Was kann die DFB-Elf von den Bayern lernen, Manuel Neuer?

»Wir können es eigentlich«

Fußball-Torhüter Manuel Neuer über die Defensivschwäche der deutschen Mannschaft, seine Zuversicht für die WM 2014 in Brasilien und was die Nationalmannschaft vom FC Bayern lernen kann.

Manuel Neuer, Sie haben in der vergangenen Spielzeit alle Titel mit den Bayern gewonnen, jetzt auch schon wieder den europäischen Supercup. Besteht da nicht die Gefahr, dass Sie genügsam werden?
Sie werden lachen, aber darüber mache ich mir keine großen Gedanken. Ich bin ja zu den Bayern gewechselt, gerade weil ich möglichst viele Titel gewinnen wollte. Dass das schon im zweiten Jahr so funktioniert hat, konnte man nicht voraussehen. Eine gute Mannschaft hatten wir schon im Jahr davor. Dann haben wir uns personell noch einmal so verbessert, dass wir eine gute Mischung hatten und perfekt harmoniert haben. Am Ende hat alles gepasst.

Woher nimmt das Team die Motivation?
Wenn ein neuer Trainer bei einer erfolgreichen Mannschaft anfängt, wie Pep Guardiola bei den Bayern, dann beginnt vom ersten Tag der Kampf um die Plätze. Bei mir vielleicht nicht unbedingt, aber bei der Klasse, die wir in der Mannschaft haben, geht es darum, wer überhaupt spielen kann und wer nicht. Da kann sich keiner sicher sein. Dadurch ist die Motivation gleich groß, sich positiv zu zeigen.

Wie ist das bei Ihnen? Sie sind sowohl bei den Bayern als auch in der Nationalmannschaft die klare Nummer eins. Neigt man nicht dazu, im Training mal ein bisschen weniger zu machen?
Das ist nicht mein Ding. Man trainiert ja nur für sich selber. Ich bin ein Typ, der immer an sich arbeitet, der nie versucht, es mal ein bisschen ruhiger angehen zu lassen. Ich will mich entwickeln und ans Limit gehen. Das war früher so, und das ist heute immer noch so. So wie man trainiert, so spielt man auch.

Wie trainiert denn die Nationalmannschaft in dieser Woche vor dem Spiel gegen Österreich: mit einem stärkeren Fokus auf die Defensive?
Ja, wir wollen versuchen, aus den beiden Duellen mit Österreich und den Färöern hinten mit einer null rauszugehen. Das ist mein persönliches Ziel und das ist auch das Ziel unserer Defensivspieler.

Das Thema Defensivarbeit nimmt in der öffentlichen Diskussion großen Raum ein. Tut es das auch im Mannschaftskreis?
Wir haben das letzte Spiel …

… das 3:3 gegen Paraguay …
… in mehreren Sitzungen noch einmal analysiert. Grundsätzlich ist es unser Ziel, hinten gut zu stehen und möglichst zu null zu spielen. Denn dass wir vorne die Qualität haben, Tore zu erzielen, das wissen wir. Es war in den vergangenen Jahren immer der Fall, dass wir Torchancen kreieren und vorn eiskalt sind.

Halten Sie die allgemeine Aufregung um die Probleme der deutschen Defensive für überzogen?
Wissen Sie, es ärgert uns doch auch, wir reden ja darüber. Sonst wäre es schlecht. Das Thema ist uns ernst und wichtig.

Ist die Mannschaft lernfähig genug, um es schon am Freitag gegen Österreich deutlich besser zu machen?
Schauen Sie sich doch mal an, wie sich die Nationalmannschaft seit 2004 entwickelt hat. Wir haben spieltechnisch enorme Fortschritte gemacht.

Spüren Sie als Torhüter schon vor einem Spiel, wenn bei der Mannschaft die letzte Bereitschaft zur Defensive fehlt?
Nein, das hängt von den ersten Minuten ab: wie man selbst ins Spiel kommt, was der Gegner macht.

Wenn Sie wie gegen Paraguay drei Tore in einer Halbzeit kassieren – wie schwer fällt es Ihnen dann, positiv zu bleiben, auch im Umgang mit Ihren Mitspielern?
Das ist schwierig zu beantworten. Man hat ja keine Alternative. Man muss weitermachen, der Schiedsrichter pfeift ja nicht nach dem 1:3 das Spiel ab. Wäre auch schade gewesen (lacht). Mir hat mal ein Fußballlehrer gesagt: Für einen Torwart geht es immer bei null los, egal wie der Spielstand ist. Und so spiele ich auch.

Sie sind also keiner, der seine Mitspieler dann anschnauzt?
Natürlich spreche ich sie an. Aber ich schnauze nicht. Wenn einer einen Fehler macht, weiß er das selbst am besten. Ich bin keiner, der noch einmal drauf tritt, wenn jemand am Boden liegt. Man will ja helfen.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob ein Tor fällt, weil Sie einen Fehler gemacht haben oder ein Mitspieler?
Ich bin nie glücklich über ein Gegentor. Klar macht man sich mehr Gedanken, wenn man selbst involviert war, aber im Grunde ändert sich dann der Spielstand auch nicht.

Ist es, ganz konkret, ein Problem, dass heutzutage im Fußball immer offensiver verteidigt wird?
Das kann man doch gar nicht so generell sagen. Wenn ich mit Greuther Fürth gegen Barcelona spiele, dann kann ich nicht offensiv verteidigen. Das weiß ich als Greuther Fürth. Ich bin Torwart vom FC Bayern und der Nationalmannschaft. Da haben wir die Spieler und die Qualität, um so zu spielen. Das heißt, wir können schon in der gegnerischen Hälfte Bälle erobern und gewinnen. Dann ist es zum gegnerischen Tor erfahrungsgemäß kürzer. Dieses Spiel birgt Risiken, aber wenn man das gut trainiert und die Dinge, die man sich vornimmt, automatisch greifen, wenn man die Absprachen einhält und viel miteinander spricht, dann funktioniert das.

Fehlt der Nationalmannschaft noch die richtige Mischung zwischen Defensive und Offensive?
Das denke ich nicht. Wir haben schon gezeigt, dass wir gut, stabil und erfolgreich sein können. Vielleicht waren unsere Defensivprobleme gegen Paraguay darauf zurückzuführen, dass wir in Kaiserslautern nur wenig Vorbereitungszeit hatten. Wenn wir etwas Zeit haben und uns gut darauf vorbereiten, wie wir den Gegner bespielen wollen, können wir das auch umsetzen.

Aber das Problem hat es auch schon vor dem Paraguay-Spiel gegeben.
Für mich sind die Turniere entscheidend. Bei der WM in Südafrika haben wir sehr wenig zugelassen. Gegen Griechenland hingegen …

…beim 4:2 im Viertelfinale der EM 2012 …
… war es eigentlich schon zu viel. Wir haben davor in der Gruppenphase ganz gut in der Defensive gestanden. Das zeigt, wir können es eigentlich. Wenn wir das abrufen, habe ich bei uns gar keine Bedenken. Wenn wir in solchen Spielen zu null spielen, können wir auch sagen: Wir gehören bei der WM zum Favoritenkreis.


Wie groß ist Ihre Zuversicht im Hinblick auf die WM 2014?
Wir wollen doch immer um den Titel mitspielen. Leider ist uns der große Coup bisher nicht gelungen. Trotzdem: Wir müssen daran glauben. Gerade jetzt, da die Bundesliga einen großen Sprung gemacht hat. Viele Nationen haben Respekt vor uns, und wir können mit Selbstvertrauen in die Spiele gehen. Aber wir wissen auch, dass es eine Erwartungshaltung gibt. Wir alle sollten Respekt vor dem Können anderer großer Fußballnationen haben. Das Wichtigste aber ist, dass wir an uns glauben.

Tut das die Mannschaft?
Ich schon (lacht).

Würden Sie denn sagen, es ist immer noch so: Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Titel?
Da ist was dran. Nur über eine stabile Defensive und wenig Gegentore kann man zu Titeln kommen.

Warum fällt der Nationalmannschaft das so schwer? In den Vereinen zeigen die Spieler doch auch, dass sie es können.
Es gibt ja verschiedene Philosophien, die die Vereinstrainer ihren Spielern vermitteln. Das ist immer eine Umstellung, wenn man zur Nationalmannschaft kommt. In einer bestimmten Besetzung haben wir vielleicht ein halbes Jahr nicht gespielt, dann muss man sich wieder neu aufeinander einstellen. Das wäre bei Ihnen doch genauso: Wenn Sie jetzt etwas über Kultur schreiben müssten…

Die argentinische Trainerlegende Cesar Luis Menotti hat einmal gesagt, es gebe zwei Arten von Trainern. Für die einen ist es entscheidend, was man macht, wenn man den Ball hat. Für die anderen das, was man macht, wenn man den Ball nicht hat.
Das kann man so nicht trennen, für mich gehört beides zusammen.

Neuer widerspricht Menotti!
(lacht) Das ist mir egal. Für mich ist immer wichtig, dass wir die spielbestimmende Mannschaft sind, auch wenn wir den Ball nicht haben. Denn dann bestimmen wir immer noch, was der Gegner mit dem Ball machen kann. Wenn wir hinten stehen und der gegnerische Innenverteidiger mit dem Ball 20 Meter laufen kann, dann haben wir bestimmt, dass er unserem Tor 20 Meter näher kommt.

Man kann ihn ja auch bewusst mit dem Ball laufen lassen.
Ja, das ist dann aber unsere strategische Überlegung. Wenn ihn jemand von uns weiter vorn attackiert hätte, kann er nicht 20 Meter Raumgewinn machen.

Herr Neuer, was kann die Nationalmannschaft von den Bayern lernen?
Es ist schwer, die Nationalmannschaft mit Vereinsmannschaften zu vergleichen. Ich glaube aber, dass die Nationalmannschaft gar nicht viel lernen muss. Sie besteht ohnehin aus vielen Bayernspielern, dazu kommen die Dortmunder, die ähnlich spielen wie wir.

Vielleicht braucht die Nationalmannschaft den Siegeswillen der Bayern. Im Supercup-Finale gegen Chelsea lagen Sie 0:1 zurück, dann 1:2 – und haben am Ende gewonnen.
Das Beispiel ist doch Paraguay. Da lagen wir auch immer wieder hinten und sind jedes Mal zurückgekommen.

Aber Sie haben das Spiel nicht gewonnen.
Wenn es ein Elfmeterschießen gegeben hätte, hätten wir natürlich gewonnen (lacht). Wir haben schon die richtigen Typen in Nationalmannschaft, das können Sie mir glauben.

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