Wer sind die Bayern, Thomas Darchinger?

»Mia san mia und nicht ihr«

Für unsere Titelgeschichte »Die Bayern Formel« sprachen wir auch mit Thomas Darchinger, Schauspieler (»Tatort«, »Der Bulle von Tölz«) und Fan des Rekordmeisters seit 150 Jahren. Darchinger meint: Ein Nichtbayer kann diesen Klub nicht verstehen. Aber er hilft gern. Wer sind die Bayern, Thomas Darchinger?Promo
Heft#118 09/2011
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Thomas Darchinger, wer san mia?

Thomas Darchinger: Mia san die, die das Siegen gewohnt sind und sich damit auskennen. Die nicht die Flatter kriegen, wenn sie oben stehen, sondern das mit tiefer Münchner Gelassenheit als gegeben hinnehmen. Und am Ende werden wir Meister.

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Meinen Sie Gelassenheit oder vielmehr Arroganz?

Thomas Darchinger: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass uns diese Haltung als Arroganz ausgelegt wird – von den Außenstehenden. Aber wir können nicht anders. Mia san halt mia und nicht ihr.

Kann man als Nichtbayer die Bayern überhaupt verstehen?

Thomas Darchinger: Das ist schlichtweg unmöglich, da fehlt der soziokulturelle Hintergrund. Ich muss auch ehrlich zugeben: Wenn ich Bayernfans aus Berlin treffe, dann kommen die mir immer vor wie Außerirdische, die sich vor ihrer Landung den Verein aus dem Katalog heraussgesucht haben.

Welche Rolle spielt der Katholizismus für die Vereinskultur des FC Bayern?

Thomas Darchinger: Eine sehr große. Der Katholik hat im Grunde kein Problem damit zu sündigen, weil er ja weiß: Bei der Beichte kann ich mich wieder reinwaschen. Der FC Bayern sündigt zwar nicht über die Maßen, aber er hat ein tiefes Vertrauen, dass Dinge, die schief gelaufen sind, wieder gerade gerückt werden können. Daher verliert er auch nie seine Zuversicht, sondern ist in seiner Lebensfreude geradezu barock.

Ist der FC Bayern sogar mit Gott im Bunde? Der »Bayern-Dusel« als Heiliger Geist?

Thomas Darchinger: Mag sein. Aber um Bild zu bleiben: Wir sind vom Fußballgott auch schon arg geprüft worden, siehe das Champions-League-Finale 1999 gegen Manchester United, das wir so dramatisch verloren haben. Wir haben den Glauben nicht verloren: Zwei Jahre später haben wir den Titel geholt.

Karl-Heinz Rummenigge wirkt weit weniger barock als etwa Uli Hoeneß. Liegt das daran, dass er Westfale ist?

Thomas Darchinger: Nichts gegen Westfalen, aber in der Tat ist mir schon oft aufgefallen, wie schmallippig und lustfeindlich dieser Mann den Verein repräsentiert. Das passt nicht. Ich würde mir an dieser Stelle viel lieber Mehmet Scholl wünschen. Der könnte auch die Zahlen vorlesen, aber es hätte immer noch eine gewisse Leichtigkeit und Selbstironie.

Rummenigge sagte schon 1982: »Ich bin außer zur Taufe meiner beiden Söhne seit Jahren nicht mehr in der Kirche gewesen, weil mir die Zeit fehlt. Aber ich hoffe, daß ich trotzdem in den Himmel komme.« Besteht eine Chance?

Thomas Darchinger: Ich stelle mir den Himmel als Ort der guten Laune vor. Insofern glaube ich nicht, dass Rummenigge sich tatsächlich danach sehnt.

Louis van Gaal ist strenger Katholik. Warum blieb er dennoch ein Fremdkörper?

Thomas Darchinger: Weil er so unfassbar egozentrisch ist. Die Van-Gaal-Zeit hat gezeigt: Bei den Bayern ist Erfolg eben doch nicht alles. Schauen Sie, während er auf dem Marienplatz das Feierbiest gab und die Muttis küsste, stand Uli Hoeneß in der Ecke und war ganz schön sauer. Der FC Bayern ist eine Familie, man teilt den Erfolg. Van Gaal hat das nicht begriffen, insofern war seine Zeit schon nach diesem Auftritt auf dem Marienplatz abgelaufen.

Wer ist in diesem familiären Gefüge die Mutter?

Thomas Darchinger: Hoeneß kümmert sich zwar um alles und sieht zu, dass die Stube warm ist. Aber das Tröstende einer Mutter verkörpert für mich vielmehr Franz Beckenbauer: Ihn muss man nur anschauen, und alles ist wieder gut.

Er redet aber auch viel Unsinn.

Thomas Darchinger: Das tut Uli Hoeneß auch, aber im Unterschied zu Beckenbauer bleibt es an ihm haften. Wenn ich ihn etwa im Interview mit Waldemar Hartmann sehe, wie er sich zu Atompolitik äußert, dann möchte ich ihn vor sich selbst schützen. Er war ein fantastischer Manager, der das Werk von Robert Schwan in die Zukunft übersetzt hat. Aber ihm fehlt das Präsidiale eines Franz Beckenbauer. Hoeneß holt aus der Zigarrenschachtel keine Zigarren, sondern Würste.

Wie kommt es eigentlich, dass Christian Nerlinger nach nur zwei Jahren im Amt genauso aussieht wie Hoeneß?

Thomas Darchinger: Ich denke, das liegt daran, dass er vom selben Koch bekocht wird.

Muss Hoeneß ihn noch kontrollieren?

Thomas Darchinger: Ich denke nicht. Der FC Bayern ist so selbstgewiss, er reproduziert sich immer wieder selbst. Es gibt eine DNA des Erfolgs, die kann man nicht auslöschen.

Wenn Ihnen die Geschichte des FC Bayern als Drehbuch auf den Tisch kommen würde, welche Rolle würden Sie sich aussuchen?

Thomas Darchinger: Da ich schon als Kind immer mit heruntergelassenen Stutzen gespielt habe, kann es darauf nur eine Antwort geben: Paul Breitner!

Die Rolle des verlorenen Sohnes also.

Thomas Darchinger: Ja, aber auch den haben sie wieder eingegliedert in ihre Familie. Happy End.

Wie hieße dieser Film?

Thomas Darchinger: Wenn er im ZDF liefe, hieße er sicherlich »Himmelsflimmern«.

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