20.05.2013

Was macht Fußballstadien so faszinierend?

»Stadien leben von ihren Makeln«

Reinaldo Coddou H. fotografiert seit Jahren Fußballstadien, unter anderem zeichnet er sich für die Stadionposter in 11FREUNDE. Für unsere aktuelle Ausgabe »50 Jahre Bundesliga« sprachen wir mit ihm über pöbelnde Fans, Geheimtipps und die bedrohliche Atmosphäre der Bielefelder Alm.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Reinaldo, mal angenommen, es gäbe Menschen, die noch nie in ein Bundesligaspiel gesehen haben – welches Stadion würdest du für den ersten Besuch empfehlen?
Das Westfalenstadion. So imposant, so mächtig und so laut ist kein anderes Stadion in Deutschland. Und das sage ich, obwohl ich ganz sicher nicht unter Verdacht stehe, mit dem BVB zu sympathisieren.

Was macht den Charakter dieses Stadions aus?
Vieles ist wie früher: Man ist nah dran am Spielfeld, die Ränge sind extrem steil und diese riesige Stehplatztribüne ist einzigartig in Europa. Selbstverständlich sind auch in Dortmund in den vergangenen Jahren viele Modefans dazugekommen, das lässt sich nicht mehr vermeiden. Aber die Stimmung ist trotz allem authentisch geblieben. Das haben viele andere Vereine nicht geschafft.

Du bist als Fan und Fotograf seit vielen Jahren in Stadien unterwegs. Was muss eine Spielstätte deiner Meinung nach leisten?
Es muss faszinierend und bedrohlich zugleich sein. Im Idealfall macht sich die gegnerische Mannschaft schon in die Hose, wenn sie nur den Namen des Stadions hört, in dem am Wochenende gespielt wird. Eng, laut und respekteinflößend – wenn das Stadion deines Klubs das zu bieten hat, macht der Besuch gleich doppelt so viel Spaß.

Welche Klubs haben diesen Angstfaktor zu bieten?
Leider keine mehr, selbst Dortmund nicht. Da müsste schon eine sehr ängstliche Mannschaft auflaufen, und die kann ich gegenwärtig in der Bundesliga nicht ausmachen.

Du bist bekennender Fan von Arminia Bielefeld – wie bedrohlich war und ist die Alm?
Für mich ist die Alm selbstverständlich weiterhin das schönste bedrohlichste Stadion der Welt. Das mögen viele Leser dieses Interviews anders sehen. Aber ich erinnere mich an ein Erstligaspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern, als ich in einem ruhigen Moment lautstark Lauterns Marco Engelhardt beschimpfte. Er hörte mich, starrte mich an – und schoss keine 60 Sekunden später ein Tor. Verdammt!

Abgesehen von der Alm und dem Westfalenstadion – welche Bundesligaspielstätte hast du besonders ins Herz geschlossen?
Das alte Bökelberg-Stadion in Mönchengladbach! Drei wahnsinnig steile Stehplatztribünen ohne Dach, auf einem Hügel inmitten einer spießigen Reihenhaussiedlung. Und wenn man auf die Tribünen wollte, musste man erst die Treppen hochstiefeln und schaute dann von oben in diesen brodelnden Kasten hinab. Atemberaubend.

Ein Stadion, das Lust auf Fußball machte.
Absolut! Der Bökelberg war für mich auch immer Vorfreude. Man lief durch die engen Straßen, rechts und links irgendwelche Reihenhäuser und über allem der Glanz der Flutlichter. Wie aus dem Nichts stand man dann plötzlich vor dem Stadion. Als Bielefelder, der sich längst an die Fahrstuhlfahrten durch die Ligen gewöhnt hat, bedeuteten Auswärtsfahrten nach Mönchengladbach oder Dortmund immer auch das Gefühl: Hey, wir sind zurück im ganz großen Geschäft!

Das Bökelberg-Stadion ist längst abgerissen, in der Bundesliga dominieren neue oder rundum renovierte Stadien aus dem Modellbaukasten. Trauerst du den alten Zeiten hinterher?
Hm. Trauern ist das falsche Wort. Niemand fand es früher toll, im Februar bei zwei Grad im Schneeregen zu stehen. Aber es gehörte eben zum Stadionbesuch dazu. Es hatte seinen eigenen Charme, und das ist letztlich auch der Unterschied zum TV-Fußball. Den Kontrast vermisse ich schon manchmal. Gleichzeitig habe ich nichts dagegen, ein Spiel im Trockenen zu sehen. Vielleicht bin ich auch einfach älter geworden. (lacht)

Was war dein emotionalster Stadionbesuch?
16. August 1996, das erste Bundesligaspiel von Arminia nach elf Jahren Abstinenz. Freitagabend, 20 Uhr, Flutlicht, Bökelberg! Fünftausend Bielefelder waren da, eine wunderbare Stimmung! Uli Stein hat uns damals ein 0:0 festgehalten.

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