone Dieter Burdenski machte 444 Spiele für die Bremer – so viele wie kein anderer. Im Interview spricht er über die Endzeitstimmung in der Hansestadt. Werders Torwartlegende über die Bremer Misere

Er war Nationaltorhüter, ist Ehrenspielführer des SV Werder Bremen und hält mit 444 Bundesligapartien noch immer den Vereinsrekord: Dieter Burdenski ist eine waschechte Werder-Legende. Dass sein Verein in diesen Wochen Schritt für Schritt Richtung Zweite Liga taumelt,  ist für den 60 Jährigen »nur schwer zu ertragen«. Drei Tage vor der Partie gegen Bayer Leverkusen spricht »Budde« über fehlende Führungsspieler, die Mission Klassenerhalt und wachsene Kritik am einstigen Erfolgsduo Allofs/Schaaf. 

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Dieter Burdenski, haben Sie sich das Nordderby am vergangenen Wochenende im Fernsehen angeschaut?

Dieter Burdenski: Natürlich.

Was macht Ihnen Mut für die letzten elf Saisonspiele?

Dieter Burdenski: Die Verunsicherung war den Werder-Profis in Hamburg deutlich anzusehen. Aus diesem Spiel kann man nichts Positives ziehen.

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Nun heißt es für den SV Werder: Abstiegskampf pur. Können die vielen Nationalspieler mit dieser ungewohnten Situation überhaupt umgehen?

Dieter Burdenski: Das ist die große Frage! Und vermutlich auch das große Problem. Klubs wie Kaiserslautern oder St. Pauli wissen vor der Saison ganz genau, dass sie gegen den Abstieg spielen werden. Das gesamte Umfeld stellt sich darauf ein und hat nur ein Ziel vor Augen, den Klassenerhalt. Für Werder ist das alles Neuland. Mit solchen Themen hat man sich hier schon lange nicht mehr befassen müssen. Die Beteiligten müssen diese prekäre Lage erstmal realisieren. Spätestens als das Team Ende Januar gegen Köln klar und deutlich mit 0:3 untergegangen ist, hat im Klub offenbar ein Umdenken eingesetzt.

Besonders erschreckend ist, dass auch Leistungsträger wie Mertesacker und Frings verunsichert wirken.

Dieter Burdenski: Da muss mehr kommen, das wissen die Spieler selbst am besten. Die Mannschaft braucht jetzt einfach ein Erfolgserlebnis.

Morgen kommt allerdings der Tabellenzweite ins Weserstadion...

Dieter Burdenski: ...Bayer Leverkusen ist jetzt genau der richtige Gegner!

Wieso?

Dieter Burdenski: Gegen Klubs wie Frankfurt oder Gladbach geht doch jeder automatisch davon aus, dass Werder gewinnt. Aber wir sehen: die Mannschaft kann solche Spiele derzeit nicht einfach so nach Hause bringen. Deshalb kommt Leverkusen zur richtigen Zeit, hier könnten die Jungs für eine Überraschung sorgen und mit Kampf und Leidenschaft die Wende einleiten.



Das Tandem Allofs/Schaaf steht in diesen Tagen eng beieinander.Trotz der sportlichen Krise und massiver öffentlicher Kritik betont Allofs immer wieder, dass ein Trainerwechsel kein Thema sei. Ist das der richtige Weg?

Dieter Burdenski: Thomas Schaaf ist ein erfahrener Trainer. Er kennt die Mannschaft sehr, sehr gut. Wenn man aber in den nächsten zwei, drei Spielen sieht, dass sich nichts verändert, dann gibt es irgendwann diese typischen Mechanismen – wir alle kennen das Geschäft. Zum jetzigen Zeitpunkt herrscht die Meinung vor, dass sich Klaus, Thomas und die Mannschaft gemeinsam aus dieser Situation rausziehen können. 

Werder braucht also keinen Feuerwehrmann?


Dieter Burdenski: Stand jetzt: nein.

Sie kennen Thomas Schaaf sehr gut, wie geht er mit dieser schwierigen Situation um? Denkt er in einer ruhigen Minute vielleicht sogar ans Aufhören?

Dieter Burdenski: Das glaube ich nicht! Thomas ist kein Typ, der aufgibt. Er ist ein akribischer Arbeiter, ein Trainer mit großem Fachwissen. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob er noch an die Mannschaft herankommt. Das kann ich aber nicht beurteilen, denn beim Training bin ich ja nicht dabei. Das gesamte Team muss als Einheit auftreten, das ist ganz wichtig. Jetzt sind die Spieler am Zug, sie müssen die Ärmel hochkrempeln. Davon hat man gegen den HSV leider nichts gesehen. Ich hoffe, dass Pizarro schnell wieder zurückkommt, auch Naldo fehlt der Truppe sehr. Es mangelt derzeit einfach an Qualität.

Immerhin Ecke – Was von Werder übrig bleibt >>

Apropos Qualität: War es fahrlässig, Hugo Almeida in der Winterpause abzugeben?

Dieter Burdenski: In der jetzigen Phase kann man das schon so sehen, ganz klar. Ich glaube aber nicht, dass jemand in der Winterpause damit gerechnet hat, dass es für Werder so eng wird.  Denni Avdic als Ersatz für Almeida, das passt leider noch nicht.

Aber Avdic ist erst 22 Jahre alt. Ihm gehört die Zukunft.

Dieter Burdenski: Die Zukunft ist jetzt! Nächsten Sonntag gegen Leverkusen, das ist die Zukunft. Was in einem halben Jahr passiert, kann uns jetzt egal sein. Die Situation ist sehr ernst und gefährlich. Ich bin mir sicher, dass Klaus Allofs einige Dinge inzwischen anders einschätzt als noch vor zwei Monaten. Ob er die Almeida-Geschichte bereut, weiß ich aber nicht. Fest steht: Wir brauchen vorne mehr Durchschlagskraft.

Insgesamt hatten Allofs und Schaaf bei den Neuzugängen in dieser Saison kein glückliches Händchen. Ist das nur Pech?

Dieter Burdenski: Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die beiden sehr gute Spieler nach Bremen holen können. Das sieht in dieser Runde etwas anders aus, das ist richtig. Da gab es vielleicht ein paar Fehleinschätzungen. Die Neuzugänge haben uns nicht wirklich weitergeholfen, das ist schade.

Heiß diskutiert wird auch über Klaus Allofs Doppelfunktion als Manager und Vorstandsvorsitzender. Mutet er sich zu viel zu?

Dieter Burdenski: Ich finde die Lösung nicht glücklich. Als Manager und zusätzlich im Vorstand zu arbeiten, ist eindeutig nicht ideal. Man muss schon – gerade in der heutigen Zeit – den Kopf frei haben für die Mannschaft und das Drumherum. Aber das muss jeder selbst entscheiden. Klaus ist alt genug. Und in der Vergangenheit hat er ja vieles richtig gemacht. Als Außenstehender sollte man die Leute in Ruhe arbeiten lassen. Aber eins ist auch klar, jeder wird in dem Geschäft am Erfolg gemessen. In den vergangenen Jahren lag man sich nach den tollen Erfolgen in den Armen, nun erleben wir die andere Seite. Das ist völlig normal und musste ja mal irgendwann so kommen. Aber: Ich bin überzeugt, dass Manager, Trainer und Mannschaft gestärkt aus der Situation herauskommen.

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