Wer war der Bundestrainer Rudi Völler, Didi Hamann?

»Es zählte der Erfolg«

Zehn Jahre nach der legendären Weißbierrede begab sich Tim Jürgens für unsere aktuelle Ausgabe #142 auf die Spuren von Rudi Völler. Dafür sprach er mit Dietmar Hamann über die Aufbruchstimmung in Wembley, ausgedehnte Grillabende und die verkorkste EM 2004.

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142

Dietmar Hamann, Sie haben das katastrophale Abschneiden der Nationalmannschaft bei der Euro 2000 am eigenen Leib miterlebt. Wie war es, als Rudi Völler plötzlich als neuer Nationaltrainer präsentiert wurde?
Rudi hat den Vorteil, dass er unheimlich charismatisch ist und viele tolle Spiele – auch für die Nationalmannschaft – gemacht hat. Wenn einer wie er in die Kabine kommt, hat man als Spieler automatisch Respekt. Mit Michael Skibbe brachte er einen Top-Trainer mit, und so war eigentlich vom ersten Tag seiner Ära gute Stimmung.

Was nach dem Desaster der Euro 2000, wo Sie mit der Nationalelf nach der Vorrunde kläglich ausschieden, bitter nötig war.
Definitiv. Die Berichterstattung ging nach dem Turnier noch wochenlang weiter. Als Spieler versucht man da abzuschalten, aber wir wurden immer wieder damit konfrontiert. Kurz: Nach der EM war eine große Verunsicherung im Team. Mit Rudi aber holte der DFB genau den richtigen Mann. Die Spieler haben sich bald wieder darauf gefreut, zur Nationalelf zu kommen.

War das vorher anders?
Es kam vorher auch mal vor, dass Spieler eine Länderspielreise absagten, wenn sie nicht sicher waren, ob sie mitspielen würden. Überhaupt war die Atmosphäre vorher eine ganz andere bei der Nationalelf gewesen. Da gab es für uns Spieler keinen Ansprechpartner, mit dem wir unsere Anliegen besprechen konnten. Uns fehlte bei der EM 2000 jemand, der bedingungslos hinter den Spieler stand. Das machte die Situation für uns so schwer.

Anfangs sollte Völler nur für zehn Monate Vertreter des designierten Bundestrainers Christoph Daum werden. Erst im Herbst 2000 war klar, dass er das Team zur WM 2002 führen würde. Veränderte es seinen Umgang mit den Spielern?
Nein, er war immer der gleiche. Wir haben ihn auch nie als Übergangstrainer gesehen.

Wie müssen wir uns die Kabinenansprachen des Teamchefs Völler vorstellen?
Der Rudi war sehr ruhig, hat sachlich Dinge angesprochen, egal ob wir zurück oder vorne lagen. Er hatte diese Aura, die Menschen mit wenigen Worten erreicht. Und seine Ausgeglichenheit hat sich auf die Mannschaft übertragen.

Wer hat das Training geleitet – Michael Skibbe oder Rudi Völler?
Michael Skibbe hat schon das meiste gemacht, aber Rudi hat sich unheimlich um die Spieler gekümmert und so eine gute Atmosphäre kreiert.
Ihr Tor in der WM-Qualifikation beim letzten Spiel im alten Wembley-Stadion schürte eine neue Euphorie um die Völler-Elf. Wie sind ihre Erinnerungen an diesen Tag im Oktober 2000?
Da steckte die Ära Völler noch in den Kinderschuhen. Wir hatten seit Ewigkeiten keinen großen Gegner mehr geschlagen. Und dann haben wir vor ausverkaufter Kulisse eines unserer besten Spiele gemacht, haben die Engländer über 90 Minuten beherrscht und hätten viel höher als 1:0 gewinnen müssen.

Sie leben seit 1998 in England. Wie waren die Reaktionen, als Sie mit der Nationalelf im Rückspiel im September 2001 in München mit 1:5 unterlagen...
…und alle fünf Tore von Liverpool-Spielern erzielt wurden. Hören Sie bloß auf. Erstens: Das Ergebnis fiel nicht dem Spielverlauf entsprechend aus, sondern viel zu hoch. Wenn wir 3:1 verloren hätten, wäre es nicht so dramatisch gewesen. Aber da wurde wahnsinnig viel reininterpretiert, was sich am Ende überhaupt nicht auswirkte. Denn es reisten beide Teams zur WM nach Asien.

Auf welches der beiden Spiele werden Sie in England häufiger angesprochen?
Na, was denken Sie? Die Engländer feiern das Spiel von München bis heute immer noch, zum Jahrestag 2011 stand bei mir das Telefon nicht mehr still. Aber das ist eben das Problem des englischen Fußballs. Die feiern einen Sieg, der überhaupt keine Rolle spielte. Denn als wir später in Yokohama im WM-Finale standen, saßen die Engländer schon wieder zwei Wochen zuhause und schauten das Match im Fernsehen.

Rudi Völler sagt, die Relegationsspiele um die WM-Teilnahme 2002 gegen die Ukraine hätten ihm erst gezeigt, was Druck bedeutet. Wie ging Ihnen das?
Ich denke, diese beiden Spieler haben uns unheimlich Selbstvertrauen gegeben. Wenn eine Mannschaft kurz davor ist, die Qualifikation zur WM zu verpassen, und so eine Situation meistert, dann wächst etwas zusammen. Vielleicht wären wir bei der WM nach der Vorrunde nach Hause gefahren, wenn wir die Playoffs nicht gespielt hätten. So aber wussten wir bei der WM, dass sich jeder auf den anderen verlassen kann.

Michael Ballack sagt, die schönste Feier im Kreise der Nationalelf fand nach dem Sieg gegen Paraguay im WM-AchteIfinale auf Jeju-Island statt. Was genau ist denn da passiert?
Wir waren die erste Mannschaft, die ins Viertelfinale einzog und hatten fast eine Woche frei bis zum Spiel gegen die USA. Da wurde schon um sieben Uhr abends der Grill angeschmissen, die Frauen saßen mit am Tisch, es war wie eine große Familienfeier. Da haben alle mitgemacht, es gab keine Grüppchen. Eine wundervolle Zeit, eine tolle Truppe. Solche Abende schweißen zusammen.

Nur die Art wie Fußball gespielt wurde, gefiel nicht allen.
Natürlich wollten wir guten Fußball spielen, aber im Endeffekt zählte der Erfolg. Wenn Sie sich die Spieler anschauen, mit denen wir damals antraten, haben ja nicht schlecht gespielt. Aber damals hatten wir eben keinen Marco Reus oder Mario Götze im Team. Wir waren kein WM-Favorit – keine Frage. Aber gerade deshalb verdient die Mannschaft umso mehr Anerkennung, denn sie zog ins WM-Finale ein.

Was veränderte sich nach der Vizeweltmeisterschaft in Asien?
Nichts, außer der Erwartungshaltung. Die Leute haben nach dem Finale erwartet, dass wir nun wieder überall mit 3:0 oder 4:0 gewinnen. Das war natürlich nicht der Fall. Die Mannschaft hatte sich zwar entwickelt, aber viele kreative Spieler hatten wir nicht. Michael Ballack und Bernd Schneider hatten da schon die größte Last zu tragen. Und wenn wir gegen Mannschaften spielten, die hinten drin standen, taten wir uns immer schwer.

Mit welchen Empfindungen fuhren Sie zur Euro 2004 nach Portugal?
Mit mehr Optimismus als zur WM 2002. Ich war fest davon überzeugt, dass wir eine gute Rolle spielen würden, auch wenn mir klar war, dass es schwer würde, Europameister zu werden. Aber da hatte ich mich wohl getäuscht.

Was machte Sie so optimistisch?
Wir hatten eine gefestigte Truppe und es kamen auch erstmals ein paar junge Spieler wie Philip Lahm oder Bastian Schweinsteiger dazu. Michael Ballack war in der Form seines Lebens. Kurz: Wir hatten eine gute Mannschaft. Und hätten wir die Holländer im ersten Match geschlagen, wären wir weitergekommen und hätten eine sehr gute Rolle gespielt. Aber »Hätte, Wenn und Aber« gehört eben nicht zum Fußball.

Haben Sie in den vier Jahren den Teamchef Rudi Völler jemals gestresst erlebt?
Nein, er war immer kontrolliert und hat Entschlossenheit ausgestrahlt. Am Deprimiertesten habe ich ihn sicherlich nach dem EM-Aus 2004 nach der Vorrunde erlebt. Auch seine Erwartungen waren viel größer gewesen.

In seiner Biographie schreibt Philipp Lahm, das Training unter Rudi Völler sei insgesamt zu lasch gewesen. Hat er Recht?
Sowas macht man nicht, denn jedem sollte klar sein – auch Philipp –, welchen großen Anteil Rudi Völler an der Entwicklung hat, die die Nationalmannschaft nach 2000 nahm.

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