Welcher Torwart-Typ sind Sie, Bernd Leno?

»Ich muss nicht in den Pfosten beißen«

2011 wechselte Bernd Leno zu Bayer Leverkusen und wurde mit 19 Jahren zum Stammtorwart. In dieser Saison wird er sein 100. Bundesligaspiel absolvieren. Ein Interview über die Werkself, WM-Torhüter, die Nationalmannschaft und Real Madrid.

Bernd Leno, wie haben Sie die WM verfolgt?
Wie alle anderen Fans auch: vor dem Fernseher. Mal alleine, mal mit Freunden. Jetzt bin ich aber gespannt, warum Sie fragen.
 
Die WM galt auch als Weltmeisterschaft der Torhüter. Neuer, Ochoa, Bravo, Navas, Howard. Wie haben Sie die Leistung der Kollegen gesehen?
Da waren schon einige Teufelskerle dabei, die richtig starke Leistungen gezeigt haben. Mir ist aufgefallen, dass viele Torhüter bei der WM ruhig und sachlich aufgetreten sind. Die haben keine wilden Aktionen gezeigt, keine Spieler umgehauen oder gebissen. (lacht) Das fand ich schon beeindruckend.
 
Wer hat Sie besonders fasziniert?
Manuel Neuer. Wie er mitgespielt hat, besonders gegen Algerien, das war schon Extraklasse. Neben ihm haben mich vor allem Claudio Bravo von Chile und Guillermo Ochoa von Mexiko überzeugt. Das waren richtige Persönlichkeiten, mit einer perfekten Ausstrahlung und Ruhe. Ochoa kannte ich zum Beispiel gar nicht. Wie er im Spiel gegen Brasilien gehalten hat, überragend!
 
Sie geraten ja richtig ins Schwärmen. Gucken Sie sich von diesen Torhütern Dinge ab?
Nein, das nicht. Aber ich schaue ihnen gerne zu. Bei einer WM treffen verschiedene Torwartschulen aufeinander. Die Südamerikaner sind sehr schnell und flink auf den Beinen. In Deutschland hingegen legen wir mehr Wert darauf, dass sich die Torhüter groß machen und gute Reflexe zeigen. Die Spanier sind wieder anders, so ein Mittelding zwischen beiden Stilen. So etwas interessiert mich.
 
Hatten Sie früher ein Vorbild?
Iker Casillas. Heute hat er vielleicht sein Limit erreicht, früher fand ich ihn aber super. Er hat alles gewonnen und eine unglaubliche Konstanz gezeigt.
 
Casillas gilt als ein sehr ruhiger und abgeklärter Zeitgenosse. Ähnlich wie Sie...
So bin ich halt, ein ruhiger, sachlicher Torwart, der keine großen Show-Sachen macht. Ich muss nicht jedes Mal in den Pfosten beißen, um mich zu profilieren.
 
Sie sind 22 Jahre alt, gehen nun in Ihre vierte Saison als Stammtorwart bei Bayer Leverkusen. Hätten Sie das gedacht, als sie vor drei Jahren gegen Werder Bremen debütierten?
Überhaupt nicht! Ich habe damals aus dem Nichts debütiert. Drei Tage nachdem Leverkusen mich 2011 aus Stuttgart verpflichtet hat, stand ich schon in der Startelf, einen Monat später spielte ich zum ersten Mal Champions League. Auch wenn das alles gut lief, wusste ich ja lange Zeit nicht, wo die Reise hin geht. Ich war ja nur ausgeliehen. Daher war nicht abzusehen, dass es so gut laufen wird.
 
Wie ist das eigentlich, wenn man vom Nobody zum Bundesligatorwart wird?
In den Verhandlungen mit Leverkusen hat Sportdirektor Rudi Völler von Anfang an klar gesagt: ›Bis René Adler zurückkommt, wirst du spielen!‹ Ich habe gedacht: ›Cool, hoffentlich klappt das.‹ Donnerstags bin ich dann tatsächlich gewechselt – sonntags war das Spiel. Und plötzlich war ich richtig nervös.
 
Warum?
Ich habe meine ganze junge Karriere auf den Moment hingearbeitet, in der Bundesliga zu spielen. Plötzlich hatte ich aber einen riesigen Respekt davor. Das Schlimmste war, als wir mit dem Bus zum Stadion gefahren sind. Ich war so nervös. Dann das Aufwärmen, zurück in die Kabine, Blick auf die Uhr: Noch 13 Minuten. Ich erinnere mich genau. Die Anspannung war höllisch.
 
Und dann?
Mit Betreten des Rasens war alles weg. Wir gingen raus, die Zuschauer jubelten. Das Gefühl kann ich kaum beschreiben, da hat man so eine Gänsehaut. Plötzlich war nur noch eine total positive Anspannung da – und riesige Vorfreude.
 
Heute haben Sie bereits 99 Bundesligaspiele auf dem Buckel.
Die drei Jahre kamen mir gar nicht vor wie drei Jahre. Und die 99 Spiele nicht wie 99 Spiele. Das ist für einen 22-jährigen Torwart schon eine Menge. Ich bin Bayer Leverkusen jedenfalls sehr dankbar, für die Chance und das Vertrauen.
 
In diesem Jahr trainieren Sie bei Bayer bereits unter dem vierten Trainer. Fehlt in Leverkusen die Konstanz?
Im Bezug auf die Trainerposition vielleicht. Es gab in den letzten Jahren zu viele Aufs und Abs. Zum Beispiel im vergangenen Jahr. Es ist mir auch heute noch völlig unerklärlich, warum wir eingebrochen sind. Ich hoffe jetzt, dass mit dem neuen Trainer Roger Schmidt wieder Konstanz reinkommt. Wir wollen endlich den nächsten Schritt machen, nicht immer nur kurz davor sein.
 
Wie haben Sie Roger Schmidt in der Vorbereitung erlebt?
Der Trainer hat einen klaren Plan. Er legt die richtige Mischung aus Aggressivität und Menschlichkeit an den Tag. Spielerisch planen wir ein viel offensiveres Pressing. Ich finde richtig gut, dass wir endlich Eigeninitiative ergreifen und nicht mehr so viel abwarten.
 
Was heißt das konkret?
Wir wollen den Gegner mehr überraschen, nach einem Tor auch mal nachlegen und nicht direkt auf Defensive schalten. Wir wollen höher stehen, früher pressen, kompakt und kollektiv verschieben. Dadurch gehen wir zwar ein höheres Risiko, das wollen wir aber durch gutes Teamwork auffangen.
 
Die Neuzugänge Hakan Calhanoglu, Josip Drmic und Kyriakos Papadopoulos kennen die Bundesliga, dazu kommen mit Vladlen Yurchenko, Tin Jedvaj und Wedell drei junge Talente. Was darf man von Bayer Leverkusen erwarten?
Wir haben enorme Qualität dazu bekommen. Hakan Calhanoglu ist eine Waffe, das hat er in der Vorbereitung bereits gezeigt. Hinter Kießling haben wir jetzt mit Drmic eine starke Alternative. Und auch die jungen Talente können jederzeit einspringen. Mit diesem Kader wollen wir uns verbessern. Was das nach Platz vier heißt, kann sich jeder denken.
 
Wollen Sie auch in der Champions League besser abschneiden?
Wir sollten erst einmal die Qualifikation gegen Kopenhagen überstehen. Anschließend wollen wir aber angreifen. Es wäre klasse, wenn wir in dieser Saison mal ein Ausrufezeichen setzen können – vielleicht mit einem Viertelfinaleinzug.
 
Sie sind bereits 16 Mal in Champions- und sechsmal in der Europa-League-Spiele aufgelaufen. Wie zufrieden sind Sie mit ihrer persönlichen Bilanz?
In erster Linie bin ich stolz auf meinen großen Erfahrungsschatz. Wer hat den schon in diesem Alter? Allerdings gab es auch Spiele wie das 1:7 in Barcelona oder die 0:4-Pleite Anfang des Jahres gegen Paris. Das hätte auf jeden Fall besser laufen können.
 
Warum hat es trotz der internationalen Erfahrung bisher nicht zur Berufung für die Nationalmannschaft gereicht?
Keine Ahnung. Ich habe in der Champions League immer meine Leistung gebracht, das haben die anderen jungen Kollegen, außer Manuel Neuer, noch nicht vorzuweisen. Ich brauche mich vor keinem anderen zu verstecken. Wenn ich meine Leistung bringe, hoffe ich zeitnah einmal eingeladen zu werden. Allerdings kann ich mein Standing beim Bundestrainer überhaupt nicht einschätzen, da ich noch nie nominiert wurde.
 
Viele Experten sehen in Ihnen und Marc-André ter Stegen, den zwei ewigen Rivalen, die Zukunft im deutschen Tor.
Ach, dieses Gerede interessiert mich gar nicht. Es ist bekannt, dass unser Verhältnis nicht gut ist. Trotzdem ist dieses Torwart-Duell eher ein Medienthema. Wir werden sehen, wer sich sportlich durchsetzt. Immer wenn wir gegeneinander gespielt haben, hieß das Duell nicht Leno gegen ter Stegen, sondern Leverkusen gegen Gladbach. Und das war meist sehr erfolgreich für uns.
 
Ter Stegen ist vor dieser Saison zum FC Barcelona gewechselt, seinem Traumverein im Ausland. Hatten Sie früher auch einen Lieblingsverein?
Ich habe ja bereits über Casillas gesprochen. Noch heute kann ich mich genau an sein überragendes Spiel im Champions-League-Finale gegen Bayer Leverkusen erinnern. Real Madrid hat mich früher schon sehr fasziniert und war eine Art Lieblingsverein. Auf der Playstation zocke ich übrigens heute noch am liebsten mit Real. (lacht)
 
Ist es ein Traum mal für die »Königlichen« zu spielen?
Ich bin erst 22 Jahre alt. Bei Leverkusen habe ich erlebt, dass alles sehr schnell gehen kann. Das Ausland ist aber sicher reizvoll. Eine neue Sprache, eine neue Kultur – das könnte ich mir durchaus einmal vorstellen. Ich bin aber nicht so vermessen, zu sagen, dass ich auf jeden Fall mal bei Real spielen werde.

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