Was machen Sie in der Oberliga, Vahid Hashemian?

»Peter Neururer denkt noch an mich«

Vor kurzem spielte Vahid Hashemian noch vor 90.000 Zuschauern im Teheraner Azadi-Stadion. Nun beginnt er seine Trainerlaufbahn beim Oberligisten SV Halstenbek-Rellingen. Ein Gespräch über den FC Bayern, Kulturschocks und Geburtstagsgrüße von Peter Neururer.

Vahid Hashemian, vor wenigen Monaten haben Sie noch für Persepolis Teheran gespielt. Nun sind Sie in der Oberliga Hamburg gelandet. Eine harte Landung?
Wenn Sie die Zuschauerzahlen betrachten, ist es natürlich etwas anderes. Ins Azadi (Stadion von Persepolis, d. Red.) passen 90.000 Zuschauer, bei Spielen von Halstenbek-Rellingen kann ich das Publikum abzählen. Mal kommen 100, mal 150 Fans. Ich habe aber überhaupt kein Problem damit. Ich wollte das so.
 
Wieso?
Weil ich Trainer werden möchte und denke, dass man bei kleineren Vereinen eine Menge lernen kann.
 
Wie sind Sie überhaupt beim schleswig-holsteinischen Klub SV Halstenbek-Rellingen gelandet?
Ich kehrte Ende Juli 2012 nach Hamburg zurück, um als Trainer zu arbeiten. Doch alle Klubs hatten ihre Personalplanungen bereits abgeschlossen. Bei einem Spiel der HSV-Altliga lernte ich dann den ehemaligen Bundesligaprofi und heutigen Trainer von Halstenbek-Rellingen Thomas Bliemeister kennen. Er bot mir an, dass ich ab Herbst 2012 bei Halstenbek-Rellingen gleichberechtigt an seiner Seite Trainer sein könnte.
 
Sie haben früher gegen Mannschaften wie Juventus Turin, Fenerbahce oder Ajax Amsterdam gespielt. Heute heißen die Gegner TSV Buchholz 08 oder SC Vier- und Marschlande. Wie stark mussten Sie sich umstellen?
Ich blicke gerne auf meine Karriere und die großen Spiele zurück. Doch als Trainer muss man lernwillig sein. Und dazu gehört auch der Blick für das vermeintlich Kleine. Und ich versichere Ihnen: Das Niveau der Oberliga Hamburg ist gut.
 
Sie haben eine interessante Mannschaft. Wie kam es zum Comeback des 48-jährigen Claus Reitmaier?
Unsere Stammtorhüter hatten sich verletzt, also sprang Claus Reitmaier ein. Er ist ein erfahrener Keeper, immer als erster in der Kabine, ein Vorzeigefußballer. Er hat etliche Eins-zu-eins-Situationen mit Bravour gemeistert und uns einige Punkte gerettet. Sein Sohn trainiert übrigens auch bei uns.
 
Wie auch der Sohn von Rodolfo Cardoso.
Pablo Esteban Cardoso ist technisch versiert wie sein Vater. Leider war er längere Zeit verletzt und ist noch nicht richtig fit. Aber ich bin mir sicher: Er wird uns noch helfen!
 
Sie klingen sehr entspannt.
Bin ich auch. Alles ist gut hier. Ich fühle mich sehr heimisch.
 
Nachdem Sie 1999 von Pas Teheran zum HSV gewechselt waren, plagte Sie oft das Heimweh. 
Das war eine andere Zeit. Ich kam damals als junger Spieler alleine in ein fremdes Land. Ich verstand die Sprache nicht, die Kultur war mir neu und ich war alleine, meine Familie und meine Freunde waren im Iran geblieben. Außerdem lief es sportlich auch nicht gerade gut. Ich war nur Ersatzspieler. Heute ist die Situation anders, ich habe hier viele Freunde und kenne auch viele Iraner, die in Hamburg leben.
 
Sind Sie als Trainer eigentlich genauso höflich wie als Fußballer?
Natürlich. Ich habe Respekt vor dem Menschen, nicht vor Fähigkeiten oder Technik. Aber glauben Sie mir: Wenn mir Dinge nicht gefallen, kann ich sie trotzdem kritisieren.
 
Sie haben mal gesagt, dass man mit Höflichkeit im Fußball nicht immer weiterkommt.
Viele Trainer wünschen sich Spieler mit Ellenbogen, das stimmt. Doch ich hatte auch mit meiner Art eine gute Karriere.
 
Haben Sie ein Vorbild?
Ich habe von jedem Trainer ein paar Dinge mitgenommen. Von Peter Neururer, Frank Pagelsdorf oder Felix Magath. Ich will aber nicht versuchen, einen Trainer zu kopieren.
 
Was haben Sie von Felix Magath gelernt?
Dass das Training hart war, muss ich Ihnen vermutlich nicht erzählen. Doch es hatte auch seine positiven Seiten: Magath hat es tatsächlich geschafft, die Spieler besser zu machen.
 
Wie?
Jeder Sportler hat ja für gewöhnlich eine Grenze, zumindest nimmt er an, dass es eine Grenze gibt, die er nicht überwinden kann. Magath hat es durch sein Training und seine Ansprachen geschafft, diese Barriere im Kopf der Spieler einzureißen.
 
Haben Sie noch Kontakt zu Peter Neururer?
Längere Zeit nicht. Doch am  21. Juli, an meinem Geburtstag, klingelte mein Handy. Auf dem Display stand sein Name. Ich dachte, es ist sicherlich sein Sohn, denn Peter Neururer war ja gerade erst aus dem Koma aufgewacht (Neururer erlitt am 9. Juni 2012 erlitt einen Herzinfarkt und war für mehrere Tage im künstlichen Koma, d. Red.). Doch als ich abnahm, meldete er sich: Peter. Es war das schönste Geburtstagsgeschenk. Und das sage ich nicht nur so.
 
Weil er sich noch an Sie erinnert?
Der Profifußball ist geprägt von Zweckgemeinschaften. Die Spieler und Trainer brauchen sich für eine gewisse Zeit, doch wenn einer den Verein wechselt, wird er für gewöhnlich uninteressant für den Trainer. Ich finde es daher großartig, dass jemand wie Peter Neururer auch heute noch an mich denkt.
 
Sie haben beim VfL Bochum die beste Zeit Ihrer Karriere gehabt. Was hat Peter Neururer besser gemacht als andere Trainer?
Er hat mir Vertrauen gegeben.
 
So einfach?
Als ich 2001 zum VfL Bochum kam, war ich zunächst nur Ersatz und kam häufig als Joker ins Spiel. Eines Tages schlug ich dann die Zeitung auf und las dort ein Interview mit Peter Neururer. Dort stand: »Vahid ist stark, nur leider weiß er manchmal nicht, wie stark er wirklich ist.« Ich erinnere mich noch, wie ich diese Zeile wieder und wieder gelesen habe und dachte: Mensch, der Trainer setzt auf dich! Es hat mir wahnsinniges Selbstvertrauen gegeben. Ich habe mich danach in die erste Mannschaft gespielt und für den VfL Bochum in der letzten Saison 16 Tore gemacht.

Sie gingen anschließend zum FC Bayern. Bereuen Sie den Schritt heute?
Ich muss Ihnen dazu eine kleine Geschichte erzählen. Darf ich?
 
Gerne.
Als ich 1999 in Hamburg ankam, fragte mich ein Journalist bei meinem ersten Interview, welchen deutschen Verein ich früher besonders toll fand. Ich antwortete wahrheitsgemäß: Bayern München. Er guckte mich mit großen Augen an, dann sagte er: »Aber Sie wissen, dass Sie nun für den HSV spielen?« Natürlich wusste ich das, aber warum hätte ich lügen sollen.
 
2004 ging mit dem Wechsel nach München also ein Traum in Erfüllung?
So war es. Ich bekam in meinem Jahr einige Chancen, doch ich habe sie leider nicht genutzt. Die Konkurrenz war mit Roy Makaay, Claudio Pizarro, Paolo Guerrero und Roque Santa-Cruz auch sehr hoch. Zumal wir meistens nur mit einem Stürmer gespielt haben. 
 
Sie wären in jener Saison beinahe der erste muslimische Iraner gewesen, der seit der islamischen Revolution von 1979 nach Israel gereist wäre. Sie sagten das Spiel bei Tel Aviv dann aber wegen einer Verletzung ab. Waren Sie wirklich verletzt?
Ganz sicher! Ich habe mich meine ganze Karriere mit Rückenproblemen herumgeplagt. Schon 2002 hatte mir ein Arzt gesagt, dass ich besser aufhören sollte Fußball zu spielen. Ich war so häufig beim Arzt, lief so oft mit Spritzen auf. Ich wollte ja eigentlich auch noch zwei Jahre bei Persepolis spielen, aber die Rückenschmerzen kamen zurück – also beendete ich meine Karriere.
 
Herr Hashemian, haben Sie ein Ziel?
Ich träume davon, einmal einen meiner Ex-Klubs zu trainieren. Den VfL Bochum, den HSV, Hannover 96...
 
Beim FC Bayern sind die Personalplanungen abgeschlossen.
(lacht) Stimmt. Aber mein Lebensmotto lautet: Du sollst einen großen Traum haben – und alles dafür geben!

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