Wer gewinnt das Pokal-Finale in Berlin, Giovane Elber?

»Giovane, Wembley ist vorbei!«

Wenn einer Ahnung von den Pokalfinalisten hat, dann doch wohl Giovane Elber, der einst selbst für beide Vereine auf Torejagd ging. Ein Gespräch über den verdienten Sieger von London, Sangeskünste von Sammy Koffour und Modesünden in den neunziger Jahren.

Giovane Elber, Sie waren beim Champions-League-Triumph Ihres Ex-Klubs Bayern München im Wembley-Stadion live dabei. Ihr Eindruck?
Ich habe es richtig genossen, es war ein sehr schönes Spiel von beiden Seiten. Was Dortmund die erste halbe Stunde geleistet hat, war Wahnsinn, Bayern hatte kaum Torchancen. Aber in der zweiten Halbzeit hat beim BVB die Kraft nachgelassen, und dann war Bayern einfach die bessere Mannschaft.

Was hat Ihrer Meinung nach letztendlich den Unterschied gemacht?
Klar, es war auch ein bisschen Glück dabei. Frank Ribéry hätte von einem deutschen Schiedsrichter für seine Aktion gegen Robert Lewandowski bestimmt die rote Karte bekommen. Und für das Foul vor dem Elfmeter hätte Dante auch vom Platz fliegen können. Aber am Ende hat die bessere Mannschaft verdient gewonnen, auch wenn es aus Dortmunder Sicht natürlich hart ist, so ein Spiel in den letzten Minuten zu verlieren. Und ich weiß, wovon ich rede. Ich sage nur: Finale 1999 gegen Manchester United...

Haben Sie nach dem Ausgleichstreffer von Dortmund geglaubt, dass Bayern auch dieses Finale verlieren könnte?
Ich dachte nur: Scheiße, wenn es in die Verlängerung geht oder sogar zum Elfmeterschießen kommt, wird es knapp für die Bayern.

Auf der anschließenden Feier offenbarte Ihr Landsmann Rafinha seine Gesangskünste und trällerte einen Titel von Louis Armstrong. Wer sorgte nach dem Final-Sieg 2001 gegen Valencia für Unterhaltung?
Bei uns war Sammy Kuffour die Stimmungskanone. Der hat die ganze Nacht »Wir wolle rot-weiße Trikots, rot-weiße Trikots!« gesungen und wollte einfach nicht heiser werden. Am nächsten Tag hat er dann auf dem Marienplatz weitergemacht. Aber gut, so ausgelassen durfte das aktuelle Team ja nicht feiern, schließlich spielen sie am Samstag noch ein Finale in Berlin. Und die Chance auf das Triple hast du nicht jede Saison.

Das Team tritt stets als Kollektiv auf, wirkt zudem äußerst gelassen und immer gut gelaunt. Warum kam es in dieser Saison nicht wie in den vergangenen Jahren zu Eskapaden à la »FC Hollywood«?
Jupp Heynckes hat es genau wie Ottmar Hitzfeld 2001 geschafft, dass jeder Spieler, von der Nummer 1 bis zur Nummer 30, bis zum letzten Spieltag konzentriert bleibt. Und das ist wichtig, denn die Aufstellung kann sich immer verändern. Die Startelf in Wembley war ja auch nicht die Elf vom ersten Champions-League-Spieltag.

Aktuell bastelt man in München weiter an der »Kaderbreite« für die nächste Spielzeit: Aller Voraussicht nach wechselt nach Mario Götze auch Robert Lewandoski zum FCB.
Eigentlich benötigt dieser Kader keinen Robert Lewandowski: Mit Mandzukic, Gomez und Pizarro besitzen sie schon Stürmer, die den Unterschied machen können. Den Beweis hat Mario Mandzukic im Finale geliefert und den wichtigen Führungstreffer erzielt. Aber klar: Wenn Spieler wie Götze oder Lewandowski mit Ausstiegsklauseln im Vertrag auf dem Markt sind, schlägt der FC Bayern zu. Dieser Verlust tut dem BVB sicherlich sehr weh, aber so läuft das Geschäft. Jetzt muss man in Dortmund mit dem verdienten Geld gute Transfers tätigen...

Können Sie Jürgen Klopp nicht einen guten Spieler empfehlen?
In der brasilianischen Liga hat Bernard, ein 20-jähriger Mittelfeldspieler von Atlético Mineiro, eine gute Saison gespielt. Aber er ist noch sehr jung und unerfahren. Man weiß nie, ob so ein junger Spieler mit der deutschen Spielweise und Mentalität zurechtkommt.



Kommen wir zu einem anderen Thema: Können Sie sich noch erinnern, was Sie am 14. Juni 1997 gemacht haben?
Wann? Juni 1997? Nein, keine Ahnung...

Stichwort: DFB-Pokal?
Das Finale mit dem VfB Stuttgart gegen Energie Cottbus? Echt? Das war im Juni. Ich dachte immer, wir hätten im Mai gespielt. Aber vergessen habe ich das Spiel natürlich nicht: Es war mein erster Titel in Deutschland und außerdem habe ich in meinem letzten Spiel für den VfB beide Treffer erzielt. Ein unvergesslicher Moment in meiner Karriere.

Im Gegensatz zu damals geht der VfB Stuttgart diesmal als krasser Außenseiter in das Finale. Sehen Sie diese Ausgangssituation des VfB möglicherweise sogar als ein Vorteil?
Als klarer Favorit in ein Finale zu gehen, ist nicht einfach. Bei uns ging damals vor dem Spiel schon ein wenig die Angst um. Du denkst plötzlich: Es kann einfach nicht sein, dass wir gegen Cottbus verlieren. Aber dieses Jahr den FC Bayern zu schlagen, ist sehr schwierig. Das Team ist noch hungrig und will mit drei Titeln im Gepäck in Urlaub fahren. Dante, mit dem ich eben in München zu Mittag gegessen habe, sagte zu mir: Giovane, Wembley ist vorbei, ab jetzt denken wir nur noch an Stuttgart. Der VfB muss nicht nur 100 oder 150 Prozent geben, sondern 200. Und außerdem muss er mehr Glück als Dortmund haben, nur dann kann es in Berlin einen Überraschungssieger geben.

Apropós Dante: Dre wurde soeben von Trainer Felipe Scolari für den bevorstehenden Confed-Cup in den Kader der brasilianischen Nationalmannschaft berufen.
Und seine Berufung freut mich riesig, denn Dante hat einen ähnlichen Weg hinter sich, wie ich ihn in den 1990ern gegangen bin. Als junge Spieler sind wir beide von unbekannten brasilianischen Vereinen nach Europa gewechselt, haben uns dort nach und nach einen Namen gemacht und sind schließlich beim FC Bayern München und in der Seleção gelandet. Auch in Brasilien würdigt man Dantes starke Leistungen zunehmend, er ist kein Unbekannter mehr.

Seit dem Weggang von Grafite 2011 glänzen in der Bundesliga vermehrt brasilianische Abwehrspieler. Stürmer aus Ihrer Heimat bekommen wir hierzulande kaum noch zu Gesicht. Wo verstecken die sich eigentlich auf einmal alle?
(lacht) Gute Frage. Heutzutage sind die brasilianischen Stürmer etwas abgetaucht: Normalerweise war immer mindestens ein brasilianischer Angreifer im CL-Finale oder unter den besten zehn Spielern der Welt – das ist aktuell nicht der Fall. Wir haben in Deutschland einen kleinen Durchhänger, aber keine Angst, das ändert sich auch wieder.

Ein Jahr vor der WM im eigenen Land hat der große Hoffnungsträger Brasiliens, Neymar, jüngst seinen Wechsel zum FC Barcelona publik gemacht. Ein nachvollziehbarer Schritt?
Auf jeden Fall, aber ich finde, er hat zu lange gewartet und hätte schon letztes Jahr nach Europa wechseln sollen, denn in Brasilien hatte Neymar uns schon alles gezeigt und die Massen begeistert. Und wenn du das geschafft hast, ist es an der Zeit, dich in Europa zu beweisen. Neymar wird in Barcelona sein Spiel noch verbessern und einiges dazulernen. Und er passt von seiner Spielweise gut zu Barça, besser als zu Real Madrid.

Wie stehen die Chancen der Seleção auf den WM-Titel 2014?
Wenn die WM in einem Monat anfangen würde, stünden die Chancen bei Null. Aber noch haben wir ein Jahr, um eine Mannschaft zu formen. Scolari wird beim Confed-Cup experimentieren und hat erfahrene Spieler wie Ronaldinho und Kaká nicht berücksichtigt, um jungen Nachwuchskräften wie dem eben erwähnten Bernard eine Chance zu geben.

Abschließend eine Frage, die vor allem die »Mode-Fans« unter uns interessiert. Sie sind als einer der ersten Bundesliga-Spieler während Ihrer Zeit beim VfB Stuttgart mit weißen Schuhen aufgelaufen. Wie kam es zu diesem Farbwechsel?
In Brasilien gab es schon in den 1980ern einen Angreifer bei Flamengo, Renato Gaúcho, der mit weißen Schuhen gespielt hat. Als es dann beim VfB Stuttgart nicht lief, habe ich mich an ihn erinnert, bei Adidas angerufen und um das weiße »Sondermodell« gebeten. Einige Wochen später sind dann Fredi Bobic und Krassimir Balakov mit roten Schuhen aufgelaufen und so kam Farbe ins Spiel...

...aber sind die aktuellen Farbkombination aus lila, pink mit türkis oder neon-gelb nicht echte Modesünden am Fußball-Schuhwerk?
Nein, denn auch damals dachten die meisten Zuschauer: Was macht der Brasilianer da mit weißen Schuhen auf dem Platz? Am Ende entscheidet die Leistung, nicht die Farbe deiner Schuhe.

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