Was haben Sie in der Krawattenfabrik gelernt, Christian Hochstätter?

»Es wird viel geblufft«

Christian Hochstätter sanierte zuletzt eine Berliner Krawattenfabrik, jetzt ist er Geschäftsführer beim VfL Bochum. Für unser Bundesliga-Sonderheft sprachen wir mit ihm über Spielerberater, einen möglichen Aufstieg und Boutiquen.

Heft: #
141

Christian Hochstätter, nach Ihrer Entlassung als Sportdirektor bei Hannover 96 haben Sie vier Jahre außerhalb der Fußballbranche gearbeitet. Was haben Sie genau gemacht?
Zunächst bin ich noch als Spielerberater im Fußball geblieben. Die Perspektive, die man mir damals bei einer der größten Agenturen in Europa aufgezeigt hatte und damit, die andere Seite kennenzulernen, hat mich einfach gejuckt. Im Fußball gibt es dazu nicht so viele Möglichkeiten.

Und warum sind Sie nicht dabeigeblieben?
Ich sehe mich nicht als Akquisiteur, der irgendwo am Spielfeldrand steht und Spieler anquatscht, ob sie Lust hätten, bei der Agentur unterzukommen. Das war kein Job für mich. Aber in den sechs Monaten habe ich natürlich Einblicke bekommen, die ich vorher nicht hatte.

Inwiefern hilft Ihnen das heute?
Ich merke, dass die Berater wissen: Der hat selber als Berater gearbeitet und kennt sich aus. Ich weiß noch besser, wie oft gezockt wird. Da bekommt man von Beratern etwa ein Zeitlimit gesetzt, weil es noch Angebote von anderen Vereinen gibt, die aber nur fiktiv sind. Oder die Spieler haben vorher viel weniger verdient, als behauptet wird. Es wird viel geblufft.

Wie ist es nach dem halben Jahr als Berater weitergegangen?
Ich hatte nach meiner Zeit als Sportdirektor in Gladbach ein Fernstudium »Finanzdienstleistungen« angefangen, das ich unterbrechen musste, als ich in Hannover angefangen habe. Nach der Episode als Spielerberater bin ich bei einem Freund eingestiegen, dessen Firma Finanzdienstleistungen und Unternehmensberatung anbietet. Mich hat immer schon inte-
ressiert, warum eine Vermögensverwaltung zu 75 Prozent in Aktien investiert oder nur zu 60 Prozent. Wie kommen sie auf diese Aktien, welcher Fonds ist der richtige? Ich habe ein fiktives Portfolio erstellt und konnte mir so einen Überblick verschaffen.

Eine Simulation, um zu trainieren?
Genau. Und wenn etwas sehr gut lief, haben wir es unseren Kunden angeboten.

Haben Sie auch mal gedacht: »Eigentlich wollte ich Fußballmanager sein, und jetzt brüte ich hier über Aktienkursen?«
Gar nicht. Die einen sagen, der weiß nicht, was er will, der probiert alles aus. Die anderen sagen, der interessiert sich für Neues. Das ist Auslegungssache, aber ich wollte immer was über den Fußball hinaus machen. Deshalb hatte ich schon als Spieler in Mönchengladbach nebenbei eine Boutique.

War die erfolgreich?
Zunächst schon, aber ich habe damals unterschätzt, wie sauer die Leute bei Niederlagen auf dich sind. Wenn du verlierst und oben über dem Geschäft steht dein Name, läuft es schon mal schlechter. Nur, wenn ich auf etwas neugierig bin, dann mache ich das, deshalb bin ich auch in die Krawattenfabrik gegangen.
Wie bitte?
Manchmal muss sich eine Vermögensverwaltung auch um Unternehmensbeteiligungen ihrer Kunden kümmern. Dazu gehörte in einem Fall auch eine sehr traditionsreiche Krawattenfabrik in Berlin, die wirtschaftliche Probleme hatte. Mein Freund und ich haben eine Analyse gemacht, und wir sind anschließend ein halbes Jahr vor Ort gewesen, um das Unternehmen zu sanieren.

Was verstehen Sie denn vom Krawattenmachen?
Nichts, aber ich habe mich sowieso vor allem mit dem Personal und den Betriebsabläufen beschäftigt. Dazu bin ich drei Tage die Woche nach Berlin gekommen, in eine Stadt, die ich richtig gut finde. Das war eine sehr interessante Zeit, die möchte ich nicht missen. Inzwischen ist das Unternehmen auch auf einem guten Weg.

Haben Sie in der Krawattenfabrik etwas für Ihren jetzigen Job lernen können?
Wie gut die Kommunikation untereinander sein muss, damit man wirklich erfolgreich ist. Aber das wusste ich auch vorher schon, das ist im Fußball genauso.

Sind Sie als neuer Sportvorstand beim VfL Bochum gleich zum nächsten Sanierungsfall gekommen?
So sehe ich das überhaupt nicht. Der Klub ist übrigens viel besser aufgestellt, seriöser und professioneller, als man von außen denkt. Das hätte ich so nicht erwartet. Ich werde natürlich gefragt, woher ich meinen Optimismus nehme. Der Klub ist in den letzten beiden Jahren Elfter und 14. geworden, und ich komme an und erzähle, dass ich mit Bochum innerhalb der nächsten drei Jahre wieder in die erste Liga und in der kommenden Saison in der zweiten Liga eine ordentliche Rolle spielen will. Mir ist bewusst, dass das bei unserem Etat nicht einfach wird. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Spieler nicht so viel abrufen, wenn nicht so viel erwartet wird.

Wie ist es, nach vier Jahren in anderen Berufen wieder im Fußball zu arbeiten?
Wie nach Hause zu kommen. Ich fahre jeden morgen um halb sieben von Mönchengladbach nach Bochum. Meine Frau fragt mich, was ich denn da so früh will. Aber ich freue mich richtig drauf, ins Büro zu kommen, zumal so früh das Telefon noch nicht klingelt. Aber klar: Wir haben auch noch kein Spiel gemacht, und eine Krise gab es auch noch nicht.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!