Was macht Fußballstadien so faszinierend?

»Stadien leben von ihren Makeln«

Reinaldo Coddou H. fotografiert seit Jahren Fußballstadien, unter anderem zeichnet er sich für die Stadionposter in 11FREUNDE. Für unsere aktuelle Ausgabe »50 Jahre Bundesliga« sprachen wir mit ihm über pöbelnde Fans, Geheimtipps und die bedrohliche Atmosphäre der Bielefelder Alm.

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138

Reinaldo, mal angenommen, es gäbe Menschen, die noch nie in ein Bundesligaspiel gesehen haben – welches Stadion würdest du für den ersten Besuch empfehlen?
Das Westfalenstadion. So imposant, so mächtig und so laut ist kein anderes Stadion in Deutschland. Und das sage ich, obwohl ich ganz sicher nicht unter Verdacht stehe, mit dem BVB zu sympathisieren.

Was macht den Charakter dieses Stadions aus?
Vieles ist wie früher: Man ist nah dran am Spielfeld, die Ränge sind extrem steil und diese riesige Stehplatztribüne ist einzigartig in Europa. Selbstverständlich sind auch in Dortmund in den vergangenen Jahren viele Modefans dazugekommen, das lässt sich nicht mehr vermeiden. Aber die Stimmung ist trotz allem authentisch geblieben. Das haben viele andere Vereine nicht geschafft.

Du bist als Fan und Fotograf seit vielen Jahren in Stadien unterwegs. Was muss eine Spielstätte deiner Meinung nach leisten?
Es muss faszinierend und bedrohlich zugleich sein. Im Idealfall macht sich die gegnerische Mannschaft schon in die Hose, wenn sie nur den Namen des Stadions hört, in dem am Wochenende gespielt wird. Eng, laut und respekteinflößend – wenn das Stadion deines Klubs das zu bieten hat, macht der Besuch gleich doppelt so viel Spaß.

Welche Klubs haben diesen Angstfaktor zu bieten?
Leider keine mehr, selbst Dortmund nicht. Da müsste schon eine sehr ängstliche Mannschaft auflaufen, und die kann ich gegenwärtig in der Bundesliga nicht ausmachen.

Du bist bekennender Fan von Arminia Bielefeld – wie bedrohlich war und ist die Alm?
Für mich ist die Alm selbstverständlich weiterhin das schönste bedrohlichste Stadion der Welt. Das mögen viele Leser dieses Interviews anders sehen. Aber ich erinnere mich an ein Erstligaspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern, als ich in einem ruhigen Moment lautstark Lauterns Marco Engelhardt beschimpfte. Er hörte mich, starrte mich an – und schoss keine 60 Sekunden später ein Tor. Verdammt!

Abgesehen von der Alm und dem Westfalenstadion – welche Bundesligaspielstätte hast du besonders ins Herz geschlossen?
Das alte Bökelberg-Stadion in Mönchengladbach! Drei wahnsinnig steile Stehplatztribünen ohne Dach, auf einem Hügel inmitten einer spießigen Reihenhaussiedlung. Und wenn man auf die Tribünen wollte, musste man erst die Treppen hochstiefeln und schaute dann von oben in diesen brodelnden Kasten hinab. Atemberaubend.

Ein Stadion, das Lust auf Fußball machte.
Absolut! Der Bökelberg war für mich auch immer Vorfreude. Man lief durch die engen Straßen, rechts und links irgendwelche Reihenhäuser und über allem der Glanz der Flutlichter. Wie aus dem Nichts stand man dann plötzlich vor dem Stadion. Als Bielefelder, der sich längst an die Fahrstuhlfahrten durch die Ligen gewöhnt hat, bedeuteten Auswärtsfahrten nach Mönchengladbach oder Dortmund immer auch das Gefühl: Hey, wir sind zurück im ganz großen Geschäft!

Das Bökelberg-Stadion ist längst abgerissen, in der Bundesliga dominieren neue oder rundum renovierte Stadien aus dem Modellbaukasten. Trauerst du den alten Zeiten hinterher?
Hm. Trauern ist das falsche Wort. Niemand fand es früher toll, im Februar bei zwei Grad im Schneeregen zu stehen. Aber es gehörte eben zum Stadionbesuch dazu. Es hatte seinen eigenen Charme, und das ist letztlich auch der Unterschied zum TV-Fußball. Den Kontrast vermisse ich schon manchmal. Gleichzeitig habe ich nichts dagegen, ein Spiel im Trockenen zu sehen. Vielleicht bin ich auch einfach älter geworden. (lacht)

Was war dein emotionalster Stadionbesuch?
16. August 1996, das erste Bundesligaspiel von Arminia nach elf Jahren Abstinenz. Freitagabend, 20 Uhr, Flutlicht, Bökelberg! Fünftausend Bielefelder waren da, eine wunderbare Stimmung! Uli Stein hat uns damals ein 0:0 festgehalten.

Du bist den 11 FREUNDE-Lesern als Magazin-Mitbegründer und Fotograf der Stadionposter bekannt. Wann bist du das erste Mal beruflich in ein Stadion gegangen?
Ende der Neunziger für meine Diplomarbeit mit dem Titel »Fußballtempel«. Das waren die ersten Fotos in dem heute bekannten Stadionposterstil. Meine Kamera konnte ich noch problemlos als normaler Zuschauer im Rucksack mit ins Stadion nehmen. Viele Bilder entstanden seinerzeit bei Arminia-Auswärtsfahrten aus der Perspektive des Gästeblocks. Für die Spiele ohne Arminia-Beteiligung schrieb ich dem damaligen DFB-Pressechef Wolfgang Niersbach einen Brief und bat ihn um eine Art »Empfehlung« für die Bundesligaklubs, um für meine Arbeit in den Stadien akkreditiert zu werden. Die bekam ich dann auch. Und ich war plötzlich als Fotojournalist unterwegs.

Wer hat dich bei den Besuchen begleitet?
Um meine Diplomarbeit angemessen zu betexten, fand ich ein junges aufstrebendes Talent namens Philipp Köster. Wir kannten uns bereits aus der Bielefelder Fanszene. Wir fuhren durch die Lande, ich fotografierte, er textete. Und gemeinsam überstanden wir dann unter anderem eine Nacht im vielleicht schlimmsten Hotelzimmer Deutschlands, eine vergammelte Absteige auf St. Pauli, die sonst nur stundenweise vermietet wurde …

Mit welchem Arbeitsgerät bist du unterwegs?
Mit derselben Kamera, die ich seit damals benutze: einer Panoramakamera der Marke »Noblex«. Die habe ich mir als Student für damals 2000 DM gekauft. Ein Vermögen. Aber bis auf eine kleinere Reparatur ist sie mir in mittlerweile 15 Jahren immer treu geblieben. Ostdeutsche Wertarbeit!

Deine Fotos scheinen immer aus ein- und derselben Position geschossen zu werden. Was musst du bei deiner Standortwahl beachten?
Um möglichst viel von den Spielstätten einzufangen, stehe ich bei rechteckigen Stadion meistens hinter der Eckfahne, bei ovalen Stadien hinter dem Tor. Und das Licht muss beachtet werden.

Wann ist das erste Stadionposter in 11 FREUNDE 
veröffentlicht worden?
Das muss Ausgabe 21 gewesen sein, das Ruhrstadion zu Bochum. Damals noch zum Heraustrennen aus der Klammerheftung.

Du stehst für deine Fotos auf der Tribüne, inmitten der Fans. Hat es diesbezüglich schon mal Probleme gegeben?
Vor einigen Jahren wollte ich das Rostocker Ostseestadion aus der Perspektive der Hardcorefans fotografieren. Hansas Pressesprecher warnte mich vor den dort stehenden Althools, die nicht sonderlich gut auf die Presse zu sprechen seien. Ich ging trotzdem in den Block, klopfte einem der schweren Jungs auf die Schulter und bat ihn, mir doch Platz zu machen. Der schaute erst böse, ließ mich dann aber in Ruhe, als er erfuhr, dass ich für 11 FREUNDE fotografiere.

Welche Rolle spielen die Fans für ein Stadion?
Fans machen die an sich tote Materie erst zu einem lebendigen Biotop. Leere Stadien in ihrer architektonischen Wucht üben zwar auch eine Faszination aus, aber ohne Fans sind Stadien ja völlig nutzlos.

Deine Meinung zu Choreografien und Pyrotechnik?
Richtig gute Choreografien sind schon ein beeindruckender Anblick. Und gegen Bengalos oder Rauchtöpfe habe ich nichts, solange es halbwegs gesittet zugeht. Nur für provozierte Spielabbrüche fehlt mir das Verständnis.

Hast du ein Lieblingsfoto?
Das erste Stadionposter vom Bökelberg, als die Borussia den FC Bayern empfing. Die Gästekurve ist noch in den Rauch der Nebelkerzen gehüllt, die Gladbacher schmeißen mit Konfetti. Man sieht die Mannschaften einlaufen. Sieht Effenberg und Kahn, Andersson und den jungen Robert Enke. Die Atmosphäre ist fantastisch!

Gibt es ein Stadion aus 50 Jahren Bundesliga, das in deiner persönlichen Stadionposter-sammlung fehlt?
Das Leipziger Zentralstadion und das alte Wedaustadion in Duisburg habe ich leider nicht mehr fotografiert. Auch das alte Neckarstadion oder das noch unüberdachte Weserstadion hätte ich gerne in meinem Archiv.

Wie sieht das perfekte Bundesligastadion aus?
Das gibt es nicht, und man kann es schon gar nicht auf dem Reißbrett entwerfen. Stadien leben von ihren Makeln und von ihrer Geschichte. Und die kann man zum Glück nicht kaufen.

Du bist aus privaten und beruflichen Gründen häufig in Argentinien unterwegs. Gibt es dort ein Stadion, das du in der Bundesliga vermisst?
Das Estadio Tomas Adolfo Ducó von Club Atlético Huracán in Buenos Aires! Das besticht durch seine schlichte Schönheit. Die Tribünen sind weiß getüncht, die Sitze sind aus Zement gegossen und unglaublich unbequem. Es ist veraltet, es hat kein Dach, es bietet so gut wie keinen Komfort – und ich liebe es!

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