Weltmeister Hansi Pflügler wird 50

»Gottseidank nie Superstar«

Fünf Meisterschaften, ein WM-Titel und unzählige Blutgrätschen: Zu seinem 50. Geburtstag spricht Hansi Pflügler über Endlos-Meisterfeiern, Schalker Fouls, Traumtore von Klinsmann und van Basten sowie Maradona beim Autowaschen. Weltmeister Hansi Pflügler wird 50Imago

Hansi Pflügler, Sie werden heute 50...

Dafür kann ich nichts. Da müssen Sie meine Mutter interviewen.  

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Wie werden Sie den Geburtstag feiern?

Im Kreis der Familie. Für Genaueres fragen Sie meine Frau, ich lasse mich überraschen.

Sie brauchen den großen Rummel also nicht mehr?  

Nein. Aber den ganz großen Rummel habe ich sowieso nie gehabt. Ich war nie einer von den Superstars. Leider oder Gottseidank. Eher Gottseidank.

Blickt man mit 50 wehmütig zurück?

Man schaut zurück und denkt: Okay, so ist alles super gelaufen. Ich lebe in Bayern, bin gesund und seit dreißig Jahren beim gleichen Arbeitgeber angestellt. Ich komme nicht ins Schwitzen wegen eines supergroßen Einkommens, sondern bekomme stetig mein Gehalt. Ich bin bodenständig geblieben und zufrieden.  

Sie haben 13 Jahre beim FC Bayern München gespielt. Was bleibt hängen?  

Der Weltmeistertitel 1990 liegt ganz oben auf der Latte. Aber auch als wir 1986 in der letzten Minute Deutscher Meister wurden, im letzten Spiel 6:0 gegen Gladbach gewannen und Bremen 1:2 in Stuttgart verlor.  

Wie erinnern Sie sich an das Spiel?  

Es ist gleich super losgegangen, Lothar Matthäus machte in der ersten Minute das 1:0. Wir haben dann mehr auf die Auslinie geachtet, wie es im Radio in Stuttgart steht, als auf den Platz. Auf Geheiß von Udo Lattek haben wir von Samstag bis Mittwoch durchfeiern müssen. Wir mussten jeden Tag in den Biergarten - eine Pflichtveranstaltung! Und zum Dank haben wir am Samstag darauf Stuttgart im Pokalfinale 5:2 geschlagen.  

Was bleibt noch?  

Einige Europokalspiele: Als wir 1988 im UEFA-Pokal zu Hause 0:2 gegen Inter Mailand mit Matthäus und Brehme verloren und dann da unten 3:1 gewannen. Oder 1987, als Klaus Augenthaler in Madrid einem Real-Spieler die Hörner zeigte, vom Platz flog und wir doch noch weiterkamen. Aber auch die Landesmeisterpokal-Endspiele, als wir gegen 1982 Aston Villa das Spiel bestimmt haben und 0:1 verloren, und die Blamage 1987 gegen Porto. 

Was bedeutet ihnen im Rückblick mehr – der WM-Titel oder Ihre fünf Meisterschaften mit den Bayern?  

Gut, wir wurden Weltmeister und ich war dabei. Ich habe ein Spiel gemacht, das war supertoll, nett, danke an Franz Beckenbauer noch einmal. Aber wenn man selber Akteur ist, fast alle Spiele gemacht hat und Meister wird, dann hat das noch einmal eine andere Gewichtung.  

Sie haben einige große Stürmer als Gegenspieler erlebt: 1987 konnten Sie gerade noch den Kopf einziehen, als Jürgen Klinsmann mit seinem Fallrückzieher das Tor des Jahres erzielte.  

Das war ein Foul, das sieht man heute noch, gefährliches Spiel! Nein, ernsthaft: Das hat er überragend gemacht. Hut ab, Respekt.  

1988 waren Sie im EM-Halbfinale gegen Holland dabei, als Marco van Basten eines der schönsten Tore der Fußballgeschichte erzielte.  

Wir haben in Hamburg gespielt haben, von 50.000 Zuschauern im Stadion waren 40.000 Holländer. Das war unglaublich, ein absolutes Auswärtsspiel. Die Holländer hatten eine überragende Form gehabt und uns dann berechtigt geschlagen.  

Erinnern Sie sich an van Bastens Tor? Sie hoben den Arm, doch Kohler hob das Abseits auf.  

Nicht wirklich. Das wird eine Zeit lang verarbeit und dann verdrängt. Gottseidank.  

Sie sind nie Trainer geworden. Warum nicht?  

Da bist du ja wieder im gleichen Geschäft und hast wieder die gleichen Urlaubszeiten. Als Trainer kannst du sicherlich Leute führen und sie begeistern. Aber ist das fünf Spiele mal nicht der Fall, dann ist der Trainer fällig. In der Bundesliga, im Ausland, in Zweiter und Dritter Liga gibt es vielleicht 70 Arbeitsplätze. Da musst du flexibel bleiben und deine Familie bereit sein, oft umziehen.  

Sie haben als erster Bundesligaspieler ein Ingenieursstudium abgeschlossen, sind den Leuten aber eher als Fußballarbeiter in Erinnerung. Max Merkel sagte einmal:
»Lieber zehn Minuten Maradona beim Autowaschen zuschauen als Pflügler 90 Minuten beim Fußball.«  

Ja mei, ich habe trotzdem meine Karriere gemacht. Ich war auch eher ein Arbeiter und nie der filigrane Techniker. Ich habe von der Ausdauer, von der Physis, von der Zweikampf- und Kopfballstärke gelebt. Mit Willen und Emotionen kann man viel bewegen. Wenn man Robben oder Messi sieht, wird einem schon Angst und bange. Aber jeder hat seinen Spaß am Sport und da tun mir solche Sprüche nicht weh, die gehören mit dazu.  

Vor dem Pokal-Halbfinale am Mittwoch ging es wenig um das Filigrane, sondern um Fouls. Hat Christian Nerlinger damals wirklich so viel gefoult?  

Der Christian war auch ein sehr körperbetonter Spieler. Er hat sicher gefoult, ist aber auch oft gefoult worden. Aber im Pokal war es schon krass, da hat Schalke wesentlich mehr gefoult. Ich habe mich gewundert, dass der Schiedsrichter fast ohne Karten ausgekommen ist. Aber das war ja auch letztes Jahr mit Hoffenheim der Fall: Sobald die einen Ball verloren haben, wurde der Lauf des Gegners unterbrochen, um sich wieder zu sortieren. Die waren am Anfang halt cleverer. Es darf eben nur nicht auffallen.  

Insgesamt war das Spiel aber kein Pokalfight wie damals in den Achtzigern.

Das waren ja ganz andere Spieler damals! Nein, ernsthaft: Da waren zum einen die Schwierigkeiten mit dem Platz und zum anderen hat Schalke als Heimmannschaft wenig dazu beigetragen, dass es ein richtig tolles Spiel wird. Am Ende war aber an den Grimassen der Schalker Spieler zu erkennen, dass Bayern die größeren Chancen hatte und verdient gewonnen hat.  

Was sagen Sie zu Robbens Tor?  

Das Entscheidende war der Pass vom Butt! Der war super, genau temperiert, mit viel Gefühl. Aber der Lauf von Robben war schon unglaublich. Der Westermann wollte den Ball an der Linie nur ins Aus grätschen, aber Robben hat ihn einfach stehen lassen. So etwas hat man noch nicht oft gesehen.  

Sie engagieren sich mittlerweile mit dem DFB stark für Fair Play. Mussten Sie sich auch schon mal bei einem Spieler entschuldigen?  

Ja, bei Teddy de Beer. Wir haben gegen daheim Dortmund gespielt und waren im Rückstand. Ich bin zum Kopfball hochgegangen und habe de Beer mit der Hand getroffen. Da gab es einen Riesenzirkus, mein Spitzname »Rambo« ist damals entstanden. Aber ich habe mich bei ihm entschuldigt, wir sehen uns heute noch oft, und damit ist alles gut.  

Uli Hoeneß hat der Biathletin Magdalena Neuner das Angebot gemacht, bei den Bayern in der Merchandising-Abteilung einzustiegen, die Sie leiten. Was halten Sie von der Idee?  

Wenn man sieht, wie gewissenhaft und ausdauernd Sie ihren Sport betreibt, dann denke ich, dass sie diese Attribute auch im Berufsleben einbringt. Das ist ein sympathisches Mädchen, die man ohne Probleme überall hin schicken kann, um die Marke FC Bayern zu vertreten. Ich hätte also hunderprozentig Verwendung für Sie. Und vielleicht lernen dann einige bei uns noch Langlaufen.  

Heute spielt Bayern gegen Stuttgart. Was erwarten Sie von dem Spiel?  

Das wird für uns ganz schwierig, weil die Verlängerung Kraft gekostet hat. Da müssen wir schauen, dass wir lange kein Tor kassieren und vorne einer von den Burschen trifft.  

Im Stadion werden Sie an ihrem Geburtstag sicher eine Menge Hände schütteln müssen.  

Ach, das werde ich auch noch überleben.

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