16.05.2013

Welchen Einfluss hat ein Sportpsychologe im Abstiegskampf, Martin Meichelbeck?

»In Düsseldorf ist die Angst am größten«

Martin Meichelbeck war lange Zeit Profi beim VfL Bochum und bei der SpVgg Greuther Fürth. Inzwischen ist er Leiter der medizinischen Abteilung und Sportpsychologe bei den Kleeblättern. Ein Gespräch über den Heimfluch der Fürther und Psychologie im Abstiegskampf.

Interview: Sebastian Wolf Bild: Imago


Martin Meichelbeck, Sie dürften als Sportpsychologe in dieser Saison besonders gefordert gewesen sein. Fiebern Sie schon der Sommerpause entgegen?
Nein, mein Arbeitsaufwand war genau der gleiche wie in den Jahren zuvor.

Aber wird ein Sportpsychologe nicht gerade im Abstiegskampf benötigt?
Sportpsychologie ist im Erfolgsfall genauso wichtig wie beim Misserfolg. Selbst wenn man erfolgreich ist, gibt es immer unzufriedene Spieler. Der Arbeitsaufwand ist deshalb auch dann im gleichen Maße gegeben. Hier in Fürth begreifen wir die Sportpsychologie als einen wichtigen Baustein in einem Gesamtkonstrukt. Er ist gleichzusetzen mit Bereichen wie Physiotherapie, Athletik-Training oder Videoanalyse. In der öffentlichen Wahrnehmung wird um dieses Thema immer ein riesiger Hype gemacht, der selten der Realität entspricht.

Was meinen Sie konkret?
Wenn es schlecht läuft, dann heißt es gleich: »Das ist ein Kopfproblem«. Im Erfolgsfall wird dagegen alles als selbstverständlich hingenommen. Dabei steuert unser Kopf genauso positive wie negative Dinge. Die Außenwahrnehmung der Psychologie ist also sehr oft plakativ und übertrieben.

Wie kann sich denn ein Außenstehender die alltägliche Arbeit eines Sportpsychologen bei einem Bundesligaverein vorstellen?
Zum Großteil arbeiten wir individuell. Wir haben bei uns sehr viele junge Spieler im Kader. Für die ist es wichtig, dass man gemeinsam mit ihnen Ziele für ihre Weiterentwicklung formuliert, an denen sie sich orientieren können. Hier geht es sehr viel um Bewusstseinsschulung, Professionalität und Ressourcenaktivierungen. Dann gibt es Spieler, die sich großen Druck machen. Hier sind Gedankenstrukturierungen ein wichtiger Bestandteil, auch in Verbindung mit Entspannungsübungen. Die psychologische Betreuung der Verletzten fällt ebenso in meinen Arbeitsbereich.

Sind Sie auch bei den Trainingseinheiten vor Ort?
Ja, ich bin regelmäßig dabei. Die Spieler kriegen dadurch das Gefühl, dass sie in mir einen permanenten Ansprechpartner haben. Das betrifft berufliche Dinge, wie Konflikte mit einem Mitspieler oder dem Trainer, aber auch private Angelegenheiten und Entscheidungsprozesse.

Das Bild eines reinen Motivators wird Ihrer Tätigkeit also nicht gerecht.
Die Motivation ist natürlich auch ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit. Hier geht es aber um die richtige Kanalisierung der Motivation. Profis haben meist von Natur aus eine hohe, manchmal zu hohe Motivation. Bei Motivationstechniken darf man es aber nicht übertreiben, weil es sonst schnell verpufft. Grundsätzlich halte ich deshalb im vier bis sechs Wochen Rhythmus Teamsitzungen ab, wo wir uns mit verschiedenen Themen befassen.

Kommt Ihnen dabei Ihre langjährige Erfahrung als Fußballprofi zu Gute?
Ich versuche die psychologischen Aspekte, mit meinen eigenen Erfahrungen als Profi zu kombinieren und sie fußballspezifisch zu verrmitteln. Da geht es dann zum Beispiel um Dinge wie die Kommunikation und Coaching auf dem Platz.

Von einem Trainer wird heutzutage mehr denn je verlangt, auch ein guter Psychologe zu sein. Fragt Sie Ihr Trainer in dieser Hinsicht um Rat?
Ja, auch unsere Trainer werden von mir bei Bedarf gecoacht. Mit Mike Büskens stand ich in einem sehr engen, vertrauensvollen Austausch und das ist mit Frank Kramer nicht anders. Ich möchte dabei aber immer im Hintergrund bleiben.

Der Abstieg Ihrer Mannschaft stand bereits zu einem außergewöhnlich frühen Zeitpunkt fest. Wie schafft man es, den Druck trotzdem hoch zu halten?
Die Freude am Fußball, sprich die intrinsische Motivation, sollte für einen Spieler immer im Vordergrund stehen. Zu dieser Freude gehört eben auch dazu, dass jeder auf den Platz geht, um mit seiner Mannschaft erfolgreich zu sein. Das versuchen wir zu vermitteln.

In dieser Saison konnte Ihre Mannschaft kein einziges Heimspiel gewinnen. Dabei ist das eigene Publikum eigentlich das Faustpfand eines Aufsteigers. Wie erklären Sie sich diese Negativserie aus psychologischer Sicht?
Die Ursachen, warum wir am Ende keines unserer Heimspiele gewonnen haben, sind vielschichtig. Zum einen haben wir sehr viele junge Spieler in unseren Reihen, die noch nie in der Bundesliga gespielt haben. Zum anderen mussten wir die ersten beiden Heimspiele gegen den FC Bayern und den FC Schalke bestreiten. Das war für die Jungs direkt zu Beginn ein herber Dämpfer, der deutlich gemacht hat, in welcher Welt sich solche Mannschaften bewegen. Ansonsten waren wir in vielen Spielen die bessere Mannschaft. Auch wenn die Ergebnisse das vielleicht nicht zum Ausdruck bringen, gab es kaum ein Heimspiel, in dem wir dem Gegner wehrlos gegenüber standen. Das Miteinander und die Leidenschaft waren immer vorhanden. Es lag deshalb eher an sportlichen Aspekten wie mangelnder Effektivität im Offensivbereich und der nötigen Konsequenz in der Defensivarbeit.

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