Wer wird Weltmeister, Jürgen Klinsmann?

»Mein Rückflug geht am 15. Juli«

Jürgen Klinsmanns Optimismus kennt keine Grenzen. Wie bei der WM 2006 hofft der US-Coach auch in Brasilien auf das richtige Momentum. Wir trafen ihn wenige Wochen vor WM-Start und sprachen über Geistesblitze von Berti Vogts, die Chancen in der Todesgruppe mit Deutschland und seinen übereilten Rücktritt als Bundestrainer.

David Zentz
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Dieses Interview erschien im WM-Sonderheft und wurde wenige Wochen vor WM-Start in Kalifornien geführt. Heute ist es erstmals online zu lesen.

Jürgen Klinsmann, Deutschland hofft auf den WM-Pokal. Sie müssten wissen, ob es diesmal klappt, schließlich waren Sie als Spieler an den letzten großen Titeln beteiligt.

Naja, ich habe zumindest eine ungefähre Ahnung, warum ein Team in einem Turnier erfolgreich ist und woran es liegt, wenn man scheitert.

Verraten Sie uns, worauf es bei einer erfolgreichen WM ankommt?
Auf zahllose Kleinigkeiten, auf das richtige Momentum, aber auch darauf, wie der Amerikaner sagt, the extra mile zu gehen. Sprich: über sich hinauszuwachsen.

Sie waren mit Deutschland Welt- und Europameister. Was machte diese Teams so stark?
Das lässt sich nicht verallgemeinern: Bei der EM 1996 hatten wir eine Mannschaft, die nicht so gut wie einige Konkurrenten war. Aber das Team war bereit, das Letzte aus sich herauszuholen. Zwei Jahre zuvor war es anders: Bei der WM in den USA waren wir mit Abstand die beste Mannschaft. Hätten wir gegen Brasilien im Finale gespielt, wären nur wir in der Lage gewesen, offensiv gegen sie zu agieren und sie unter Druck zu setzen.

Aber?
Wir haben es vergeigt, weil wir uns zu sicher waren, zu arrogant und selbstgefällig.

Was war das Geheimnis der Weltmeisterelf von 1990?
Damals spielten viele von uns in Italien: Icke Häßler bei Juve, Andy, Lothar und ich bei Inter, Rudi und Thomas Berthold bei Roma. Das passte. Wir hatten ein ähnliches Lebensgefühl, einen vergleichbaren Horizont. Und auch die Trainer passten zum Team.

Passen Sie zum US-Team?
Zumindest versuche ich, der Mannschaft so viel Erfahrung und Know-how wie möglich anzubieten, damit sie an Sicherheit gewinnt. Denn nur mit Selbstvertrauen wird sie in der Lage sein, auch große Nationen zu besiegen.

Bei der WM bekommen Sie es in der Vorrunde mit Deutschland, Portugal und Ghana mit drei Schwergewichten zu tun.
Ich bin mit den Auslosungsregularien der FIFA sehr unzufrieden. Wir haben eine reibungslose Quali gespielt und wurden bestraft, weil die Auslosungstöpfe sehr eigenwillig zusammengestellt wurden. Die Schweiz ist gesetzt als eine der acht Top-Mannschaften der Welt. Und wir kriegen neben dem gesetzten Deutschland noch Portugal zugelost, die zweifelsfrei zum erweiterten Favoritenkreis gehören. Wir haben Mexiko in der Quali deutlich hinter uns gelassen, Mexiko musste in die Play-offs gegen Neuseeland – und hat jetzt eine leichtere Gruppe als wir.

Sie rechnen sich keine Chancen aus?
Doch, natürlich. Wir sind nicht so vermessen, gegen Portugal und Deutschland als Favorit gehandelt zu werden. Aber unser Ziel ist klar: Wir müssen gegen Ghana mit einem Dreier ins Turnier starten. Ein Sieg könnte Kräfte freisetzen.

Damit setzen Sie Ihr Team fürs erste Spiel aber mächtig unter Druck.
Da braucht es keinen zusätzlichen Druck. Wir haben bei den letzten Weltmeisterschaften zwei Mal gegen Ghana verloren, da haben wir etwas gut zu machen.

Wie wird die WM-Gruppe in den US-Medien wahrgenommen?
It’s a group of death. Als die Auslosung vorbei war, das gebe ich zu, war in unserer Delegation ein Moment lang Stille. Aber dann kam gleich die Trotzreaktion: So what, let’s go for it.

Als Bundestrainer gaben Sie bei Ihrer Amtseinführung trotz wenig rosiger Aussichten den Titel als Direktive für die WM 2006 aus. Wie lautet Ihre Ansage an die US-Öffentlichkeit?
Es gibt ein Sprichwort: Start with the end in mind. So sehe ich das auch. Wir schlagen Ghana, überstehen die Vorrunde – und dann legen wir richtig los. Meinen Rückflug aus Brasilien habe ich jedenfalls gebucht.

Aha.
Der geht am 15. Juli 2014.

Und was machen Sie mit all der freien Zeit nach der Vorrunde?
Klar, dass die Gegenfrage kommt. Natürlich weiß ich nicht, wie lange wir im Turnier bleiben. Aber diese WM wird für alle voller Unwägbarkeiten sein. Für Fans, Journalisten, Spieler und auch für die Betreuerstäbe. Warten wir doch ab, wer am besten mit den Gegebenheiten zurechtkommt.

Sie gehen mutig ins Turnier. Ihr Quartier liegt im Trubel der Megacity São Paulo, zu den Vorrundenspielen legt Ihr Team von dort rund 18 000 Flugmeilen zurück.
Wir haben in der Quali bewiesen, dass wir in der Lage sind, uns anzupassen. Wir haben Schneespiele in Colorado gewonnen, in Jamaika, wo man eine Meile gegen den Wind riechen konnte, was die Leute am Strand rauchen, und Panama in letzter Sekunde mit zwei Toren aus dem WM-Traum geschossen.

Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.
Noch mal: Brasilien wird eine WM der Toleranz. Teams, die wegen Kleinigkeiten anfangen rumzuheulen, werden Probleme bekommen.

Die DFB-Elf meidet die Großstädte und lange Reisen. Jede Kultur ist anders.
Die amerikanische Kultur ist an Langstreckenflüge gewöhnt. Der Amerikaner will in die Stadt, weil er um die Ecke einen Starbucks braucht. Das Hotel sollte für die Frauen und Kinder offen sein. Der Italiener hat hingegen kein Problem, zwei Monate verschanzt in seinem Quartier zu hängen. Die schlafen teilweise in Doppelzimmern, weil sie quatschen wollen, und sind immer mit ihren Familien telefonisch in Kontakt.

Und was braucht der Deutsche?
Eine Mischung. Die einen brauchen absolute Ruhe, um sich auf Fußball zu konzentrieren. Und dann gibt es auch andere Typen.

Das heißt?
Die ständig an die Luft müssen. Berti Vogts hat mir erzählt, wie wir Ende der Siebziger mit der U16 zu einem Turnier nach Portugal fuhren. Es war sein erstes Turnier als Trainer, er ordnete Mittagsruhe an, bekam aber irgendwie mit, dass ich nach dem Essen das Hotel verließ. Er folgte mir unbemerkt, weil er wissen wollte, was ich vorhabe. Als er dann
sah, dass ich auf einem Felsen saß und aufs Meer schaute, war’s für ihn erledigt.

Mit anderen Worten: Jeder nach seiner Fasson.
Für ein deutsches Team ist es enorm wichtig, die Balance zu finden, um die Energie auf Top-Level zu halten. 2006 lief es auch deshalb so gut, weil wir mittendrin waren in Berlin und mitbekamen, wie die Euphorie um uns stieg. Die Frauen kamen ins Schlosshotel und erzählten, dass am Brandenburger Tor der Punk abgeht. Das hat auch mir als Cheftrainer viel Energie gegeben.

Wie wurde es in den USA wahrgenommen, dass Sie Berti Vogts als Berater für die WM hinzugezogen haben?
Sehr positiv. Geballtes Know-how zusammenzuziehen, ist hier auch in der Politik und in der Wirtschaft üblich. In Deutschland lautete die Haltung: »Warum nimmt Klinsmann sich für jeden Bereich einen Spezialisten? Das muss er als Trainer doch selbst machen.« Amerikaner wissen, dass niemand alles machen kann.

In Deutschland existiert nach wie vor ein mediales Zerrbild von Berti Vogts. Für viele ist er der etwas unbeholfene »Terrier«.
Wir haben alle unsere Stärken und Schwächen. Ich sehe meine Aufgabe darin, Leute so zusammenzubringen, dass sie ihre Stärken in diese Gruppe einbringen und ihr somit weiterhelfen. So ist es mir zur Bundestrainerzeit auch mit Jogi, Köppi (Andreas Köpke, d. Red.) oder mit Oliver Bierhoff gelungen. Ich brauche Leute um mich, die mich weiterbringen, und das tut Berti.

Wie bringt der 68-jährige Berti Vogts Jürgen Klinsmann weiter?
Mit seinem umfassenden Know-how hilft er mir in praktisch allen Bereichen. Er hat einen Erfahrungsschatz von so vielen Turnieren, er kennt jeden Vorrundengegner im Detail. Für mich ist er ein Sounding Board.

Das bedeutet?
Mit meinem Trainerteam stelle ich für jedes Spiel, jede Vorbereitung konkrete Pläne auf. Diese Pläne lasse ich Berti zukommen, damit er mit einem unabhängigen Blick draufschaut und mir sagt, was ihm dazu einfällt. Und dann kann es passieren, dass er beispielsweise sagt: »Ich würde diese Eckballvariante mal ausprobieren.«

Das bringt’s?
Man wird sehen. Im Testspiel gegen Mexiko fiel das 1:0 per Eckball. Die Variante kam von Berti Vogts.

Bei Ihrem Amtsantritt als US-Coach 2011 fanden Sie nach eigener Aussage eine »Kultur der Zufriedenheit« vor.
In der Mannschaft herrschte ein Statusdenken, basierend auf dem Erreichten in der Vergangenheit. Die in Europa spielen ganz oben, dann ein paar größere Namen aus der MLS und dann Spieler, die in Mexiko spielen. Das habe ich mir zwei Spiele lang angesehen und am Ende der Zusammenkunft eine Ansprache gehalten, die der Kader mit nach Hause nehmen und überdenken sollte.

Wie lautete der Tenor der Rede?
Einfach gesagt: Vergesst die Vergangenheit, denkt nur an die Gegenwart und die Zukunft. Ich sagte, dass es kein Hierarchie- und Besitzstandsdenken geben darf. Wenn einer glaubt, dass er der große Fisch im Teich ist, weil er zum Beispiel in Europa spielt, kommen wir als Mannschaft nicht weiter. Zumal die meisten kaum eine Vorstellung davon hatten, was es bedeutet, 24-Stunden-Profi zu sein. Kaum einer kannte die Champions League. Nur wenige wussten, was es bedeutet, kurze Regenerationszeiten zu haben und alle drei, vier Tage zu spielen.

Empfinden Sie noch eine Nähe zur deutschen Mannschaft, in der nach wie vor einige Spieler aus der »Sommermärchen«-Ära kicken?
Emotionale Nähe empfinde ich in erster Linie zum Stab. Vor allem zu Jogi, Köppi und Oliver Bierhoff, weil sie richtig gute Freunde sind. Dieses Energiefeld zwischen den Verantwortlichen ist dort schon außergewöhnlich.

Die deutsche Mannschaft spielt teilweise herausragenden Fußball, aber der große Titel fehlt noch.
Da leide ich auch still mit. Denn die Jungs sind so unfassbar gut, dass es jetzt klappen sollte.

Wie der Friese sagt: Wat mutt, dat mutt.
Deutschland lebt nun mal ein Stück weit von diesem Zyklus. Die 54er, die dem Land wieder Selbstbewusstsein gaben. Die 74er mit ihrer unfassbaren Aura. Unser Team 1990. Nach der EM 1996 gab es dann einen Riss. Es ist allein ein Jammer, dass so großartige Spieler wie Michael Ballack, Jens Lehmann, Bernd Schneider oder Torsten Frings keinen Titel ernten konnten. Deswegen darf es nicht sein, dass auch die nächste Generation, die teilweise noch besser ist, ohne Titel abtritt.

Vor der WM 2006 sagten Sie, dass Sie Lust hätten, die deutsche Mannschaft nach dem Turnier weiterzuentwickeln. Dann aber traten Sie zurück, weil Sie sich aufgezehrt von der Intensität der Aufgabe fühlten. Haben Sie Ihren Entschluss nachträglich nie bereut?
Diese Momente kommen immer mal wieder. Aber es war nach Ende des Turniers eine höchst emotionale Situation, die es mir schwer machte, meinen Entschluss mit angemessenem Weitblick zu treffen. Sie wissen doch, was mit unserem Land damals passiert ist, es war ein durch und durch positiver Moment. Sicher hätte ich nach einer dreimonatigen Auszeit einen anderen Blick auf die Lage gehabt.

Aber?
Das nächste Länderspiel stand bereits im August 2006 an. Und fünf Wochen nach der Ausnahmesituation bei der WM wieder die Linie auf- und abzutigern, konnte ich mir nicht vorstellen.

Wurden Sie damals schlecht beraten?
Nein, das habe ich mit mir selbst ausgemacht. Erst als ich meinen Entschluss bekanntgab, kamen Leute und meinten: »Warum hast du dich nicht einfach ein halbes Jahr rausgezogen, das hätte doch jeder verstanden?« Auf die Idee war ich überhaupt nicht gekommen.

Eine Kurzschlussreaktion.
Nein, aus dem Bauch war es die richtige Entscheidung. Man muss ja bei solchen Entscheidungen immer die damaligen Gegebenheiten berücksichtigen. Die Belastung war Oberkante Unterlippe. Nach dem Turnier sind wir einige Tage nach Baiersbronn ins »Hotel Engel« in den Schwarzwald gefahren, um Jogi zu überzeugen, den Job zu übernehmen. Drei Tage
hat mich das gekostet. (Lacht.) Als sich das rumsprach, tauchten plötzlich Schulklassen vor dem Hotel auf. Richtig nett – mit Transparenten. Aber meine Sichtweise war völlig anders, mehr von der Innensicht geprägt. Deshalb stehe ich voll zu der Entscheidung.

Letztlich hat Sie das »Sommermärchen« überfordert.
Ich weiß nicht, ob Sie sich das vorstellen können: Wir kamen zum Spiel um den dritten Platz nach Stuttgart, wo uns 30.000 Menschen vorm Hotel am Bahnhof empfingen. 30.000! Der Wahnsinn, aber ich dachte: Wir müssen runterkommen, irgendwann muss wieder Fußballnormalität einkehren – zu der die Euphorie zwar gehört. Aber nur Euphorie – das geht nicht. So ist der Fußball nun mal: Man tritt nach einer Auswechslung in eine Tonne, ein paar Minuten später hat man sich wieder beruhigt, aber Jahrzehnte lang erinnern sich die Leute an diese Szene. Genauso kann es passieren, dass man als Bundestrainer hinwirft, weil eine Situation eintritt, die einen kurzzeitig überdreht.

Hat Löw sich schon mal bei Ihnen beschwert, dass Sie ihm diesen Job eingebrockt haben?
Ach was, der Jogi ist ein Supertrainer. Und im Gegensatz zu mir war er auch schon zuvor Cheftrainer gewesen. Er wusste, worauf er sich einlässt. Auch wenn diese Kiste natürlich um ein Vielfaches größer ist.

Wie oft sprechen Sie mit Jogi Löw?
Wir telefonieren nicht jede Woche, aber wenn wir interessante News über Ernährung oder Trainingslehre erfahren, schicken wir uns Mails und geben uns gegenseitig Tipps.

Haben Sie Löw eine Mail geschrieben, weil Sie das WM-Quartier in der Einöde von Porto Seguro für keine gute Idee halten?
Nein, das ist seine Sache. Und ich vertraue dem Oliver (Bierhoff, d. Red.) da voll und ganz. Diese Wohnanlage ist etwas anderes als ein Fünf-Sterne-Hotel. Dort kann sich die Mannschaft optimal finden, das hat ja fast ein WG-Feeling. Glauben Sie mir, der Oliver ist sehr clever in diesem Lebensgefühl-Denken.

Worum beneiden Sie Jogi Löw als Bundestrainer?
Neid ist das falsche Wort, aber ich bewundere die große Zahl von Spielern, die durch die Nachwuchszentren zu ihm kommen. Diese Hochgeschwindigkeitsspieler mit ihrer Technik, die furiosen Angriffsfußball mit schnellen Positionswechseln spielen können. Alles, was wir 2004 in der Theorie auf Flipcharts gekritzelt haben und was jetzt seit acht Jahren Realität ist, dafür bewundere ich ihn und die Mannschaft.

Jürgen Klinsmann, würden Sie den Film »Deutschland. Ein Sommer­märchen« heute noch mal genauso freigeben?
Eher nicht.

Warum nicht?
Weil ich finde, dass der Film ein falsches Bild von mir als Trainer gezeichnet hat.

Aber der Dokumentarfilm von Sönke Wortmann wurde durch den DFB autorisiert.
Stimmt, ich habe damals nur das Rohmaterial gesehen. Als geschnitten wurde, habe ich mich rausgezogen, weil ich meine Ruhe brauchte. Es war ein Film für Fans, der die Freude dieser WM rüberbringen sollte. Er sollte die Kids mit »Poldi« und »Schweini« verbinden. Und das tut er auch. Über mich habe ich dabei nie nachgedacht. Aber könnte ich es heute noch mal autorisieren, würde ich es anders machen.

Inwiefern wird ein falsches Bild von Ihnen gezeichnet?
Weil der Zuschauer mich nur als aufgedrehten Motivator erlebt, der die Kabinenansprachen raushaut. Die Leute bekamen den Eindruck, Jogi habe die Taktik gemacht und ich sei für die Brandreden zuständig gewesen. So war es aber nicht.

Wie war es denn?
Natürlich habe ich beim Training auch Ausführungs­verantwortung weitergegeben, aber letztlich habe ich das gesamte Projekt, die gesamte Linie, Trainingsleitfäden und Aufstellungen verantwortet. Der Film zeigt die Emotionen, das ist auch gut. Dazu gehören logischerweise auch meine Ansprachen. Die waren aber nur eine winzige Nuance. Wir hingen bei dieser WM ständig am seidenen Faden, wir waren noch nicht so gut, um selbstbewusst in jedes Spiel zu gehen. Es war also wichtig, den Jungs mit auf den Weg zu geben, dass sie Fehler machen, aber nicht den Mut verlieren dürfen.

Würden Sie auch Ihr Engagement beim FC Bayern im Nachhinein noch mal überdenken?
Nein.

Ihr guter Ruf hat dort beträchtlich gelitten.
Aber die Erfahrung hat mich weitergebracht. Ich hatte den Glauben, dass ich die dortigen Strukturen aufbrechen könnte. Doch der Einzige, der diesen Glauben mitgetragen hat, war Karl-Heinz Rummenigge. Natürlich würde ich im Nachhinein einiges anders machen, aber es gab und gibt auch vieles, was ich bei Bayern angefangen habe und von meinen Nachfolgern übernommen wurde.

Zum Beispiel?
Ich bin eigentlich kein Mensch, der in solchen Rechtfertigungsstrategien denkt. Aber mir fällt als Erstes das Leistungszentrum ein. Und ich bin stolz auf jeden jungen Spieler, den ich gegen den Widerstand einiger hochgezogen habe: Holger Badstuber, Thomas Müller, Diego Contento, Mehmet Ekici. Aber das Sprichwort gilt: »Sei zur rechten Zeit am rechten Ort.« Das war ich in München sicher nicht.

Dabei haben Sie schon oft ein gutes Timing gehabt.
Das Timing, im Jahr 2004 mit der Deadline »WM 2006« den Job beim DFB zu übernehmen, passte. Hätte ich damals vier Jahre Vorlauf gehabt, wäre es wohl zu lang gewesen, weil die Reformen einigen im Verband zu extrem geworden wären. Bei Bayern waren die Verantwortlichen schon früher nicht mehr bereit, den von mir eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Kurz: Für mich war bei Bayern die Zeit noch nicht reif und auch die Mannschaft war es noch nicht.

Dass die Bayern-Bosse zur Ungeduld neigen, wussten Sie allerdings auch aus Ihrer Zeit als Aktiver dort.
Wenn Charaktere nicht zueinander passen, muss man sich trennen. Das ist auch nicht schlimm. Mit dem Verbandsboss der USA, Sunil Gulati, verbindet mich eine enge Freundschaft, auch meine Verbindung zu Gerhard Mayer-Vorfelder beim DFB war vertrauensvoll – und das hat sich ausgezahlt. Ohne MV hätte es das »Sommermärchen« nie gegeben.

Wie meinen Sie das?
Wenn er sich nach dem 1:4 im Testspiel gegen Italien im März 2006 nicht hinter mich gestellt hätte, wäre ich wohl entlassen worden. Da haben einige Leute im Hintergrund gearbeitet, und es standen schon Nachfolger in den Startlöchern.

Wer denn?
Das verrate ich Ihnen mal bei einem doppelten Espresso.

Wäre es nicht schlauer gewesen, nach der WM 2006 statt des Engagements in München einen kleineren Klub zu übernehmen, wo sie Dinge entwickeln hätten können?
Es gab Angebote von Klubs aus der Premier League, aber letztlich habe ich mich für einen Verein entschieden, zu dem ich eine emotionale Bindung hatte. Schließlich hatte ich den FC Bayern schon als Spieler erlebt.

Auch diese Zeit hatte im Streit geendet.
Aber ich bin dort Meister und UEFA-Cup-Sieger geworden. Ich empfand es nun mal als große Herausforderung, mich auf dieser Ebene als Vereinstrainer zu beweisen. Vergessen Sie nicht: Die Bayern-Verantwortlichen sind zu mir gekommen. Sie wollten meine Ideen und dass ich ein neues Denken in den Klub bringe.

Sie waren geschmeichelt.
Wer wäre das nicht?

In Interviews hat Uli Hoeneß Sie nach der Entlassung als »schlechten Trainer« bezeichnet.
Solche Aussagen resultieren aus einer menschlichen Beziehung, bei der anscheinend einige Stachel richtig tief sitzen. Es liegt nicht in meiner Natur, seine Arbeit und sein Denken zu beurteilen, und ich werde mich auch nicht dazu verleiten lassen. Er hat sich dafür entschieden, über andere öffentlich zu urteilen, ich mache das nicht.

Ist die gegenwärtige Dominanz der Bayern schlecht für den deutschen Fußball?
Sie sollte für jeden Klub, der nicht auf diesem Niveau spielt, ein Ansporn sein. Es gibt für jede Krise in der Liga satthaft Gründe. Beim VfB Stuttgart oder beim HSV spielen persönliche Eitelkeiten, wirtschaftliche Dinge, was auch immer, eine Rolle. Es ist traurig, dass dort nur die Oberfläche bearbeitet – sprich: der Trainer entlassen – wird. In vielen Klubs geht man nie tiefer in die Struktur und versucht, dort Probleme aufzudecken. Deshalb steht der FC Bayern zurecht dort oben.

Jürgen Klinsmann, wer wird Welt­meister?
Brasilien.

Wieder kein großer Titel für Deutschland?
Natürlich würde ich es mir sehr wünschen, aber Brasilien hat die Vor­aussetzungen, um sich auf die Gegebenheiten am besten einzustellen.

Kurz vor der WM 2006 sagten Sie in 11 FREUNDE: »Wenn an einem ganz besonderen Tag alles optimal läuft, dann, vielleicht, können wir auch große Gegner schlagen.« Am Ende gewann Deutschland bei der WM gegen Argentinien. Mit anderen Worten: Können die USA bei der WM 2014 theoretisch auch Deutschland schlagen?
(Nickt heftig.) An einem besonderen Tag ist im Fußball alles möglich.

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